Infrastruktur

Berliner Senat hält die Liste der maroden Brücken geheim

78 Bauwerke müssten dringend renoviert werden. Momentan geschieht das aber nur bei fünf Brücken pro Jahr. Wo die besonders gefährdeten Standorte sind, will die Senatsverwaltung aber nicht verraten.

Die Sperrung kam ohne jede Vorwarnung: Am 13. Januar untersagte die Verkehrsbehörde des Senats Fahrzeugen mit mehr als zwölf Tonnen Gesamtgewicht, die viel befahrene Freybrücke über die Havel in Spandau zu passieren. Die Brücke sei nicht mehr standsicher, so die Begründung. Prüfungen hätten ergeben, dass bereits bestehende Last- und Geschwindigkeitseinschränkungen nicht mehr ausreichen, um weitere Schäden am Haupttragwerk der Brücke zu verhindern. Für Lastkraftwagen und Busse der BVG mussten faktisch über Nacht neue Routen gefunden werden.

Doch die Spandauer Freybrücke ist längst kein Einzelfall in Berlin. Laut einer aktuellen Übersicht des Senats sind 78 Bauwerke in einem so schlechten Zustand, dass sie dringend saniert werden müssen. 29 Brücken davon sind so marode, dass aus Sicherheitsgründen Verkehrseinschränkungen verfügt wurden, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Antwort von Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler auf eine parlamentarische Anfrage der Berliner Grünen. Zu solchen Einschränkungen gehören etwa Tempolimits, Lkw-Überholverbote, Sperrungen von Fahrspuren oder die Begrenzung des zulässigen Gesamtgewichts, mit denen noch schlimmere Schäden verhindert werden sollen.

Komplette Liste bleibt geheim

Welche Brücken genau sanierungsbedürftig sind, dazu hüllt sich die Senatsverwaltung weitgehend in Schweigen. Trotz ausdrücklicher Anforderung bekam der Grünen-Abgeordnete Harald Moritz die von ihm gewünschte Gesamtübersicht nicht. Die Liste sei nicht statisch und verändere sich aufgrund aktualisierter Erkenntnisse und Prioritätensetzung ständig, heißt es zur Begründung von Staatssekretär Gaebler an das Abgeordnetenhaus.

„Offensichtlich will der Senat nicht damit rausrücken, weil er nicht sagen will, welche Brücken vielleicht demnächst zusammenbrechen werden“, kommentierte der Grünen-Verkehrsexperte Andreas Otto die geringe Auskunftsfreudigkeit des Senats. Aus seiner Sicht ist der desolate Zustand vieler Bauwerke Ergebnis einer verfehlten Investitionspolitik. „Wir fahren die Verkehrsinfrastruktur in Berlin seit Jahren auf Verschleiß“, sagte Otto.

Zu dieser Einschätzung kommt auch die Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg. „Berlin lebt momentan von der Substanz und nimmt damit einen immensen Werteverzehr in Kauf“, kritisierte deren Hauptgeschäftsführer Reinhold Dellmann. Aus seiner Sicht hat Berlin bei Straßen und Brücken dringenden Handlungsbedarf. Der Zustand vieler Berliner Brücken sei „besorgniserregend“. Da zu wenig Mittel zur Sanierung der Infrastruktur bereitgestellt werden, rechnen die Bauexperten mit einer weiteren Verschärfung der Probleme.

„Mit der Sperrung der Freybrücke für den Lkw-Verkehr rächt sich die Instandhaltungsstrategie des Senates“, sagte auch Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg (BIV). Am Beispiel der Freybrücke werde deutlich, dass die Sanierungsarbeiten nicht rechtzeitig in Angriff genommen wurden. Nun sei der Werteverzehr an der Brücke so sehr vorangeschritten, dass er spürbare Folgen für die Wirtschaft mit sich bringt. Nach Einschätzung des BIV stellt die Sperrung für den LKW-Verkehr auf der Freybrücke nur die berüchtigte Spitze des Eisberges dar. Sieben Brücken, die in Berlin unter die Zuständigkeit des Senats fallen, würden gleichfalls einen die Verkehrssicherheit beeinträchtigenden Zustand aufweisen.

