„Hauptzollamt für Prüfungen“ steht auf einem dieser Schilder neben der Tür, wie sie in Behörden hängen oder in Krankenhäusern. Die zwölf Quadratmeter dahinter sind längst kein Büro mehr, auch wenn der braune, schmutzabweisende Teppichboden immer noch liegt. Auf dem Schild klebt ein Streifen: „2-Bett-Zimmer“. Von einem Zuhause ist auf dem Behördenschild nicht die Rede, und auch nicht von Sicherheit, von Freiheit, die die beiden Bewohner hier gefunden haben.

Das eine Bett gehört Sharmila, 26, das andere Belal, 6. Von Belals Vater wurden sie auf dem Weg aus Afghanistan nach Deutschland getrennt. Er ist in Pakistan geblieben, erst einmal. Sharmila und ihr Sohn haben es nach Deutschland geschafft. Wie sie von Afghanistan hierher gelangt sind, will Sharmila nicht erzählen. Es ist vielleicht besser so. Für den Asylantrag musste sie beschreiben, wie sie nach Deutschland kam. Entscheidend ist, in welchem Land sie zuletzt vor der Einreise war. Ist es ein anderes EU-Land oder ein sicherer Drittstaat, dann müsste sie ihren Antrag dort stellen.

Sharmilas Nachname soll nicht in diesem Text stehen. Es könnte sein, dass es ihr jemand übel nimmt, dass sie sich nicht mit dem Leben abfinden wollte, wie es radikale islamische Gruppen für eine Frau vorsehen. Oder dass sie jetzt in Berlin lebt, in einem Flüchtlingsheim, ohne eigenes Einkommen. Es belastet sie, dass sie nicht arbeiten darf, so lange über ihren Antrag noch nicht entschieden wurde: „Andere Leute arbeiten und bezahlen für mich. Das will ich nicht.“

Sharmila wuchs unabhängig auf

Gleich nach der Ankunft hat sie ihren Asylantrag abgegeben, vor sechs Monaten, eine Entscheidung gibt es noch nicht. Darüber, wie es weitergehen würde, wenn sie nicht in Deutschland bleiben dürfte, will Sharmila nicht einmal nachdenken. Zurück nach Afghanistan, das ist für sie nicht vorstellbar. „Es wird dort jedes Jahr schlimmer für Frauen“, sagt sie in ihrem weichen Englisch. Vor allem für Frauen wie Sharmila, die die traditionelle Familienrolle hinter sich gelassen haben, einen Beruf haben, eine eigene Meinung. Für die es nicht in Frage kommt, zu Hause zu bleiben und sich den Männern der Familie unterzuordnen.

Sharmilas Familie war immer schon freiheitsliebender als andere in Afghanistan. Jedenfalls, so erzählt es Sharmila, dachte ihre Mutter gar nicht daran, sich in ihrem eigenen Haus einsperren zu lassen, als die Taliban vor etwa 20 Jahren in ihrer Heimatstadt Herat auftauchten. Ohne Mann durften Frauen nicht auf die Straße, Sharmilas Vater war einige Jahre zuvor gestorben, die Brüder lebten weit weg. Also schnitt die Mutter der kleinen Tochter die Haare ab, zog ihr die abgelegten Kleider der großen Brüder an, und machte ihre Jüngste zum Mann im Haus. Sharmila ging einkaufen, begleitete die Mutter und die großen Schwestern zum Arzt, erledigte all die Alltagsaufgaben, die unter den Taliban nur den Männern erlaubt waren. Sogar zur Schule ging sie als Junge, für Mädchen war der Schulbesuch nicht vorgesehen.

Freiheit hieß für sie, Freiheit zu lernen

Einige Jahre lief das so, bis schließlich auch die weiteste Kleidung nicht mehr verbergen konnte, dass darunter ein Mädchen steckte. Von der Zeit an musste auch sie zu Hause bleiben. Aber anders als die meisten ihrer Altersgenossinnen hatte sie mitten im Terror-Regime der Taliban eine Art Freiheit kennengelernt. Freiheit, das war für sie nicht ein Gefühl, wie es vielleicht Menschen in Deutschland beschreiben würden: die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, zum Beispiel, und mehr zu reisen. Freiheit, das hieß für sie: nicht eingesperrt zu sein, sich frei zu bewegen – und vor allem: zu lernen. Kein Wunder, dass sie die Amerikaner als Befreier begrüßte, als US-Truppen 2001 in Afghanistan einmarschierten. Sharmila konnte zurück in die Schule, danach an die Uni. Sie war glücklich.

