Eine halbe Stunde sind wir schon im Wald unterwegs. Es ist der dritte Adventssonntag. Meine Schwester und ich suchen nach dem perfekten Weihnachtsbaum. Wir sind spät dran, bald wird es dunkel sein. Immer weiter entfernen wir uns von der Stelle, wo die Bäume verkauft werden. Fast zwei Kilometer laufen wir, bis wir ihn endlich finden. Er ist fast drei Meter hoch und schön gewachsen. Perfekt.
Mit dem Sägen wechseln wir uns ab. Wir brauchen etwa zehn Minuten. Dann zerren wir die Tanne aus der Lichtung in Richtung Weg. Dabei wird uns schlagartig klar, dass wir es nicht schaffen werden, diesen großen Baum nach vorn zu bekommen, dorthin, wo er verpackt und bezahlt werden muss. Er ist viel zu schwer. Und den aufgeweichten Waldweg entlangschleifen können wir ihn auch nicht. Das würde ihn ruinieren.
Was nun? Einfach liegen lassen? Ich bin kurz davor, vor Wut mit dem Fuß aufzustampfen. Genau in diesem Augenblick kommt der Förster mit einem kleinen Kastenwagen vorbei. Er lädt den Baum auf. Wir dürfen einsteigen. In drei Minuten sind wir vorn an der Sammelstelle. Glück gehabt.
Jeder ist seines Glückes Schmied
Glück – das Wort kommt vom mittelniederdeutschen „gelucke“. Es bezeichnet eine Situation, die gut ausgeht, unabhängig vom Talent oder Zutun des Beglückten. Glück als Zufall also, den man nicht in der Hand hat. Wir alle kennen dieses Glück. Doch wir kennen auch den Volksmund, der behauptet, dass jeder seines Glückes Schmied ist.
Was also ist das wahre Glück? Ist es der Zufall, der zwischen vierblättrigen Kleeblättern lauert oder hart erarbeitetes Wohlergehen, ist es eine schicksalhafte Fügung oder das gute Gefühl, für andere da sein zu können? Sollte man Glück geschehen lassen oder braucht es einen Plan?
Gibt es überhaupt eine allgemeingültige Definition für das Glück oder hat nicht jeder Mensch seine eigene, eine, die sich noch dazu im Laufe seines Lebens ändert? Wir leben in einer Demokratie. Die unterschiedlichsten Auffassungen von einem guten Leben können nebeneinander existieren, jeder kann versuchen, seine Vorstellungen zu verwirklichen. Ist nicht das schon Glück?
Auf der Suche nach dem Glück
Vor Kurzem erst hat die ARD dem Glück eine ganze Themenwoche gewidmet. Ob dadurch auch nur ein einziger Mensch glücklicher geworden ist, wissen wir nicht. Fest steht indes, dass wir alle danach streben, glücklich zu sein. Deshalb kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, wie das funktioniert und ob wir etwas dafür tun können. Was also ist Glück? Ich mache mich auf die Suche:
Für Rose Sternberg besteht das Glück an diesem Montagmorgen Anfang Dezember aus nur einem Satz. Ein Satz mit Fragezeichen am Ende, gerichtet an ihren Sohn Emmanuel. Doktor Gabriele Strauß fragt den neun Jahre alten Jungen, was er davon halten würde, wenn der Katheter jetzt rauskäme. Der dünne Schlauch führt oberhalb der rechten Brustwarze in Emmanuels Körper. Er war nötig, damit die Medikamente direkt zu seinem Herzen gelangen konnten. Emmanuel reißt die Augen auf. „Raus“, sagt er dann nur. Er sagt es laut und entschieden.
In dem kleinen Sprechzimmer in Haus 6a auf dem Charité-Campus Virchow ist es für einige Sekunden mucksmäuschenstill. Dann fällt Rose Sternberg auf die Knie und ringt die Hände. Tränen kullern ihr über die Wangen. „Ich bin so glücklich“, ruft sie und: „Ich danke euch allen.“ Alle, das sind die Ärzte und Schwestern der Hämatologischen Klinik der Charité, das sind Emmanuels Brüder, das sind seine Lehrer und Mitschüler. Das ist auch der liebe Gott.
