U-Bahn-Ausbau

Steglitz droht monatelanger Ausfall der U-Bahn-Anbindung

Die U-Bahnhöfe Schloßstraße und Rathaus Steglitz werden 2015 saniert und der Ortsteil vom U-Bahn-Netz abgeschnitten. Eine Initiative will alte Pläne für den Bau der U-Bahnlinie 10 aufleben lassen.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Anfang der 50er-Jahre begann ein neues Kapitel der Berliner Verkehrspolitik: Das U-Bahn-Netz sollte auf eine Strecke von 200 Kilometer verlängert, neue Linien erschlossen werden. Der sogenannte 200-Kilometer-Plan, der unter Ernst Reuter von 1953 bis 1955 ausgearbeitet wurde, orientierte sich an den Pendlerströmen.

In diesem Plan ist auch die Linie U10 vorgesehen, die Weißensee über den Alexanderplatz und Potsdamer Platz mit Steglitz und Lichterfelde verbinden sollte. Der Bau der U10 wurde 1993 zugunsten der U-Bahn-Linie 3 verworfen. Reuters Plan ist immer noch gültig, zumindest was die Sicherung der Flächen angeht. Doch jetzt – so befürchtet die Kiezinitiative Steglitz – könnte die Chance auf das Projekt verbaut werden.

„In Anbetracht einer zukünftigen nachhaltigen Verkehrsentwicklung der Stadt Berlin muss der Bau der U-Bahn-Linie 10 weiter diskutiert werden“, sagt Steffen Philipp, Vorsitzender der Kiezinitiative Steglitz. Gerade bei der Frage, wie die Mobilität in der Stadt erhöht werden könnte, spiele die U-Bahn eine wichtige Rolle. Der Südwesten sei immer noch unvollständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen.

Für die Strecke der U10 bestehen heute noch zahlreiche Tunnelbauwerke, die bereits in Vorleistung errichtet worden sind, um später nicht noch einmal alles aufreißen zu müssen. Ein Beispiel ist der zweigeschossige Tunnel am U-Bahnhof Schloßstraße, der das Umsteigen von der U9 auf die U10 erleichtern sollte. In der jüngsten Vergangenheit waren dort immer wieder Bauarbeiter beschäftigt, sodass BVG-Kunden davon ausgingen, dass die bereits vorhandenen Bauwerke der U-Bahn-Linie 10 zurückgebaut werden sollen.

45 Millionen Euro für Grundsanierung veranschlagt

Dass tatsächlich am U-Bahnhof Schloßstraße immer wieder Bauarbeiter tätig sind, bestätigt Petra Reetz, Sprecherin der BVG. Aber ein Rückbau der Anlagen für die U10 sei nicht vorgesehen, allerdings auch nicht ein Weiterbau der Linie. Im Moment handle es sich um reguläre Instandhaltungsarbeiten der ungenutzten Gleisanlage. Neben diesen Substanz erhaltenden Arbeiten stünden jedoch wesentlich größere Projekte bevor.

Die BVG plant eine Grundsanierung der Steglitzer Bahnhöfe der U9, darunter die Bahnhöfe Schloßstraße und Rathaus Steglitz. Das Großprojekt ist mit 45 Millionen Euro veranschlagt und wird zwei Jahre dauern. „Im ersten Quartal 2015 sollen die Bauarbeiten beginnen“, sagt Petra Reetz. Nutzer der U9 müssen sich dann auf eine monatelange komplette Sperrung des U-Bahn-Verkehrs im südlichsten Bereich einstellen. Aller Voraussicht nach wird es einen Ersatzverkehr mit Bussen geben.

Bahnlinien durch zweigeschossigen Tunnel gelegt werden

Die größten Veränderungen sind am Bahnhof Schloßstraße geplant. Als die U-Bahn vom Walther-Schreiber-Platz bis zum Rathaus Steglitz von 1968 bis 1974 verlängert wurde, war der Weiterbau der U-Bahn-Linie 10 ein aktuelles Thema. Der Bahnhof sollte ein Umsteigebahnhof werden.

Weil aber der Platz unter der Schloßstraße zu eng war, um die Gleise beider Linien nebeneinander zu legen, mussten die Linien durch einen zweigeschossigen Tunnel übereinander geführt werden. Dadurch gibt es noch heute die Situation, dass Züge Richtung Süden auf dem unteren Gleis und Züge Richtung Norden auf dem oberen Gleis abfahren. Das jeweilige Nachbargleis ist ungenutzt und durch einen Zaun abgesperrt.

Diese Situation soll sich nun grundlegend ändern. „Wir wollen beide Bahnsteige auf einer Ebene zusammenführen“, sagt Petra Reetz. Dafür soll die obere Tunnelröhre genutzt werden. Für die BVG-Kunden wird das gleich mehrere Vorteile haben: Der Bahnhof wird wesentlich übersichtlicher. Und sie müssen nicht mehr darauf hoffen, dass die Rolltreppe aus der unteren Röhre gerade funktioniert. Die steht immer wieder still, „weil sie so alt ist, dass kaum noch Ersatzteile zu finden sind“, ergänzt BVG-Sprecher Markus Falkner. Bei der Umgestaltung des U-Bahnhofs Schloßstraße sollen Aufzüge eingebaut werden.

Vorrang für Fahrräder und Fußverkehr

An den Bauwerken, die für die U10 geplant waren, werde nichts zerstört, sagt Petra Reetz. Der Unterbau werde zwar abgedichtet, man könne aber wieder an die zweite Tunnelröhre heran. Ohnehin liege es nicht im Ermessen der BVG, über den Bau einer neuen U-Bahn-Linie zu entscheiden, diese müsse von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestellt werden. Doch dort liegen die Pläne auf Eis. „Momentan ist der Bau der U10 nicht mehr Bestandteil des langfristigen Stadtentwicklungsplans Verkehr“, sagt Sprecherin Daniela Augenstein.

Das zu ändern ist im Interesse der Kiezinitiative Steglitz, in der sich Anwohner rund um die Schloßstraße zusammengefunden haben, um ihr Quartier wieder lebenswerter zu gestalten. Ziel ist unter anderem, den Fußverkehr um 30 Prozent zu erhöhen, indem das Gehwegparken generell aufgehoben wird, alle Bürgersteige eine Breite von 1,50 Metern bekommen und die Anzahl der Fußgängerüberwege um 80 Prozent erhöht wird. Zugleich wollen die Initiatoren den Fahrradverkehr um 35 Prozent erhöhen.

Das soll mithilfe von mehr Fahrradbügeln und Radwegen erreicht werden. 20 Prozent der Straßen sollen in Fahrradstraßen umgewidmet werden. Die Mobilität der Menschen ohne Auto ist ein zentrales Thema. „Sollte die U10 nicht weitergebaut werden, könnte auch wieder die Straßenbahn in der Schloßstraße fahren“, sagt Steffen Philipp. Die letzte Straßenbahn fuhr dort 1963.

Foto: C. Schlippes / Henriette Anders, Christian Schlippes