Pro Jahr müssten elf Brücken erneuert werden

Die Rechnung der Bauexperten ist relativ einfach. Eine Brücke habe eine maximale Nutzungsdauer von 100 Jahren, danach müsse sie ersetzt werden. Bei rund 1100 Brücken, die in der Verantwortung des Berliner Senats liegen, müssten bei einer weitsichtigen Strategie pro Jahr elf Brücken erneuert werden. „So lange dies nicht passiert, werden Sperrungen wie jetzt bei der Freybrücke immer wieder vorkommen“, warnt Wunschel. Im Doppelhaushalt des Senates seien für 2014 und 2015 aber lediglich fünf neue Brücken eingeplant, die frühestens 2017 fertiggestellt werden sollen. Die anstehenden Ersatzbauten für weitere zwölf Brücken seien zudem verschoben worden.

Dringend sanierungsbedürftig ist auch die gleichfalls viel befahrene Salvador-Allende-Brücke in Köpenick, die wegen erheblicher Schäden demnächst einseitig gesperrt werden soll. Experten hatten an der noch zu DDR-Zeiten errichtete Überführung über die Spree Risse in der Stahlkonstruktion im westlichen Teil der Brückenkonstruktion entdeckt. Sie muss nun komplett erneuert werden. Laut Staatssekretär Gaebler soll mit dem Ersatz-Neubau im Herbst 2015 begonnen werden. Die Bauzeit werde voraussichtlich zwei Jahre dauern. Den Autoverkehr im Berliner Südosten dürfte die anstehende Vollsperrung der Brücke erheblich einschränken.

Doch die Senatsverkehrsverwaltung, die den Bauzustand der Brücken regelmäßig prüft, hat noch weitere Sorgenkinder. Etwa die Lindenhof-Brücke in Pankow, die im Zuge der Bundesstraße 109 über den nördlichen Berliner Autobahnring führt. Sie gehört zu den sieben Brücken in Berlin, die von den Bauexperten in die schlechteste Bewertungskategorie „ungenügender Bauzustand“ eingestuft wurden. In diese Kategorie fallen neben der Freybrücke auch noch eine Fußgängerbrücke am Tegeler Hafen und die Löwenbrücke im Tiergarten, gleichfalls eine Überführung nur für Fußgänger.

Dringender Handlungsbedarf bei der Bösebrücke

Dringenden Handlungsbedarf sehen die Bauexperten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aber auch für die geschichtsträchtige Bösebrücke, die am S-Bahnhof Bornholmer Straße über die S-Bahn-Gleise führt. Die Bilder von der Brücke mit jubelnden Menschen und Trabbi-Kolonnen gingen beim Mauerfall vor knapp 25 Jahren um die Welt, weil der dortige Grenzübergang als erster in der geteilten Stadt geöffnet wurde. „Die dringend notwendige Instandsetzung ist in der Planung“, sagte Behördensprecherin Daniela Augenstein. Nicht mehr gewartet werden könne auch bei der Potsdamer Brücke in Tiergarten, die im Zuge der Potsdamer Straße über den Landwehrkanal führt. „Der Zustand der Brücke wurde zwar als ausreichend bewertet, dennoch gibt es einen kleinen Bereich, bei dem sofort etwas getan werden muss“, sagte Augenstein. Mit der „relativ kleine Maßnahme“ soll noch in diesem Jahr begonnen werden, kündigte sie an.

Derzeit würden sich bei der Senatsverwaltung „knapp 20“ Bauprojekte für Brücken und Tunnel in der unmittelbaren Vorbereitung befinden. Weitere 30 Projekte seien bereits in der Ausführung, noch einmal 30 befänden sich in der Planung, sagte Augenstein. Im Doppelhaushalt würden knapp 45 Millionen Euro für die Erneuerung von Ingenieurbauwerken zur Verfügung stehen, hinzu kommen einmal 8,5 Millionen Euro pro Jahr für die laufende Instandhaltung.

Unterm Strich eine relativ bescheidene Summe angesichts der erheblichen Kosten. So ist allein der Ersatz-Neubau für die Freybrücke mit 33 Millionen Euro veranschlagt, 27,6 Millionen Euro kommen dabei jedoch vom Bund. Insgesamt rechnet Berlin in diesem Jahr mit Bundesmitteln für den Brücken-Neubau von rund 90 Millionen Euro.