Brandenburg gilt als das am stärksten mit Blindgängern versuchte Bundesland Deutschlands. Auch fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschlingt die Räumung von Kampfmitteln hier weiter große Summen.

Wie das Innenministerium in Potsdam mitteilte, stiegen die Kosten für die Beseitigung von Bomben, Granaten und anderer Kriegsmunition im vergangenen Jahr nach einer vorläufigen Einschätzung auf etwa 12,5 Millionen Euro. Allein vier Millionen Euro entfielen auf die Stadt Oranienburg, wo noch besonders viele Blindgänger im Boden liegen. 2012 hatte das Land für die Kampfmittelräumung in Brandenburg insgesamt 12,1 Millionen Euro ausgegeben. Nicht enthalten sind dabei die Kosten, die die Kommunen tragen müssen – etwa für Evakuierungen und Absperrmaßnahmen bei einer Bombenentschärfung.

Große Schäden bei Explosion in Euskirchen

Dass Weltkriegsmunition noch immer eine tödliche Gefahr darstellt, wurde erst am Freitag in Nordrhein-Westfalen wieder deutlich: Bei Arbeiten auf einer Baustelle in der Nähe von Bonn explodierte ein Blindgänger. Ein 50 Jahre alter Baggerfahrer kam dabei ums Leben, 13 weitere Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. Autos in der näheren Umgebung wurden demoliert, Dachziegel weggefegt und Garagentore verbogen.

Auf Twitter berichteten Nutzer von einer Druckwelle, die noch in großer Entfernung zu spüren gewesen sei. Noch 400 Meter weit habe es Schäden gegeben, bestätigte die Polizei. Die Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes gehen davon aus, dass es sich bei der Munition um eine Bombe oder Mine aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Luftminen werden als Blindgänger wesentlich seltener entdeckt, als die häufigeren Fünf- oder Zehn-Zentner-Bomben.

In Brandenburg kam es zuletzt im Dezember 2011 in der Dorfgemeinde Neuhausen (Spree-Neiße) zur Explosion einer alten Panzermine. Der Zünder der Mine war derart durchgerostet, dass es zur Selbstentzündung kam. Die Detonation riss einen tiefen Krater in eine Landstraße.

Zu einem Unfall mit alter Weltkriegsmunition kam es in Berlin bisher nur ein Mal. Im September 1994 kamen drei Bauarbeiter auf einer Baustelle in der Friedrichshainer Pettenkoferstraße ums Leben, als ein 250-Kilo-Blindgänger in ihrer Baugrube explodierte. 17 weitere Menschen wurden dabei verletzt, mehrere Gebäude und Autos wurden stark beschädigt.

In Oranienburg hatte zuletzt Anfang Dezember 2013 ein 250-Kilo-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt werden müssen. 12.000 Menschen hatten deswegen ihre Wohnungen verlassen müssen oder konnten ihre Arbeitsplätze nicht erreichen.

Staubpanade überall, gefährliche Risse in Hauswänden und unterbrochener S-Bahn-Verkehr: Für die Oranienburger sind Entschärfungen oder Sprengungen von Blindgängern fast schon Routine. Seit dem Jahr 1990 wurden hier bereits 176 Bomben entschärft oder gesprengt.

Rund 4,2 Millionen Euro der Entsorgungskosten wurden dem Land Brandenburg 2013 vom Bund erlassen, weil es sich um sogenannte „reichseigene Munition“ handelte. Um die Entsorgung von Bomben, die die Alliierten im Krieg über Nazi-Deutschland abwarfen, müssen sich hingegen Länder und Kommunen alleine kümmern. Allein auf Oranienburg fielen mehr als 10.000 Bomben.

Noch heute werden bis zu 300 Blindgänger im Erdreich vermutet. Land und Gemeinden fordern deshalb seit langem eine gerechtere Kostenverteilung. Die Beseitigung wird noch viele Jahre dauern – und sie wird immer gefährlicher.

„An den Herausforderungen dürfte sich in den nächsten Jahren grundsätzlich wenig ändern“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Im Gegenteil: Erschwerend komme hinzu, dass Alter und Korrosionseinwirkungen die Gefährlichkeit von alten Kampfmitteln weiter erhöhten. Als besonders gefährlich gelten Bomben mit chemischen Langzeitzündern. Diese Blindgänger sind aufgrund von Alterungsprozessen heute in einem äußerst gefährlichen Zustand; kleinste äußere Einwirkungen wie Erschütterungen können zur Explosion führen. Ebenso kann Korrosion den Zünder auslösen. Die Entschärfung sei so gefährlich, dass in Zukunft Kampfmittel „verstärkt vor Ort gesprengt“ werden müssten, hieß es.

Bombenfunde in der Region

Über Berlin wurden während des Zweiten Weltkrieges rund 46.000 Tonnen Bomben abgeworfen. Zuletzt wurde Ende September vergangen Jahres an der Hubertusallee im Wilmersdorfer Ortsteil Schmargendorf eine russische 500-Kilo-Fliegerbombe entdeckt. Der Blindgänger war bei Ausschachtungsarbeiten für ein neues Wohnhaus entdeckt worden. Noch am Einsatzort sprengten die Experten des Kampfmittelräumdienstes die hochexplosiven Zünder. Der Rest der Bombe wurde zum Sprengplatz Grunewald abtransportiert und dort kontrolliert gesprengt.

Rund 3600 Menschen mussten damals den 400-Meter-Sperrkreis um den Fundort der Bombe herum verlassen. Die Stimmung unter den Evakuierten war überwiegend gelassen. Das Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg konnte ohne besondere Vorkommnisse unschädlich gemacht werden.

Im April hatte die Entschärfung einer russischen 100-Kilogramm-Bombe auf einer Baustelle in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs nicht nur den Bahnverkehr lahm gelegt, sondern auch für erhebliche Einschränkungen auf den Wasserwegen, sowie im Straßen- und Luftverkehr gesorgt. Knapp 840 Menschen mussten evakuiert wurden.

mit dpa