Kälteeinbruch

Zu wenige Not-Plätze für Berlins Obdachlose

Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt: Die Räume der Berliner Kältehilfe sind vollkommen überfüllt. Abgewiesen wird niemand, doch müssen sich viele einen anderen Schlafplatz suchen.

Foto: Serverfarm / Amin Akhtar

Es sieht aus wie ein Tanz. Ein hochgewachsener Mann, grauer Wollmantel, dünne Lederschuhe, läuft kreiselnd über die Jebensstraße am Berliner Bahnhof Zoo. Er singt und lacht und stößt kleine Wölkchen aus, er raucht eine dicke Zigarre. Wären die leuchtend blau unterlaufenen Augen nicht, die verfilzten Haare, man würde ihn vielleicht für einen Schauspieler halten, einen guten. Und nicht nur denken: irre.

Aber das hier ist keine große Bühne. Es ist nur der Bahnhof Zoo. Genauer gesagt, die Straße dahinter, wo die Berliner Stadtmission ihre Räume hat. Wer hier ankommt, reist nicht mehr weiter.

Der tanzende Mann hat jetzt die Warteschlange erreicht, die Tag für Tag an der Bahnhofsmission ansteht, für eine warme Mahlzeit und Kleider. Seit die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt gesunken sind, ist die Schlange noch etwas länger geworden. Doch jene, die bei minus 15 Grad an diesem Sonntag hier ausharren, wollen nicht alle etwas erbitten.

„Viele Berliner kommen, um Kleider und Lebensmittel zu bringen“, sagt Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission. Er deutet auf einen Stapel Winterschuhe und sagt: „Nagelneu“. Er klingt froh. Nicht nur, weil seine Klientel die Schuhe gerade jetzt besonders nötig braucht. Sondern weil es zeigt, dass die Geber zunehmend Dinge spenden, die wirklich gebraucht werden.

Notunterkünfte sind überfüllt

Doch das Wichtigste, was Wohnungslose in diesen Tagen brauchen kann Puhl am Bahnhof Zoo nicht bieten: Schlafplätze. Die neun Betten hier seien „gestrandeten“ Reisende vorbehalten, sagt er. Alle anderen müssen weiter in die Notunterkünfte. Und die sind hoffnungslos überfüllt.

Die Kältewelle lässt die Obdachlosen Schutz suchen. Allein an der Lehrter Straße, wo die Stadtmission rund 60 Schlafplätze bereitstellt, stünden jetzt doppelt so viele Menschen wie sonst vor der Tür, sagt Lina-Antje Gühne von der gemeinnützigen Gesellschaft zur Betreuung Wohnungsloser. Deshalb würden nun Obdachlose wie im vergangenen Jahr in Bussen in Quartiere außerhalb der Innenstadt gefahren.

Wenn Ende Januar eine Notübernachtungsstelle am S-Bahnhof Prenzlauer Allee schließen müsse, werde es noch enger werden. Den Betreibern sei der Mietvertrag gekündigt worden. Bereits im Dezember seien die Quartiere zu 103 Prozent ausgelastet gewesen. Zeitweise kamen 512 Menschen pro Nacht. Insgesamt wurden gut 15.000 Übernachtungen gezählt.

U-Bahnhöfe nachts geöffnet

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bekommen zu spüren, dass Schlafplätze für Obdachlose knapper werden. „Im U-Bahnhof Hansaplatz haben zuletzt elf Menschen übernachtet, normalerweise sind es zwei oder drei“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Wie jedes Jahr sind seit Ende November drei U-Bahn-Stationen auch nachts geöffnet. Neben dem Bahnhof Hansaplatz an der Linie U9 sind das die Stationen Schillingstraße (U5) und Südstern (U7). Am Fernbahnhöfen wie am Zoo und dem Ostbahnhof werden Obdachlose geduldet, solange sie nicht aggressiv sind.

