In dem Flur der kleinen Parterrewohnung in Prenzlauer Berg riecht es nach dem exzessivem Gebrauch von Duftstäbchen. Inmitten des süßen Geruchs steht ein runder Tisch, auf dem allerlei Drogeriekerzen in den unterschiedlichsten Stadien der Verbrennung stehen. Daneben liegt ein Päckchen angebrochene Taschentücher.

„Hoffnung ist das Winseln um Gnade“, schreibt Helmut Krausser, 39 Jahre alt, Schriftsteller aus Potsdam. Er ist eher Realist. Mona Stein, Alter nicht gern genannt, beschreibt sich auf ihrer Internetseite als eine der „faszinierendsten Persönlichkeiten der Öffentlichkeit“, ist offensichtlich eher Optimist. Und täglich, so sagt die praktizierende Wahrsagerin und ausgebildete Schauspielerin, empfange sie Menschen, die Hoffnung bei ihr suchen.

In ihrem kleinem Wohnungsflur, der ausreichend temperiert ist, um Leguanen eine artgerechte Zimmerhaltung ohne Terrarium zu ermöglichen, liest sie Menschen aus ihren Händen, vor einer Tapete mit Südseepalmen im Schummerlicht einer grünen Nachttischlampe, sie legt Karten oder versucht, getrennte Partner wieder zusammenzuführen.

„Dass das funktioniert, kann ich meinen Kunden aber nur garantieren, wenn auf beiden Seiten noch Liebe da ist“, sagt Stein. In die bunten Kerzen auf ihrem Tisch sind kleine Stecknadeln hineingebohrt. Was so aussieht, als wäre jemandem während eines langen Telefonats derart langweilig gewesen, dass er ein wenig mit Nadeln und heißem Wachs herumspielte, habe Prinzip: „Die Stecknadeln gehören zu dem Partnerrückführungs-Ritual“, sagt Stein. Wie das genau vonstatten gehe? „Also das kann ich nicht verraten“, sagt sie ein wenig empört. Auch der Kunde sei nicht bei dem ganzen Ritual dabei.

„Hoffnung ist etwas für Leute die unzureichend informiert sind“ – Heiner Müller, Dramatiker

Die Gründe, warum Menschen zu ihr kommen, hätten sich nie geändert. „Zu mir kommen Studenten, Rentner, Hartz-IV-Empfänger, Geschäftsleute und Politiker“, sagt Mona Stein. Die meisten jüngeren Menschen kämen wegen Hoffen und Bangen in Sachen Liebe zu ihr. Bei Älteren gehe es hingegen häufig um Krankheiten. Gegen Bezahlung spricht sie mit ihnen, erzählt von Vergangenheit und Zukunft, am Ende steht im besten Fall ein Gefühl, dass es besser wird, mit dem Leben.

Diese Hoffnung kann schon einmal 100 Euro pro Stunde kosten. In Internetforen berichten das zumindest einige Kunden von ihr. Jemand schreibt, er sei jetzt sehr glücklich, alles sei so eingetreten, wie Mona Stein es ihm prophezeit habe. Hoffnung kann wie ein Placebo wirken. Ende 2010 orakelt sie für die Tageszeitung, was das politische Jahr 2011 bringen werde. Dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bescheinigt sie einen guten Charakter, sieht ihn als Kanzlerkandidaten – zwei Monate vor der Plagiatsaffäre.

Geboren wurde Mona Stein in Pankow, einem Bezirk, den sie in ihrem ganzen Leben nicht verlassen hat. „Eigentlich habe ich nach der Schule Schauspielerin werden wollen“, sagt die Frau, die jetzt eine gelockten Perücke trägt. „Aber mein Vater wollte, dass ich einen ehrlichen Beruf erlerne.“ Ehrlicher als Friseurin geht es kaum, sie schneidet Haare, färbt Spitzen und erfüllt so zumindest die Hoffnungen des Vaters.

Heimlich widmet sie sich nebenbei ihren eigenen Wünschen, nimmt privat Schauspiel- und Gesangsunterricht und konnte so Mitte der 70er-Jahre als Sängerin auftreten. Im Zwickauer Theater stand sie in Nebenrollen auf der Bühne, in Film- und Fernsehproduktionen der DDR spielte sie Hofdamen, Bardamen oder arme Frauen aus dem Volk. Eine große Rolle sah niemand in ihr. Die Karriere als Kleindarstellerin stürzte schließlich gemeinsam mit der Mauer zusammen.