Für einige Jahre stand ihr die Welt offen. Zumindest glaubte sie das, als sie an der Universität Herat lernte, Nachrichten zu schreiben, Beiträge zu filmen und sich mit Mediengeschichte und Presserecht beschäftigte. Als sie Pressesprecherin des Provinz-Gouverneurs wurde und Leiterin eines Zentrums, in dem sie Journalisten ausbildete. Als sie mit dem eigenen Auto zur Arbeit fuhr, dort ganz selbstverständlich mit Männern zusammenarbeitete, abends ins Fitness-Studio ging und sich mit Freunden traf, einen Mann heiratete, den sie liebte, der ihre Arbeit respektierte und sie unterstützte.

Ein Leben, wie es junge Frauen in westlichen Ländern führen und in dem sich Sharmila heimisch fühlte. Natürlich wusste sie, dass Herat nicht New York war, das sie aus Fernsehserien kannte. Dafür musste sie sich nur in ihrer Heimatstadt umsehen, in der selbst bei 40 Grad im Sommer immer noch einige Frauen Burka trugen, in der es Eselkarren gab und staubige Brachen mitten in der Stadt. Aber es gab auch die Banken und die Shopping-Center mit ihren verspiegelten Fassaden, den internationalen Flughafen. Und Frauen wie Sharmila, gut ausgebildet, auf dem Weg in eine neue Zukunft.

Die Macht der Taliban wuchs, die Freiheit schrumpfte

Bis sich, zuerst kaum spürbar, die Einschränkungen in ihr Leben zurück schlichen. Die Blicke, wenn der Hidschab, das Kopftuch, in der Öffentlichkeit vielleicht ein wenig zu locker saß. Das Getuschel, weil sie mit Männern zusammenarbeitete. Anfangs nahm sie es kaum wahr, dann wurden die Blicke wütender, aus dem Getuschel wurden Beschimpfungen, schließlich Drohungen. Die Macht der Taliban in Herat wuchs, die Freiheit für junge Frauen schrumpfte, jeden Tag mehr.

„Nirgendwo in Afghanistan sitzen mehr Frauen und Mädchen wegen sogenannter moralischer Verbrechen im Gefängnis als in Herat“, sagt Gauri van Gulik, Frauenrechts-Expertin bei der Organisation Human Rights Watch. Ihre Organisation hat einen Bericht vorgelegt über Frauen, die nach einer Vergewaltigung für „Sex außerhalb der Ehe“ verurteilt oder bestraft wurden, weil sie ihren gewalttätigen Ehemännern wegliefen. „Es ist sehr gefährlich, in Afghanistan eine Frau zu sein.“ Zuerst waren es ländliche Gegenden, in denen die Taliban stärker wurden, Unterstützer fanden. Herat hat mehr als 300.000 Einwohner, gehört zu den wohlhabenderen Orten des Landes, die leitende Staatsanwältin der Provinz ist eine Frau – „man fragt sich wirklich, wie es so ein schlimmer Ort für Frauen werden konnte“, sagt van Gulik.

Für Sharmila wurde das Leben jeden Tag weniger frei. Als Sprecherin der Provinzregierung stand sie in der Öffentlichkeit, das war den rückwärtsgewandten Kräften nicht recht. „Frauen, die im öffentlichen Sektor oder für ausländische Organisationen arbeiten, sind besonders gefährdet“, bestätigt Gauri van Gulik. Das Ausbildungszentrum für Journalisten erschien den Taliban und anderen demokratiefeindlichen Gruppen offenbar noch bedrohlicher: noch mehr Reporter, die darüber berichten würden, was im Land passiert, ohne sich an den strengen Moralvorstellungen zu orientieren.

