Es muss an den Jahren liegen, in die man gekommen ist, dass man das Leben verlängern möchte – nicht nach vorne, das geht nicht, die Sanduhr ist nicht auszutricksen, sondern zurück in die Vergangenheit, in den Flimmer der ersten Teenager-Jahre. Eine Zeit zum Nacherleben, als würde uns alles noch einmal geschenkt, nur diesmal mit einem tieferen Blick.

Die Erinnerung daran erfasst mich wie das Prickeln vor einem Wiedersehen. „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift“, so lässt Ernst Jünger seinen Roman „Auf den Marmorklippen“ beginnen. Davon möchte ich schreiben. Von dem Glück, und was es gewesen. Lässt es sich wieder einfangen für den Rest der Lebensreise?

Auch als letztes von sechs Kindern wusste ich viel von dem, was die Zeitgeschichte unserer Familie angetan hatte. Die Flucht aus dem zerbombten Danzig im Januar 1946 über die vereiste Tiefebene Nordeuropas, im voll gestopften Güterzug, mit Kranken, Kindern, Sterbenden, dazu die marodierenden Soldaten, die alles an sich nahmen, was sie den Flüchtlingen bei Halt auf verschneiten Gleisen entreißen konnten – heute versuche ich mir auszumalen, wie die Eltern mit ihren Kindern den Horror dieser Tage und Wochen überstanden haben mochten. Ich schaffe es nicht.

Gottvertrauen als Begleitvokabel in den Jahren der Reifung

Aus dem großstädtischen, hanseatischen Danzig in die westfälische Landschaft verstoßen zu werden unter Schafe, Kühe, bei dem über uns erschrockenen Bauern, bei dem wir verteilt wurden bis zur endgültigen Bleibe in einer Baracke, die früher als NS-Kindergarten gedient hatte: ein Los, das wir damals mit Millionen anderer Menschen teilten.

Der Vater war praktischer Arzt, die Mutter Klavierlehrerin, beide fanden sich im Glauben an eine höhere Gewalt, mit der sie nicht haderten, deren unsichtbare Hand sie akzeptierten trotz aller Zumutungen. „Gottvertrauen“ hieß das magische Wort, es wurde die Begleitvokabel in den Jahren meiner Reifung. Ohne Gottvertrauen wären meine Eltern gescheitert. Ich las später in Briefen meiner Mutter an ihre Schwestern, wie sie mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt hatte, der Tod als großer Erlöser aus allem Leid. Aber sie richtete sich immer wieder von Neuem auf dank ihres Gottvertrauens.

Ich bin diesem Wort seit Jahren nicht mehr begegnet. Es muss an der Idee irdischer Rundumversorgung liegen, dass wir Gott gleichsam verlernt haben wie ein Gedicht, das wir einmal auswendig kannten.

Vier handschriftliche Strophen eines Sonetts

Der Vater eröffnete seine Tätigkeit in dem Hinterzimmer einer Gastwirtschaft, deren Eigentümer ihm den Raum, einen Tisch, einen Stuhl und ein Sofa zur Verfügung gestellt hatte. An die Tür heftete Vater die vier handschriftlichen Strophen eines Sonetts, von einem mir bis heute unbekannten Lyriker, „Gebet in der Demut“. Die ersten beiden Vierzeiler gingen so:

Du sahst mich, betend, Herr, die Hände heben / und doch nicht in der Demut zu Dir flehn, / denn allzu prahlend stand mein Leid daneben, / und ein Gebet soll in der Demut stehn.

Drum bitt ich noch einmal: Schenk mir das Leben! / Doch nicht, weil mir soviel des Leids geschehn, / nein! Um wie Du am höchsten Kreuz zu schweben / und wie Du zum letzten Leid zu gehn.

Das „Gebet in der Demut“ ist mit Gold nicht aufzuwiegen

Geschwächt von Krankheit und den Strapazen der Vertreibung schaffte es mein Vater selten zum sonntäglichen Gottesdienst, wie ihn die katholische Kirche eigentlich vorsah (oder vorschrieb). Mir aber kommen diese Gedichtzeilen wichtiger vor als alle nicht besuchten Gottesdienste. Es sind Gedanken eines kreatürlichen Sich-Fügens, im Einklang mit dem Leiden des Erlösers. Wir Kinder hatten nichts Materielles geerbt, weil alles verloren war: Diese Erbschaft, das „Gebet in der Demut“, ist mit Gold nicht aufzuwiegen.