Hoffnung ist das Winseln um Gnade – Helmut Krausser, Schriftsteller

Wie gut, dass sie schon vor dem Mauerfall begonnen hatte, als sogenannte Zukunftsvorhersagerin auf Partys zu helfen. „In meinen ersten Monaten als Wahrsagerin wollten die meisten meiner Kunden nur eines wissen: Wann kann ich ausreisen?“ Stein lacht laut auf, als sie an diese Zeit denkt. „Damals habe ich plötzlich gesehen“, sagt sie, „wie Hunderttausende durch die Mauer strömen.“

Sie hatte sich das nicht erklären können, sondern wiederholte immer nur, dass in einem Jahr diese Mauer nicht mehr stehen würde. Prophezeit, das betont sie und schüttelt den Kopf, habe sie den Mauerfall aber nicht. Nein, sagt sie, dass sei ihr damals zu riskant gewesen. Die Stasi hatte sich ohnehin schon zu sehr für sie interessiert. „Das DDR-Außenministerium rief an und fragte, was sollen wir machen!“ Stein lacht auf, die lackierten Nägel ihres nackten Fußes streifen den Tischbehang. „Sehen Sie mal, wie verzweifelt die waren.“

Nach dem Mauerfall berichten die Medien euphorisch von der damals noch jungen Frau mit den wundersamen Fähigkeiten, sie bekommt sogar eine eigene Radiosendung, soll Hörern Hoffnung geben. Weil es doch auch eine gute Nachricht ist, dass da jemand mehr weiß, als wir alle. Ihr Fazit ist nüchtern, letztendlich auch für ihr Können: „Wahrsagen ist auch nur eine Rolle für mich“, sagt Mona Stein. Niemand habe die Party-Astrologin mehr in einer anderen Rolle besetzen wollen. „Wenn jemand Jahre lang in einer erfolgreichen Serie mitspielt, ist er auch so auf diese eine Rolle festgeschrieben, dass er da nicht mehr rauskommt.“ Der Schein der Nachttischlampe neben ihr lässt ihr Make-up wächsern glänzen.

Mona Stein kann distanziert über ihre Arbeit sprechen, doch gerade als man das Gefühl hat, sie spielt wirklich alles nur, sagt sie: „Mit dem Unterschied halt, dass ich wirklich sehen kann – das Wahrsagen ist mir angeboren.“ Schon als Kind habe sie es drei Tage vorher gewusst, dass der Vater beim Christbaumschmücken vom Tisch fallen wird. Wahrsagerei funktioniert, weil Menschen mehr eint, als sie denken. Ihre Hoffnungen sind letztlich immer die gleichen. Wenn sie Klienten enttäusche, nehme sie das mit. „Wenn ich sehe, jemand ist krank, dann tut mir das weh.“ Über die Verantwortung, die sie trägt, sei sie sich bewusst. „Oft wollen sich meine Kunden nur die Diagnose eines Arztes von mir bestätigen lassen.“ Oder sie wollen einfach jemanden zum Reden. Auch das gibt manchmal schon Hoffnung.

Jede Hoffnung ist eigentlich eine gute Tat – Johann Wolfgang von Goethe, Dichter

Selbst gehe sie bei Schmerzen zum Arzt, zuletzt wegen eines Bandscheibenvorfalls war sie bei 20 verschiedenen Ärzten, bis sie die Diagnose angenommen habe. Eine notwenige Operation stehe noch aus. Tanzen könne Mona Stein heute deswegen nicht mehr. Das Geld für die Operation fehle ihr. Sie sagt: „Ich habe mal in einer größeren Wohnung gewohnt.“ Aber die habe sie sich irgendwann nicht mehr leisten können. „Mein sehnlichster Wunsch ist es“, sagt sie nachdenklich, „eine andere Person zu sein.“ Sie fügt an: „Also vor der Kamera.“

