Die Ausbaupläne für das ICC, dessen Betriebsgenehmigung Ende Juni 2014 endet, werden konkret. Die Ergebnisse der Markterkundung, die die Senatswirtschaftsverwaltung in Auftrag gegeben hat, werden Anfang des kommenden Jahres erwartet. Weder der Bezirk noch das Land wollen eine stillgelegte Bauruine in der City West riskieren. „Eine Verfall-Situation durch Leerstand liegt nicht im bezirklichen, aber erst recht nicht im gesamtstädtischen Interesse“, sagte Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) am Freitag.
Potenzielle Investoren sind schon seit Wochen unterwegs, um politischen Entscheidungsträgern ihre Pläne vorzustellen. Dabei werden auch bunte Animationen verteilt, die aber noch nicht offiziell freigegeben werden, solange das Verfahren noch läuft. Auf einem dieser Bilder haben die Planer den oberen Teil der silbernen ICC-Hülle ein Stück weit abgehoben und einen Quader aus Glas in das Kongresszentrum gestellt. Vorgesehen ist in diesem Fall – wie bei den meisten Entwürfen – eine Mischung aus Hotel, Tagungszentrum und Shopping-Mall.
Millionenschwere Investition in ein Einkaufsparadies
Offenbar gehen die Investoren davon aus, dass man ein Einkaufsparadies mit direktem Autobahnanschluss durchaus lukrativ betreiben kann. Einzelne Investoren haben nach Informationen der Berliner Morgenpost sogar durchblicken lassen, auf die vom Senat in Aussicht gestellten 200 Millionen Euro Steuergeld für ein sinnvolles Konzept verzichten zu wollen. Im Gegenzug erwarten sie Entgegenkommen bei der Genehmigung der umstrittenen Einzelhandelsflächen und planerische Freiheit ohne behördliche Restriktionen. Die Investitionssumme einzelner Vorhaben beläuft sich auf geschätzte 500 bis 600 Millionen Euro.
Pläne, das ICC als Einkaufscenter auszubauen, lehnt Charlottenburg-Wilmersdorf jedoch ab. „Einem Shopping-Tempel, wie er im ICC entstehen könnte, auch wenn nur anteilige Flächen dazu genutzt werden, steht der Bezirk ablehnend gegenüber“, so Bezirksbürgermeister Naumann. Verödete Geschäftsstraßen seien die Kehrseite solch einer Konzentration. „Und da denke ich beim ICC in erster Linie an die Reichsstraße, aber auch an die Wilmersdorfer und die Kantstraße“, so Naumann weiter. Der kleinteilige Einzelhandel dürfe nicht gefährdet werden. In Berlin gebe es bei Shopping-Centern bereits Überkapazitäten.
Landespolitik will wohlwollend prüfen
In der Landespolitik hingegen ist man geneigt, solche Vorhaben mit einem Mix aus Shopping, Hotel und Tagungszentrum wohlwollend zu prüfen. Die CDU-Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer könnte punkten, wenn sie für das ICC eine zukunftsträchtige Lösung präsentierte. Die CDU-Fraktion legt großen Wert darauf, das ICC zu erhalten, inklusive einer Kongressnutzung. Und ein Hotel wollten sowieso schon immer alle in der Nähe des Messegeländes.
Die SPD, die das ICC mit Ausnahme der Charlottenburg-Wilmersdorfer Parteifreunde weniger liebt als die Union, wäre ebenfalls geneigt, bei den Einzelhandelsflächen dem Investor entgegenzukommen, wenn so das städtebauliche Großproblem ICC gelöst würde. Zuletzt hatten sich Fraktionschef Raed Saleh und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schon beim Großprojekt auf dem Pankower Güterbahnhof flexibel gezeigt und dem Investor Kurt Krieger die gewünschten Quadratmeter Einzelhandelsfläche in Aussicht gestellt, um das Gesamtprojekt zu retten.
„Asbestgefahr kleiner als gedacht“
Fachleute sind sich beim ICC zudem inzwischen so gut wie sicher, dass die Asbestgefahr „kleiner als gedacht ist“, wie Rainer Tepasse, Ingenieur und Sachverständiger für Gefahrstoffe am Bau, sagte. Zusammen mit Jürgen Nottmeyer, dem ehemaligen leitenden Baudirektor in der Senatsverwaltung, der bis zur Eröffnung des ICC, 1979, für das Gebäude verantwortlich war, recherchiert er seit Monaten in den Bauakten. Beide halten eine öffentlichere und intensivere Nutzung des Gebäudes für wünschenswert. Das Haus sei für parallel stattfindende Veranstaltungen konzipiert worden.
Tatsache ist, dass mit der Eröffnung des im Bau befindlichen neuen Kongresscenters „City Cube“ – die erste Veranstaltung plant die Messe Berlin dort am 10. Mai 2014 – alle Veranstaltungen untergebracht wurden. In der beliebten Kongress- und Tagungsstadt Berlin finden Veranstaltungen aus allen Wirtschaftszweigen statt. „Die Organisatoren wissen, dass sie hier ein hervorragendes Netzwerk von Politik, Wirtschaft und Verbänden vorfinden und aus einer Vielzahl von Hotels, besonderen Locations und Dienstleistern wählen können. Dazu kommt die besondere Atmosphäre einer Weltstadt. Sie bietet für jedes Event den passenden Rahmen“, sagte Heike Mahmoud, Director Conventions von Visit Berlin. Zudem ist Berlin im Vergleich der Metropolen immer noch überaus preisgünstig.
Auch kleine Events haben Anteil an den Besucherzahlen
Nicht jede Veranstaltung vereint gleich Tausende Teilnehmer wie etwa die Tagung der mehr als 12.000 Magen-Darm-Spezialisten im Oktober oder das Jahrestreffen der Europäischen Vereinigung für Diabetesforschung, zu dem im vergangenen Jahr sogar 18.100 Mediziner kamen – das war Jahresrekord 2012. Im Durchschnitt sind es nur 84 Teilnehmer, die 1,9 Tage bleiben und zumeist (70 Prozent) eine privatwirtschaftlich organisierte Veranstaltung besuchen. Doch auch die kleinen Events haben ihren Anteil daran, dass 2012 rund 10,5 Millionen Tagungsteilnehmer nach Berlin kamen, acht Prozent mehr als 2011 und 83 Prozent mehr als noch im Jahr 2003.
Meist treffen sich die Teilnehmer in Tagungshotels (182 Hotels), auf dem zweiten Platz liegen „außergewöhnliche Veranstaltungsstätten“ wie das Radialsystem V oder Schulungsstätten von Verbänden und Firmen (153 Orte). Und schließlich gibt es in der Berliner Zählung vier Kongresshallen: das ICC am Messegelände, das Berliner Congress Center (bcc) am Alexanderplatz, das dbb Forum an der Friedrichstraße sowie das Tempodrom in Kreuzberg. Die Zahl der Tagungsorte hat in den vergangenen elf Jahren von 245 auf 339 zugenommen.

