Als Jüngster unserer Sechs wurde ich auf einem Ordensinternat der Franziskaner untergebracht, der Himmel schien sich mir zu öffnen mit den umgänglichsten und freundlichsten Priestern, Lehrern, Präfekten. Ein Gymnasium zur Heranbildung von Priestern in der Brasilienmission? Pater Günther, der Musiklehrer, hatte erst einmal anderes mit mir vor und bildete meine Stimme aus bis zur Vortragsreife an Schulabenden und während des Sonntaghochamtes mit gregorianischem Choral.

Ich sehe die kleine Gestalt da, die vor der Schola steht und sie durch die gregorianischen Gesänge schleust mit den Handbewegungen eines angehenden Dirigenten. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich mich verloren haben zur größeren Ehre Gottes, ohne es zu merken: Die Musik nahm mich vollkommen gefangen. Glücklicher kann ein Dreizehnjähriger nicht sein.

Das Religiöse war weltmännisch

Alles Religiöse kam bei den Franziskanern unverkrampft, geradezu weltmännisch daher – das will etwas heißen bei täglich einer Heiligen Messe und am Sonntag deren zwei: einer stillen Messe sowie dem lateinischen Hochamt. Wenn ich auf Liederabenden Schubert oder Beethovens „Adelaide“ vortragen durfte, „Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, / Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen“, kam es mir vor, als habe sich erneut Gott in Musik verwandelt als den Inbegriff höchster Erfüllung.

Pater Günther folgte einer bestimmten Methode, wer singen konnte und wer nicht: Gleich nach der Aufnahme in die Schule gab er jedem der Neuankömmlinge ein Lied zum Vorsingen auf, das er kurz dem jeweiligen Kandidaten vorspielte. Mir trug er Melchior Vulpius’ Kantate „Hinunter ist der Sonne Schein“ von 1609 auf, mit dem Text von Nikolaus Herman aus dem Jahr 1560. Ein klassisches Juwel aus evangelischen Gesangsbüchern. Ich habe nur den Text der ersten Strophe behalten:

„Hinunter ist der Sonne Schein, / die finstre Nacht bricht stark herein, / leucht uns, Herr Christ, du wahres Licht, / lass uns im Finstern tappen nicht.“

Die chromatische Tonleiter, zu der sich Na-a-a-a-acht hochschraubt, gibt mir noch heute eine Gänsehaut wie im Schauer großer Verlorenheit. Die „finstre Nacht“ und das „wahre Licht“ prägten sich mir sogleich als aufeinander bezogene Pole der Existenz ein. Hatte die Familie nicht soeben die „finstre Nacht“ der Flucht hinter sich und flehte, das „wahre Licht“ zu erleben, um nicht weiter im Dunkel zu tappen? Ich fasste dies Lied fast wie eine Autobiografie auf, kann mich daher auch auf keine andere religiöse Erweckung berufen als auf Licht und Dunkel, Verlorenheit und Erlösung, Blindheit und Wissen. Immer an den Rockschößen der Musik und ihren wandelnden Tonarten entlang.

Kann man in der syrischen Verlassenheit Gottvertrauen empfinden?

„Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift.“ Eigentlich darf ich nicht weiterschreiben, denke ich etwa an das Elend von Millionen Syrern, die heimatlos, elternlos und brotlos durch ihr verwüstetes Land nomadisieren. Für sie sind Zeiten des Glücks selbst in der Erinnerung unerreichbar, weil die Not des Heute sie daran hindert, an etwas anderes zu denken als ans nackte Überleben. In Friedenszeiten sich der Sehnsucht nach dem Einst hinzugeben, ist leicht. Ich sehe dagegen meine Eltern, wie sie mitten in der Not an dem Gedanken an die verlorene Heimat fast zerbrachen.

Wäre da nicht das Gottvertrauen gewesen, das unerklärliche, tief eingewurzelte. Kann man auch in der syrischen Verlassenheit zu Allah Gottvertrauen empfinden? Oder nicht doch auch dort an der Frage der Theodizee scheitern – der Frage, wie dies alles zugelassen werden kann von einem gütigen Schöpfer?