Sie schaut zur Wand, dort hängen fotokopierte Zeitungsartikel. „Früher ein Star – und heute?“ titelt ein Zeitungsausriss, „Auftritte zur DDR-Zeiten“ steht über einem zweiten, inmitten der Artikel sind Fotos von ihr, wie sie jung und aufrecht auf der Bühne steht und singt. Hauprollen hat sie nie gespielt, aber über 70 Nebenrollen. In der DEFA-Krimikomödie „Der Bruch“ spielte sie die Geliebte von Götz George. In dem Ost-Musical „Zille und ick“, eine singende und tanzende „Emma“. Auf dem Fußboden liegt ein roter Flyer mit dem Titel „Mona Stein“. Darauf steht: „Nach dem Abitur startete sie eine Karriere als Sängerin und Fotomodell, vor allem aber als Schauspielerin.“

Als Schauspielschülerin war sie Fotomodel für Zahnpasta und Shampoo-Werbung. „Ich hatte ja ganz lange Haare“, sagt sie, während sie mit ihrer Hand durch ihre Perücke fährt. Dann hält sie inne, schlägt mit der Hand auf den Tisch und spricht jetzt schneller: „Aber ich sag Ihnen was, ich bin dafür geboren, eine Schauspielerin zu sein. Schon mit drei Jahren habe ich getanzt und Theaterstücke aufgeführt bei uns zu Hause. Und die Leute haben geklatscht.“ Sie sei wie gemacht für das Charakterfach, es liege ihr einfach im Blut. Ihr Großvater – Otto Stein – sei doch schließlich auch ein Schauspieler gewesen. Er habe sie in ihrem Vorhaben immer bekräftigt. Frau Stein strahlt jetzt.

Lange Zeit, während sie in Berlin jungen Schauspielern die Karten legte, ihnen sagte, dass sie Talent haben, dass sich alles zum Besten wenden wird, habe sie ihre eigenen Hoffnungen auf eine Hauptrolle abgeschrieben. „Dabei helfe ich natürlich auch gern“, wirft sie dann wieder ein, etwas ruhiger. „Ich habe ein angeborenes Helfersyndrom.“ Sie sagt das mit der gleichen Ernsthaftigkeit, wie andere von einem angeborenen Herzfehler sprechen.

Ihre Karriere als Schauspielerin endete mit der DDR

Das Reden über die Zeit als Schauspielerin versetzt die Frau in Wallungen. „Das ist meine eigentliche Aufgabe“, sagt sie laut. „Bevor ich alt und krank bin, möchte ich noch mal ein paar tolle Rollen spielen.“ Sie schlägt mit der Hand auf den Tisch, eine Spielkarte fällt zu Boden. „Das muss doch möglich sein, dass ich noch mal vor die Kamera kann!“, ruft sie. Am liebsten wäre ihr eine verruchte als Doppelagentin. „So eine wie Mata Hari“, sagt Mona Stein. Sie würde auch mit bei den Inszenierungen helfen, sie habe da noch Ideen...

Mona Stein wird leiser, als sie beginnt, von ihrem Einfall zu sprechen. Jetzt geht es um sie, um ihre Hoffnung. Sie selbst habe ein Drehbuch geschrieben, einen Krimi. Natürlich gebe es darin eine Rolle, die ihr auf den Leib geschrieben sei. Eine singende Rolle. Sie will noch mehr erzählen, sie will eigentlich gar nicht mehr aufhören über ihr Drehbuch und das Schauspielen zu reden, wie der Film im Kino laufen, wie sie dafür Preise bekommen würde. Ob das alles jemals eintreffen wird? Für sich selbst – eine Grundregel aller Wahrsager – kann sie jedoch nicht in die Zukunft blicken. Da sei sie blind. Der Mensch irrt, so lange er hofft.

Am Ende des Gesprächs mischt Mona Stein die Karten für mich, legt sie aus, sie glänzen von der Handcreme der Hellseherin. „Welches Sternzeichen sind Sie?“, fragt sie mich. „Skorpion“, sage ich. Sie nickt wissend, mischt weiter und macht Komplimente: Ich sei talentiert, intelligent und kreativ. Ich höre das gern, jeder hört das gern. Dann sagt sie, ich wisse sehr wohl, was ich wolle, wenn ich auch manchmal zweifle. Auch das geht wohl jedem so.

Hoffnung ist etwas, das uns alle am Leben hält, für die meisten ist es mehr als nur ein Geschäftsmodell. Auch Mona Stein kann sich davon trotz all der Kerzen und Räucherstäbchen nicht frei machen. Da muss doch noch mehr sein. Fraglich bleibt auch in ihrem Fall, ob Goethe recht behält, denn er schrieb einst in einem Brief: „Jede Hoffnung ist eigentlich eine gute Tat.“