Rose Sternberg ist vor 23 Jahren aus Ghana nach Berlin gekommen. Vier Söhne hat sie hier geboren. Emmanuel, ihren Zweitältesten, im Januar 2004.
Die Ärzte wussten nicht, ob Emmanuel überleben würde
Mit der einfachen Frage von Doktor Strauß endet für Mutter und Sohn eine schwere Zeit. 2008 diagnostizieren die Ärzte bei Emmanuel eine Bluterkrankung: Sichelzellenanämie. Der Junge wird behandelt, immer wieder. Doch sein Zustand verschlechtert sich. Die Ärzte sagen der Mutter, dass sie nicht wissen, ob Emmanuel überleben wird. Im September dieses Jahres muss ihm Knochenmark transplantiert werden. Es stammt von seinem Bruder Daniel.
Das ist jetzt 70 Tage her. Emmanuel geht es endlich wieder besser. Er darf zwar noch immer nicht nach draußen, sein Immunsystem muss sich erst wieder erholen. Doch er hat keine Kopfschmerzen mehr. Er muss auch nicht mehr husten. Und seine Muskeln tun ihm auch nicht mehr weh. Zu Hause im Flur kann er sogar schon wieder Fußball spielen.
Wenn er groß ist, will Emmanuel Profi-Fußballer werden. Wie sein Bruder Daniel. Vor seiner Krankheit hat er beim FC Internationale Berlin gespielt. Dort will er im nächsten Frühjahr weitermachen. Doktor Gabriele Strauß hält diesen Plan für realistisch. „Emmanuel hat schwere Komplikationen gehabt durch die Krankheit. Ich hoffe aber, dass er das bald wieder vergessen hat und ein glückliches Leben führen kann“, sagt sie.
Rose Sternberg nickt heftig. „Ich habe jeden Tag für Emmanuel gebetet“, sagt sie. „ Gott hat mich erhört. Was für ein Glück.“
Was sich 15 bis 18 Jahre alte Schüler unter Glück vorstellen
Emmanuels Geschichte hätte auch anders ausgehen können. Was hat ihm Glück gebracht? Die Kunst der Ärzte, die Liebe seiner Mutter oder Gottes Beistand? Es dürfte die Summe sein aus alledem und eben auch jenes Quäntchen Zufall, das wir alle so dringend brauchen zum Glück.
Wer hierzulande über das Glück nachdenkt, kommt an Eckart von Hirschhausen kaum vorbei. Ich bin deshalb nicht überrascht, als mich dieser Tage eine Einladung erreicht. Hirschhausen will mit Schülern der Marienfelder Gustav-Heinemann-Schule über Glück reden. Immerhin hat er drei Bestseller zum Thema geschrieben. Ich bin neugierig, nicht unbedingt auf den Glücksexperten, sondern darauf, was 15 bis 18 Jahre alte Schüler sich unter Glück vorstellen. Ich fahre hin.
Der Glücksexperte eröffnet die Diskussion mit einem Paukenschlag. Es sei ein großer Irrtum, dass wir dafür geschaffen sind, Glück zu haben, sagt er. „Wir sind dafür geschaffen, das Glück zu suchen.“ Die Schüler nehmen es gelassen. Sie haben eine Umfrage zum Thema Glück gemacht und 90 Mitschüler befragt, wo sie sich besonders glücklich fühlen. „Am Strand“ steht ganz oben auf ihrer Liste, an zweiter Stelle immerhin „In der Schule“. Soweit zu den Orten des Glücks.