Iwan, der mittlere der drei Brüder Karamasow, in Dostojewskis gleichnamigem Roman, will mit 30 Jahren „seine Eintrittskarte“ zurückgeben, das heißt, freiwillig aus dem Leben scheiden, weil er das Leiden unschuldiger Kinder nicht mit dem Glauben an einen gerechten Gott in Einklang bringen kann. Wo keine Schuld vorliegt – wie kann da Strafe sein? Wer darauf die Antwort wüsste.

Als Geschöpfe sind wir hilflos, als Denkende voller Hoffnung

Dunkel und Licht – welches Glück, wenn der Lebensweg nicht dem einen oder dem anderen zum Opfer fällt: der Dunkelheit in Verzweiflung, dem Licht in exklusiver Undemut. „Herr, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie die da“ – so spricht der Hochmut, der das Licht gepachtet zu haben glaubt. Ich sehne mich nach meinen jungen Jahren, weil mir diese Dialektik noch völlig verschlossen war und ich die finstre Nacht und das wahre Licht wie natürliche Leitplanken des Lebens empfand, zwischen denen es sich abspielt in Herzklopfen und Niedergeschlagenheit.

Als Geschöpfe sind wir hilflos, als Denkende voller Hoffnung, als Gläubige versunken in Dankbarkeit. So stehe ich vor der Krippe, ein Leben lang. An Weihnachten bricht für mich dieses mächtige Licht in das Halbdunkel unserer Existenz, und das Glück der Erinnerung verwandelt sich in die Unschuld des Seins, das für einen Augenblick sich der Schau von Bethlehem hingeben darf ohne zerebrale Kopfsprünge.

Ich kann noch heute die Weihnachtsgeschichte „Es begab sich aber zu der Zeit. . .“ nicht lesen oder vorlesen, ohne dass mir die Tränen in die Augen treten. Weshalb ich seit Jahren schon darum bitte, dass jemand anders aus der Familie die Geschichte vorlesen möge. Dabei bin ich ein unsentimentaler Mensch, der immer nur hier an die Grenze seiner Fassung gelangt. Wieder ist es ein Lied, das mich zusätzlich umwirft, in Bachs Vertonung.

„Ich steh an deiner Krippen hier, / o Jesu, du mein Leben. / Ich stehe, bring und schenke dir, / was du mir hast gegeben. / Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, / Herz, Seel’ und Mut, nimm Alles hin, / und lass dir’s wohl gefallen.“

Krippe ohne Jesuskind

Die Zeilen handeln vom Glück gegenseitigen Schenkens – „ich schenke dir, / was du mir hast gegeben.“ Was haben wir Größeres empfangen als das Leben? Und was können wir Größeres zurückgeben als unsere Dankbarkeit dafür? Weihnachten ist wie die Erhörung der Bitte „Lass uns im Finstern tappen nicht.“ Die vierte Strophe von „Ich steh an deiner Krippen hier“ intoniert im Barock ihrer Sprache die kreatürliche Dankbarkeit für das Geschenk des Lichts:

„Ich lag in tiefer Todesnacht, / du wurdest meine Sonne, / Die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht’t, / wie schön sind deine Strahlen.“

In England betrat vor wenigen Tagen eine Kundin ein Weihnachtsgeschäft und fragte die Verkäuferin, ob sie auch eine nicht-religiöse Geburtsszene im Angebot hätte, „a nativity scene“ ohne christlichen Bezug. Die Angestellte war für einen Moment wie verstört von dieser Bitte, dann hatte sie einen Gedankenblitz („Lass uns im Finstern tappen nicht!“), ging zu einer Krippenlandschaft, nahm den Jesusknaben aus seiner Krippe und bot den Rest der Kundin an: „Hier hätte ich eine Geburtsszene ohne christlichen Inhalt für Sie.“

Von Sehnsucht wollte ich schreiben und bin beim Glauben gelandet. Er macht mich dankbar, denn er ist unverdient. Kein Leben ohne das Gebet in der Demut, kein Glück ohne das Licht des hilflosen Kindes in der Krippe.