Wie viele Menschen ihm ihr Leben verdanken, weiß Professor Roland Hetzer nicht ganz genau. So um die 12.000 werden es gewiss sein, deren müde gewordene Herzen er wieder beleben konnte. Der Chef des Deutschen Herzzentrums Berlin zählt zu den erfolgreichsten und damit bekanntesten Herzchirurgen – mit bestem Ruf weit über Deutschland hinaus. Heute wird Roland Hetzer 70 Jahre alt.
Einer wie er denkt natürlich auch nach diesem runden Geburtstag nicht ans Aufhören. Wem sein Beruf seit 43 Jahren Herzenssache ist, hört eben nicht so einfach auf. Allenfalls tritt er etwas kürzer. Das will und kann er wohl bald einigermaßen beruhigt tun, seit seine Nachfolge als Chef des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) am Rudolf-Virchow-Klinikum der Charité in Wedding mit der Berufung Volkmar Falks von der Uniklinik Zürich weitgehend geregelt ist.
Sein Leben sei „eine Sequenz von Chancen und Glück, von Zielen und von Träumen, und der Erkenntnis der Begrenztheit“, hat Roland Hetzer einmal gesagt. Der irrt, der glaubt, daraus folgern zu können, allein das Schicksal habe es gut gemeint mit ihm. Es war harte Arbeit, die ihn zum Mediziner von Weltruf gemacht hat. Und eine Nachkriegsgesellschaft, in der für Flüchtlinge die Türen zum Aufstieg ebenso offen standen wie für die von Vertreibung Verschonten.
1944 im Sudetenland, heute einem Teil Tschechiens, geboren, wurde die Familie nach Bayern ausgesiedelt. Der Vater kam bei der Bahn unter, Sohn Roland konnte die Oberschule besuchen, machte 1963 Abitur an der Augsburger Holbein-Oberrealschule und begann, erst in Mainz, dann in München Medizin zu studieren. Dort legte er 1969 sein Staatsexamen ab und promovierte noch im selben Jahr zum Doktor med. Ein Jahr später hatte er auch das amerikanische Staatsexamen in der Tasche.
Operation gelungen, Patient lebt
Die Faszination des Herzens packte ihn Ende der 70er-Jahre nach der Spezialisierung zum Facharzt der Chirurgie und als Oberarzt an der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach fünf Jahren dann 1983 der medizinische Durchbruch. Ihm gelang die Herztransplantation bei einem 47-jährigen Patienten, der nach früheren Herzoperationen eigentlich ein hoffnungsloser Fall war.
Ein ziemlich kühnes Wagnis, denn Herzoperationen, gar Transplantationen, steckten damals noch in ihren riskanten Anfängen. Er wisse nicht, ob seine Karriere anders verlaufen, gar beendet gewesen wäre, wenn der Patient bei der Operation gestorben wäre, räumte Hetzer später einmal ein. Angesichts seines Ehrgeizes wäre das allerdings kaum zu erwarten gewesen. „Ich bin als Assistenzarzt früher mühelos auf 200 bis 250 Überstunden im Monat gekommen. Damit hatte ich die Chance, schon in jungen Jahren immense Erfahrung zu sammeln.
Wenn mich heute jemand anzeigt, weil ich einen Arzt nicht spätestens nach 40 Wochenstunden nach Hause schicke, droht mir eine Anklage“ erzählte er einmal während eines langen Spaziergangs.
Kritik an strengen Arbeitszeitregelungen
In dieser gesetzlichen Gängelung sieht Hetzer auch den Grund dafür, warum der einst weltweit optimale Ruf der deutschen Medizin an Klang verloren hat. Der Arztberuf in Deutschland sei zu einem Beschäftigungsverhältnis degeneriert, das nichts mehr gemein habe mit dem, womit die Medizin in diesem Land einst Weltruhm erlangt habe. Herausragende wissenschaftliche Leistungen nach internationalem Maßstab, auch ärztliche, seien mit einer gesetzlich fixierten Arbeitszeit von acht Stunden eben nicht zu erreichen.
Klare Worte die davon künden, dass mit dem Professor, der er seit 1983 ist, nicht immer gut Kirschen essen ist. Charmant nach außen, nach innen hart, wenn es um die Sache geht. Für die Mitarbeiter nicht immer ganz einfach, aber respektiert und oft bewundert, weil hilf- und erfolgreich.
