Obdachlose

Die Ärmsten der Stadt trifft die Kälte am schlimmsten

Bei den eisigen Temperaturen suchen viele Obdachlose Schutz in den Notübernachtungen. Die Schlafplätze dort reichen zur Zeit nicht aus. Auch warme Kleidung und Unterwäsche werden benötigt.

Foto: Massimo Rodari

Dreimal so viele Schlafgäste wie Plätze hat die Berliner Stadtmission in den vergangenen Nächten gezählt. Die Berliner Kältehilfe für Obdachlose erlebt durch den Wintereinbruch der vergangenen Tage einen Ansturm auf Notübernachtungsplätze.

„In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch haben wir in unserer Notübernachtung 170 Gäste aufgenommen, in der darauffolgenden Nacht waren es fast 200“, sagt die Sprecherin der Berliner Stadtmission, Ortrud Wohlwend. Eigentlich stehen in der Einrichtung am Hauptbahnhof nur 60 Plätze zur Verfügung.

„Um Kältetote zu vermeiden, nehmen wir aber stark über die Kapazitätsgrenzen hinaus auf", sagte die Sprecherin. Für die zehn bis 15 Mitarbeiter, die dort jede Nacht im Einsatz sind, sei dies eine große Belastung. Denn die Obdachlosen erhalten nicht nur einen Schlafplatz im großen Saal, sondern vorher auch eine warme Mahlzeit.

Und sie werden fast immer mit gespendeten Kleidungsstücken aus der großen Kleiderkammer der Stadtmission versorgt. „Im Moment fehlten uns vor allem Unterwäsche für Männer und für Frauen. Das kann gern gebrauchte sein - keine falsche Scham, bitte. Hauptsache sie ist gewaschen!“, erklärt Ortrud Wohlwend

470 Schlafplätze pro Nacht

Insgesamt stehen zur Zeit pro Nacht durchschnittlich 470 Schlafplätze in den knapp 30 Berliner Notübernachtungen und Nachtcafés zur Verfügung. Wie im vergangenen Winter kommen viele Obdachlose aus Osteuropa nach Berlin, da sie hier besser versorgt werden als in ihren Heimatländern. Die Bahnhofsmission am Zoo steht jedem offen.

Zur Mittagszeit bilden sich kleine Schlangen vor der Tür, an der die Nummern für das Essen ausgegeben werden. „So verhindern wir größere Schlangen“, erklärt Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission. Bevor die Gäste eingelassen werden, stärken sich seine ehrenamtlichen Mitarbeiter. 25 sind täglich in Früh- und Spätschichten im Einsatz, schmieren Brote und Brötchen, machen Suppen warm, nehmen Kleiderspenden entgegen, wischen Böden und sortieren Lebensmittel ein, die von der Berliner Tafel und vor privaten Spendern gebracht werden.

„Die Regale müssten eigentlich voll sein, ich muss hunderte Leute am Tag satt kriegen“, sagt Dieter Puhl mit Blick auf die halbleere Speisekammer, in der zwei 13 Jahre alte Schülerinnen gerade Kisten auspacken. Lina und Sarah von der Evangelischen Schule in Köpenick sind für die soziale Projektwoche ihrer Schule im Einsatz. „Die Leute hier sind so dankbar und freundlich, wenn wir das Essen ausgeben. Das hätte ich nicht gedacht“, meint Sarah.

Lebensmittel-Spenden sind willkommen

Der Großteil der Lebensmittel wird von der Berliner Tafel geliefert, für 1000 Euro kauft Dieter Puhl pro Monat dazu, die Hälfte davon trägt eine Stiftung. „Was wir immer gebrauchen können ist Kaffee, H-Milch, Zucker, Nudeln und Reis“, sagt er und erzählt von einem Polizisten, der zehn Pfund Kaffee aus einem Raub vorbei gebracht hat. „Der Mann musste dafür extra einen Antrag beim Staatsanwalt stellen, das hat ihm richtig Arbeit gemacht“, sagt Dieter Puhl und man merkt ihm seine Begeisterung darüber an. Wie auf’s Stichwort steht eine Ehepaar aus Rudow in der Bahnhofsmission und drückt ihm einen Umschlag in die Hand. Inhalt: 550 Euro. „Ich hab’ 70. Geburtstag gefeiert und meine Gäste haben gespendet“, erklärt Dieter Jordan.

Vor dem Tresen, an dem das Essen ausgegeben wird, wartet ein ordentlich gekleideter Mann geduldig, bis er an der Reihe ist. „Ich bin frühverrentet, gesundheitlich kaputt von der Arbeit auf dem Bau. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier essen kann“, sagt der 59-Jährige. Ein alte Dame neben ihm, die kaum noch Zähne im Mund hat, fügt hinzu: „Das erste Mal hat es mich schon große Überwindung gekostet, hierher zu kommen. Aber es geht nicht anders.“

Die Bahnhofsmission wird von Berliner helfen mit einer Spende über 3000 Euro unterstützt.

Spenden für die Kältehilfe

Sachspenden: Gebraucht werden Männer- und Frauen-Unterwäsche, Männerschuhe in sehr großen Größen, Kaffee, Schokolade und haltbare Lebensmittel. Abgabe: Bahnhofsmission Zoo in der Jebensstraße 5, {telvoll} 030 313 80 88

Kältebusse: Über ein Kältehilfetelefon (030/81 05 60 425) können Bürger hilflose Personen melden. Zwei Kältebusse der Berliner Stadtmission und der Wärmebus des DRK bringen Obdachlose in Notübernachtungen.

Geldspenden: Berliner helfen e.V., Stichwort: Kältehilfe, Konto 55,

Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00