Zufriedenheit: Die Voraussetzung für ein glückliches Leben
Tätigkeiten, die Schüler glücklich machen, sind demnach Sport, Shoppen, Fernsehgucken, Singen, Tanzen und Autofahren. Auf die Frage, wer sie glücklich macht, haben die meisten mit „Freunde“ und „Liebe“ geantwortet. Hirschhausen nickt. Er hätte sich allerdings gewünscht, dass auch Engagement als Glücksquelle auf der Liste steht. „Das Gefühl, sich zu engagierten, macht reich, reduziert Stress. Ehrenamtliche leben sieben Jahre länger“, erzählt er den Schülern.
Der Mediziner, der als Comedian bekannt geworden ist, hat eine Mission. Er will den Schülern dabei helfen, Zufriedenheit zu lernen. Dies sei die Voraussetzung für ein glückliches Leben, sagt er. Sein Rat: „Vergleicht euch nicht ständig mit anderen.“ Wer immer denke, dass es woanders schöner, ein anderer Partner besser sei und das Leben nur gelingen könne, wenn er anders aussehen würde, der werde nicht glücklich.
Barbara Möller, 49, vergleicht sich nicht mit anderen. Würde sie das tun, hätte sie wenig Spaß an ihrem Beruf. Ein Beruf, der sie glücklich macht, wie sie betont. Barbara Möller ist Floristin, sie hat gerade ausgelernt. Mit ihrem Job verdient sie nur noch ein Drittel von dem, was sie in den vielen Berufsjahren zuvor hatte, in denen sie in der Bekleidungsindustrie tätig war. Deutlich weniger auch als viele ihrer Freunde und Bekannten. Doch das stört sie nicht. „Ich mache etwas, was mir Spaß macht, und werde das noch lange tun können.“ Nur das zählt für sie.
Glück ist, mit dem zufrieden sein, was man tut
Möller sagt, dass sie glücklich ist, „weil ich in meinem Alter noch einmal etwas gewuppt habe.“ Sie hat sich aus der Arbeitslosigkeit heraus katapultiert, nicht in irgendeine Tätigkeit hinein, sondern in einen Beruf, der sie erfüllt und schon als junges Mädchen ihr Traumberuf war.
In ihrem ersten Beruf als Schneiderin ist sie zwar lange erfolgreich. Sie arbeitet bei verschiedenen Bekleidungsherstellern, ist schließlich sogar in verantwortlicher Position und für die Kalkulation der benötigten Stoffe zuständig. Doch die Branche ist im Wandel. Die Arbeit wird mehr und mehr ins Ausland verlagert. 2008 wird Barbara Möller arbeitslos. Einen neuen Job in der Branche findet sie nicht. Da nützt auch die Hilfe ihrer engagierten Vermittlerin wenig. Doch sie gibt nicht auf, sondern wagt die Umschulung zur Floristin.
„Glück ist“, sagt Barbara Möller, „wenn ich mit dem, was ich tue, zufrieden bin.“ Die Bücher von Eckart von Hirschhausen hat sie nicht gelesen. Auch eine Show des Glücksexperten hat sie nie besucht. Würde der sie allerdings kennen, wäre sie sicher ein gern zitiertes Beispiel in seinen Vorträgen. Vielleicht hat Hirschhausen ja Glück und trifft Frau Möller irgendwann einmal.
„Unser größtes Glück kommt im Februar“
Wie Barbara Möller haben auch Bettina und Christian ihr Glück selbst in die Hand genommen. Ich treffe die beiden Anfang Dezember vor dem Standesamt Mitte an der Parochialstraße. Sie werden gleich heiraten. „Unser größtes Glück kommt im Februar“, sagt Christian und zeigt auf Bettinas Bauch. Es wird ein Mädchen werden, das wissen sie schon.
Vor dem Standesamt steht außerdem noch ein älterer Mann. Er trägt eine dunkle Anzughose zum Anorak, eine Baskenkappe und ordentlich geputzte Schuhe. Er hat eine Geige dabei. Tauchen Brautpaare und deren Gäste auf, fängt er an, eine getragene, aber nicht traurige Melodie zu spielen. Ob er glücklich ist? Er sieht mich lange an, antwortet dann auf Russisch. Ich verstehe ihn nicht. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er nicht unglücklich ist.