1985 kam der Ruf aus Berlin. Der damalige Gesundheitssenator Ulf Fink im Senat Diepgen will den freien Teil der Stadt mit einem Herzzentrums stärken. Hetzer soll es aufbauen und als Ärztlicher Direktor leiten. Er hatte sich mit Entwicklung und Aufbau von Deutschlands damals größtem Herztransplantations-Programm in Hannover dafür empfohlen. Dass es eine gute Wahl war, stellte sich schon wenige Monate nach Eröffnung der Spezialklinik 1986 heraus: Im März glückte die erste Operation am offenen Herzen, im April die erste Herztransplantation.
Viele bekannte Namen unter den Patienten
28 Jahre später zählt das DHZB zu den größten und erfolgreichsten Transplantationszentren Deutschlands, mit hoher Reputation auch jenseits der Grenzen. Hetzer ist auch international bestens vernetzt, mit vielfältigen Kooperationen insbesondere in China und ohne Scheu, auch nordkoreanische Ärzte am DHZB weiterzubilden und Patienten im weltweit geächteten Land des letzten Beton-Kommunismus honorarfrei zu operieren. Kritik daran konterte er mit dem Argument, er sei Arzt, kein Politiker. Seine Aufgabe sei es, Menschen zu operieren, egal wo.
Unter seinen Patienten sind auch viele bekannte Namen. Von den wenigen, die an die Öffentlichkeit durchsickerten, ist der des ehemaligen russischen Präsidenten und Förderers der Wiedervereinigung, Boris Jelzin, der prominenteste. Sind Herzoperationen und Transplantationen von Herz, Niere oder Lunge heute nur noch Routine-Eingriffe? Ja und Nein, gibt Hetzer zu bedenken, der in seinem Herzzentrum auch eine Art letzter Instanz sieht. Transplantationen seien heute weitgehend standardisiert, die Ergebnisse sehr gut. „Aber natürlich handelt es sich bei unseren Patienten um schwerkranke Menschen, die per se ein Risiko mitbringen.
Das eigentliche Risiko liegt nicht mehr in der Operation, sondern in der postoperativen Phase. Das transplantierte Organ würde ja normalerweise abgestoßen. Dagegen bekommt der Patient Medikamente, die seine Abwehrkräfte herabsetzen. Das macht anfällig für Infektionen.“
Kenner der Geschichte Berlins
Noch größere Sorge bereitet ihm die weiter gesunkene, ohnehin geringe Bereitschaft der Deutschen, Organe zu spenden. Und was tut der Herr Professor für die eigene Gesundheit? Täglich einen Apfel nach der angelsächsischen Weisheit „An apple a day keeps the doctor away“, Rauchen längst aufgegeben, Spazierengehen und Bluthochdruck vermeiden, weil der dem Herzen am meisten schadet.
In Berlin hat Professor Roland Hetzer nicht nur sein berufliches, sondern auch das private Glück gefunden. Er sei, so hat er einmal erzählt, 1985 aus Hannover in eine Stadt gekommen, die so anders gewesen sei als die westdeutschen Städte. Offen, tolerant, von allen akzeptiert und begrüßt. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute währen.
Ein Partylöwe kann er schon wegen seines Arbeitseifers nicht sein. Aber ein gern und nicht gar so selten gesehener Gast in der Berliner Gesellschaft ist er sehr wohl. Verheiratet ist der Jubilar seit 39 Jahren mit seiner Frau Magdalena, einer gebürtigen Polin und studierten Kunsthistorikerin. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Anna, die Älteste, wandelt als Medizinerin auf den Spuren des Vaters, der ältere Sohn studiert noch und will ebenfalls Arzt werden, der jüngere steht vor dem Abitur.
„Meister der Herzen“ feiert im Familienkreis
Und dann ist da noch ein Hobby, dem der Frühaufsteher künftig wohl etwas häufiger nachgehen kann – er ist ein Kenner der Geschichte, der dieser Stadt und Preußens insbesondere. Am Wiederaufbau des Berliner Schlosses allerdings plagten ihn lange Zeit Zweifel. Aber eine überzeugende Alternative ist auch ihm nicht in den Sinn gekommen.
Seinen 70. feiert der „Meister der Herzen“, wie ihn die Berliner Morgenpost einmal tituliert hat, heute im Kreise seiner Familie.
Herzlichen Glückwunsch!




