Kahal Adass Jisroel

In Berlin-Mitte gründet sich eine neue jüdische Gemeinde

Die Kahal-Adass-Jisroel-Gemeinde feiert an der Brunnenstraße ihre Gründung – zumindest offiziell. Eigentlich gibt es die Gemeinschaft schon länger. Mittlerweile umfasst sie mehr als 250 Mitglieder.

Foto: Marion / Marion Hunger

Daniel Fabian kam wegen des jüdischen Lebens nach Berlin. Seine Familie stammt ursprünglich aus Rumänien, geboren wurde er in Israel, aufgewachsen ist er im Rheinland, studiert hat er in Aachen, aber in der Gegend fand Fabian keine Gemeinde, in der er so leben und glauben konnte, wie er wollte. "In einer Verbindung von den Geboten der Tora mit weltlichem Leben", erklärt Fabian.

Das heißt, vereinfacht gesagt, kein Auto oder Tramfahren am Schabbat, Fleisch und Milch beim Essen getrennt halten, die Tora studieren und trotzdem arbeiten. In Berlin hat er nun selbst dazu beigetragen, dass sich so eine Gemeinde gründet: Die Kahal Adass Jisroel. Am Dienstagabend feiert die neue Glaubensgemeinschaft ihre Gründung.

"Vor 13 Jahren fing alles mit einer Familie an", erzählt Daniel Fabian. "Heute sind es 70." Seine Frau und er haben ein Schulkind, zwei Kita-Kinder und ein Baby. Er selbst ist Rabbiner. Allerdings nicht von dieser Gemeinde, das hat als Ehrenamt Rabbiner Meir Roberg übernommen. Auch Roberg steht dafür, dass jüdisches Leben zurückkehrt nach Deutschland. Er wurde 1937 in Würzburg geboren, floh als Kind mit seinen Eltern nach London, wo er fortan lebte. Jetzt spielt sich sein Leben zwischen Jerusalem und Berlin ab.

Kahal Adass Jisroel hat mehr als 250 Mitglieder

Kahal Adass Jisroel hat mehr als 250 Mitglieder, die sich sehr für die Gemeinschaft engagieren. Die meisten sind wie die Fabians, junge Familien, die gezielt nach Mitte gezogen sind, weil sie orthodox leben wollten. Viele kamen aus Osteuropa hierher, manche mit dem Umweg über andere deutsche Städte. "Die jüdische Welt ist klein", erklärt Michelle Berger, die sich in der Gemeindeleitung engagiert. "Selbst in New York oder Paris hat sich schnell rumgesprochen, dass wir uns zusammengefunden haben." Berger arbeitet als Marketing-Beraterin, sie ist mit ihrem Mann und ihren Kindern vor drei Jahren von Köln nach Berlin gezogen, geboren ist sie in Luxemburg, ihre Familie stammt aus einem Gebiet, das heute in der Ukraine liegt.

In Berlin gab es schon einmal eine Gemeinschaft Adass Jisroel. Vor der Schoa. Gegründet wurde sie in den 1860er-Jahren, als Gegenbewegung zu den Reformbestrebungen der bestehenden jüdischen Gemeinde Berlins. Ihr erster Rabbiner war Esriel Hildesheimer. In der Tucholskystraße gibt es auch eine Gemeinde mit dem Namen Adass Jisroel. Zu dieser anderen Adass Jisroel wollen Berger und Fabian nichts sagen. "Wir sehen uns als die eigentliche Kontinuität von Adass Jisroel vor der Schoah und der Werte, die diese repräsentierte", sagt Berger. "Deswegen wollten wir unsere eigene Gemeinschaft gestalten." Zu den ehemaligen Mitgliedern der ursprünglichen Adass Jisroel Gemeinde, die heute in Israel oder den USA leben, pflegen sie auch Kontakt.

Mitgliederzahl der neue Kahal Adass Jisroel wächst

Im Grunde ist die neue Kahal Adass Jisroel, was mit "Versammlung des Volkes Isreal" übersetzt werden kann, schon länger eine Gemeinde. Nur jetzt, da man kontinuierlich wächst, wird die Organisation komplexer. Deswegen gründen sie sich nun offiziell. Und auch, um sich in Berlin vorzustellen. "Wir fühlen uns als ein Teil der Berliner Gesellschaft", sagt Berger.

