Berliner Morgenpost: Herr Göwecke, am Montag gab es nicht nur Ausnahmezustand auf den Straßen, sondern offenbar auch bei der Arbeit der Feuerwehr. Schildern Sie doch bitte einmal, was passiert ist.
Karsten Göwecke: Das Herausragende war die extrem hohe Einsatzzahl. Wir haben am Montag ungefähr 2100 Einsätze bewältigen müssen, das ist das Doppelte wie an einem normalen Tag. Für uns war die Herausforderung, dass nach Eintreten des Regens morgens die Zahlen im Rettungsdienst extrem anstiegen, weil überall Menschen hinfielen und sich verletzten.
Was waren die Schwierigkeiten?
Für uns war dabei noch problematisch, dass die Warnlage, die wir vom Deutschen Wetterdienst bekommen, nicht klar war. Die Warnung kam spät und wurde frühzeitig wieder aufgehoben, was zu einem gewissen Widerspruch mit dem realen Zustand auf den Straßen führte. Das war eine kleine Erschwernis. Letztendlich haben wir natürlich auf die Lage reagiert, doch der extreme Anstieg der Einsatzzahlen war vergleichbar mit Situationen, wie wir sie sonst höchstens in der Silvesternacht kennen. Vor dem Hintergrund des kurzen Warnvorlaufes war das schon schwierig zu bewältigen.
Ist es nicht seltsam für eine Metropole, dass eine solche Glätte gleich zu Chaos führt?
So ein Einsatzanstieg wäre für jede Feuerwehr der Welt ein Problem gewesen. Eine Verdoppelung der Einsatzzahlen ist extrem, so viele Reserven dafür hat kaum jemand. Sicherlich ist es aber auch so, dass unsere Kapazitäten auch im Regelbetrieb hoch ausgelastet sind, so etwas gibt es sonst deutschlandweit nicht. Ehrlich gesagt hat uns aber auch überrascht, wie überrascht Berlin von Glätte im Januar ist und wie viele schwere Sturzverletzungen es dann gibt. Es kamen sicher viele Faktoren zusammen.
Am frühen Sonntagabend hatte Ihr Lagedienst noch keine Glättewarnung des Deutschen Wetterdienstes vorliegen, die kam in der Nacht. Was bedeutet so eine kurzfristige Warnung für die Feuerwehr?
Wir können natürlich gerade die ehrenamtlichen Kräfte besser vorbereiten und auch den sogenannten Ausnahmezustand besser planen, wenn wir mehr Vorlauf haben. Aber auch dann wäre der extreme Anstieg der Einsatzzahlen noch überraschend für uns gewesen, das war einfach ungewöhnlich. Die Vorwarnlage hat auf ein so extremes Ereignis nicht hingedeutet. Glätte zu der Jahreszeit ist ja nichts Besonderes. Ich kann mich an keinen Tag in den letzten Jahren erinnern, an dem Glätte zu so vielen Einsätzen geführt hat.
War es denn tatsächlich ungewöhnlich, dass die Warnung des Wetterdienstes so kurzfristig kam oder ist das im Winter sonst üblich?
Besonders problematisch war für uns, dass die Warnungen sehr schnell wieder aufgehoben wurden, das hat die weiteren Planungen durcheinander gebracht. Durch die Aufhebung war für uns zunächst nicht erkennbar, dass die Lage den ganzen Tag über so anhalten würde. Das hat uns Schwierigkeiten gemacht. Die Aufhebung stimmte überhaupt nicht mit dem überein, was wir draußen im Einsatzgeschehen erlebt haben. Die Vorwarnungen haben uns nicht geholfen, wir mussten auf die Ereignisse reagieren.
Eine weitere Verunsicherung war am Montag, dass das Katastrophen-Warnsystem Katwarn erst gegen 10:30 Uhr vor Glatteis warnte. Warum so spät, da hatten Sie doch längst den Ausnahmezustand ausgerufen?
Bei Extremwetterlagen warnt der Deutsche Wetterdienst direkt selbst über Katwarn. Dann greifen die Spezialisten dort direkt auf das System zu. Am Montag gab es in den Augen des Wetterdienstes hier allerdings keine Extremwetterlage. Wir selbst haben am Montag die Warnung herausgegeben, als die Lage sich so extrem entwickelte, aber der Wetterdienst selbst keine Warnung herausgab. Wir sind auch schon dabei, das Geschehen mit dem Deutschen Wetterdienst aufzuarbeiten und zu schauen, wie es zu dieser Lage insgesamt kommen konnte. Wir wollen aber nun nicht dem Wetterdienst die Schuld zuschieben. Mit einer Vorwarnung können wir uns besser vorbereiten, klar, aber die Berliner Feuerwehr muss auch in der Lage sein, auf die Situation ad hoc zu reagieren, das ist ja unser Tagesgeschäft und das können wir auch.
Wie viele Kräfte waren im Einsatz?
Bis zu 1000. Allen voran die Berufsfeuerwehr und als wichtigste Unterstützung die Freiwillige Feuerwehr. Auch die Bundeswehr hat mitgeholfen sowie Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter und Malteser Hilfsdienst. Sogar von der Polizei haben wir zwei Rettungswagen bekommen. Uns ist es ganz wichtig, allen auch noch einmal unseren Dank zu sagen. Die Mitarbeiter waren alle mit großem Engagement im Einsatz. Wir haben ganz viele Dankes-Mails bekommen von den Berlinern. Von den Einsatzkräften her hätte es nicht besser klappen können.