Die Zahl der Obdachlosen wird in der Hauptstadt auf 600 bis 1000 geschätzt. Zwei Kältebusse betreuen nachts Hilfebedürftige, es gibt Arztmobile und Obdachlosen-Praxen. 16 Notübernachtungen bieten seit Anfang November rund 430 Schlafplätze pro Nacht. Je nach Andrang werden mehr Nachtlager bereitet, dann wird es aber für alle enger. „Abgewiesen wird niemand“, sagt Dieter Puhl, der auch ein Nachtcafé betreut.

Dennoch gibt es viele, die das Angebot nicht nutzen. Wie Maria, 64, die vor dem Supermarkt an der Hardenbergstraße im Schneidersitz hockt. Auf dem eiskalten Boden. Sie ist eine zierliche blonde Frau, sie wirkt viel jünger. Es ist Sonntag, Hauptverkaufstag im Supermarkt. Er hat sieben Tage die Woche geöffnet, Maria sitzt sieben Tage die Woche hier. Auch bei extremer Kälte. Ein dicker Mantel und ein Tuch vor dem Gesicht sollen sie schützen. Sie hatte einen Beruf, medizinisch-technische Assistentin, außerdem studiert. Das Unglück, das sie hierhergebracht hat, lässt sich nur ahnen. Immerhin habe sie eine Bleibe für nachts und müsse nicht in die Notunterkunft.

Mit Hund Harry unter einem Berg Decken

Am anderen Ausgang des Supermarkts haben Sandra, 32, und Alex, 36, ihr Quartier aufgeschlagen. Mit Hund Harry sitzen sie unter einem Berg Decken und verkaufen Obdachlosenzeitungen. Die überfüllten Notübernachtungen seien nicht ihre Sache, sagt Sandra. „Wir schlafen draußen, immer“. Wo genau, will sie nicht sagen, aus Sicherheitsgründen. Mit vielen Decken und Schlafsäcken sei es meist auszuhalten. Allerdings: „In der vorletzten Nacht war es so kalt, dass ich mit dem Kopf am Boden festgefroren bin.“ Zwischenzeitlich seien sie deshalb in eine Tiefgarage umgezogen. „Aber heute schlafen wir wieder draußen.“

Ein Passant kommt aus dem Supermarkt, stellt vor Hund Harry zwei Dosen Hundefutter ab und läuft weiter. Sandra bedankt sich und seufzt, als der Mann weg ist. Sie hebt die Decke hoch: noch mehr Hundefutter. „Wir bekommen so viel, dass wir es weiterverschenken“, sagt sie. „Besser wäre es, wenn die Menschen uns einmal fragen würden, was wir wirklich brauchen.“

Was brauchen die Menschen auf der Straße? Amanda, eine Dame von unbestimmtem Alter, bittet höflich um eine kleine Spende, sie ist mit einer Mundharmonika am Bahnhof Zoo unterwegs. Sie trägt eine dicke Fellmütze, eine rote Winterjacke, eine gefütterte Hose. Tags sei es in der Kälte auszuhalten, „gestern war es schlimmer als heute“. Doch in die überfüllten Sammelunterkünfte gehe sie nie. Dort sei die Mehrzahl der Besucher männlich, viele alkoholisiert und psychisch und hygienisch in schwieriger Verfassung. „Der Umgangston dort ist sehr aggressiv“, sagt Amanda. Und wo verbringt sie die kalte Nacht? Statt einer Antwort setzt sie die Mundharmonika an die Lippen, lächelt und spielt.

Spenden für die Kältehilfe

Sachspenden: Gebraucht werden Männer- und Frauen-Unterwäsche, Männerschuhe in sehr großen Größen, Kaffee, Schokolade und haltbare Lebens- mittel. Abgabe: Bahnhofsmission Zoo in der Jebensstraße 5, Tel.: 030/313 80 88

Hilfetelefon: Über ein Kältehilfetelefon (030/81 05 60 425) können Bürger hilflose Personen melden. Zwei Kältebusse der Berliner Stadtmission und der Wärmebus des DRK bringen Obdachlose in Notübernachtungen.

Geldspenden: Berliner helfen e.V., Stichwort: Kältehilfe, Konto 55, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00

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