Das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein

„Ich habe Anrufe bekommen.“ Sharmila wird lauter, wenn sie davon erzählt, wie die Angst in ihr Leben kam. „Sie sagten: ‚Hör auf mit diesem Job. Wenn nicht...‘.“ Sie blickt hilflos auf ihren Sohn. „,Wenn nicht’, das kann alles heißen.“ Natürlich hätten sie versucht, Hilfe zu bekommen: „Aber dafür hätten wir Beweise gebraucht, dass wir bedroht werden.“ Ein Journalist, den sie gut kannte, wurde ermordet. Danach hatte sie das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein. „Es hätte jederzeit passieren können, dass einer von uns erschossen wird. Vielleicht mein Mann, vielleicht ich. Vielleicht mein Kind.“

Sharmila und ihr Mann entschieden sich, alles aufzugeben. So vieles haben sie vorher versucht: „Mein Mann hat eineinhalb Jahre in Indien gearbeitet, ich habe eine Zeit lang in Kabul gelebt. Aber wir wurden immer noch bedroht. Die Flucht war der letzte Ausweg.“ Wütend klingt es, als Sharmila hinzufügt: „Ich weiß nicht, wer jetzt in meinem Haus lebt, wer mein Auto fährt. Und ich habe mein Studium abgebrochen: Ich war so nah an meinem zweiten Abschluss, ich hätte nur noch dieses Jahr gebraucht. Ich habe meine Universität geliebt! Wir haben zehn Jahre lang so hart gearbeitet, bevor wir gegangen sind.“ Und trotzdem sei sie glücklich: „Weil ich jeden Tag weiß, dass Belal von der Schule nach Hause kommen wird.“

Seit Juni lebt Sharmila mit Belal im Heim

6233 afghanische Flüchtlinge haben von Januar bis Oktober 2013 einen Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Im Schnitt dauern Asylverfahren in Deutschland knapp elf Monate, für Asylbewerber aus Afghanistan vergehen durchschnittlich etwas mehr als 15 Monate bis zu einer Entscheidung. Bei ihnen ist es komplizierter zu klären, ob sie in ihrem Heimatland gefährdet sind, als bei Menschen aus dem Kriegsland Syrien. In der ersten Jahreshälfte wurde nicht einmal ein Prozent der Asylanträge von Afghanen anerkannt. Allerdings durfte trotzdem fast die Hälfte bleiben, weil ihr Leben oder ihre Freiheit in der Heimat bedroht gewesen wäre oder ein anderer Grund die Abschiebung verhinderte.

Seit Juni lebt Sharmila mit Belal im Heim. S-Bahn und U-Bahn sind ganz in der Nähe, morgens bringt sie Belal zur Schule, dann fährt sie selbst zum Sprachunterricht. Danach organisiert sie ihr Leben in Berlin, Behördengänge, Arztbesuche, so etwas. Manchmal trifft sie sich abends mit einer Gruppe von Exiljournalisten, um sich ein Netzwerk aufzubauen.

Und sie sucht eine Wohnung. Nicht weil in das einstige Hauptzollamtsbüro, in dem sie mit Belal wohnt, gerade einmal die beiden Betten, ein schmaler Kleiderschrank und zwei Plastikstühle passen, aber kaum Platz für Belal zum Spielen bleibt. Nicht weil sie Bad, Küche, Waschküche mit den anderen im Heim teilt. Auch nicht weil sie durch die dünne Tür zum Nebenzimmer jedes Wort verstehen kann. Weg will sie vor allem, weil ihr Sohn im Heim kaum Freunde hat: „Hier sind zwar viele Kinder, aber die meisten sprechen Arabisch oder Serbisch. Belal kann mit niemandem reden.“

Seine Oma ruft jeden Tag an, manchmal weint er dann. Seiner Mutter fällt es schwer, ihm zu erklären, warum es besser ist, hier zu bleiben. Der Sechsjährige weiß nichts von Drohanrufen oder verprügelten Journalisten. Er weiß nur, dass seine Freunde weit weg sind, dass er in der Schule Schreiben, Lesen, Rechnen in einer neuen Sprache lernen muss, dass er jetzt in einem kleinen Zweibettzimmer wohnt statt im Haus der Familie in Herat. „Natürlich hätte ich mich in Afghanistan zu Hause einschließen können. Wahrscheinlich wäre ich nicht einmal dann sicher gewesen. Aber selbst wenn es anders wäre: Sicherheit ist nichts ohne Freiheit.“