Das Zuhause von Kahal Adass Jisroel befindet sich in einem Gebäudekomplex an der Brunnenstraße. Hier steht auch die Synagoge "Beth Zion", die Anfang des 20. Jahrhunderts als Privatsynagoge erbaut wurde. Viele Berliner kennen die Synagoge gar nicht, sie liegt versteckt im Innenhof. In der Reichspogromnacht wurde auch diese jüdische Einrichtung geplündert und in weiten Teilen zerstört, jedoch wurde das Haus nicht in Brand gesetzt. Zu DDR-Zeiten zog die VEB Berlin-Kosmetik ein.

Anfang des 21. Jahrhunderts ist nun jüdisches Leben hierher zurückgekehrt. Die Gebäude gehören inzwischen der Familie Skoblo. In Zusammenarbeit mit der Lauder-Foundation, die in mehreren Ländern jüdische Bildungseinrichtungen finanziert, ist eine Rabbiner-Schule entstanden, mit der sich Adass Jisroel das Gebäude teilt. Gegenüber der Synagoge liegt die Kita der Lauder Foundation, in die die Kinder der Gemeinde gehen. Esther Mizrahi, die Leiterin, sitzt in ihrem kleinen Büro. Alle Frauen hier tragen Röcke, die die Knie bedecken, die meisten auch Mützen. "Wir haben 65 Kinder in der Kita", erklärt Mizrahi stolz, "und 60 auf der Warteliste."

Jüdischer Lehrplan in der Kita

An der Wand hängt ein Kalender: Der 28. Januar 2014 nach gregorianischem Kalender ist der 27. Schwat 5774 nach jüdischer Zeitrechnung, bei Kahal Adass Jisroel sind beide zugelassen. Der Tag beginnt mit Gebeten und ist von Segenssprüchen bestimmt. Eine Mitarbeiterin ist eigens dafür eingestellt, um auf den jüdischen Lehrplan zu achten.

Mizrahi führt durch die Räumlichkeiten. In der Gruppe "Milch und Honig" ist gerade koscheres Mittagessen. Die Mädchen sitzen an dem einen Tisch, die Jungs an dem anderen. Mizrahi lacht. "Das haben sie selbst so gewollt." Bis auf eine Ausnahme tragen die fünfjährigen Jungen Kippa, erste Anzeichen von Schläfenlocken sind auch da. Die Mädchen haben Röcke und Kleider an.

Kinder lernen Deutsch und Hebräisch

Auch wenn immer mehr Kinder in die Kita kommen, deren Muttersprache Russisch ist, achten die Erzieherinnen sehr darauf, dass nur deutsch gesprochen wird, sagt Mizrahi. Allerdings werden die Kinder auch mit dem Hebräischen vertraut gemacht. An der Wand hängt der Buchstabe der Woche, ein deutscher und ein hebräischer. Freitags ist Schabbat-Feier, da werden die Kinder mit ihren zukünftigen Rollen in einer orthodoxen Gemeinschaft vertraut gemacht. Eines der Mädchen ist Schabbat Ima, die Mutter, ein Junge ist der Schabbat Aba, der Vater der Familie. Jeder führt dann die traditionellen Gebräuche aus, die die Eltern am Abend wiederholen werden: Das Segnen der Kerzen, des Brotes und des Weins (oder Traubensafts).

Natürlich beeinflusst die neue Gemeinde auch ihre Nachbarschaft. Als Daniel Fabian mit seinen Kindern zum Laubhüttenfest die erste Laubhütte im Garten errichtete, war die Nachbarin ganz interessiert. Sie fragte ihn, was da geschehe, dann informierte sie sich selbst noch. "Letztens hat sie mir sogar einen Tipp gegeben, wie ich es besser machen sollte", sagt Fabian und lacht. Es ist das, was die Gemeindemitglieder von Kahal Adass Jisroel wollen. Normalität im Berliner Alltag, und doch nach dem eigenen Glauben leben.

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