Ein Kaffeeautomat nimmt der Stille die Peinlichkeit. Erst das Klackern des Geldes, das Fallen des Bechers, dann surrt es mechanisch. Der Smalltalk ist erledigt, jetzt sitzen sie da. Der Mann und die Frau, die ihren Sohn bei einem Unfall verloren haben, sich danach trennten und 10 Jahre lang nicht wieder sahen. Nun müssen sie. In einer tristen Wartehalle auf dem Friedhof. Das Kind, das er mal war, soll umgebettet werden, angeblich ist der Boden kontaminiert. Irgendwann wird der Mann sagen: „Ich will dem Ganzen einen Platz geben“. Und sie: „Ich hasse glückliche Menschen.“
Regisseur Christian Schwochow muss man sich als sehr glücklichen Menschen vorstellen. Selten wurde einem Debütanten so sehr der rote Teppich ausgerollt bei seiner ersten Theaterinszenierung. Der Filmemacher, der für den TV-Zweiteiler „Der Turm“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, bekam nicht nur eine Einladung ans Deutsche Theater, sondern mit Lot Vekemans „Gift“ einen preisgekrönten, substanziellen Dialog und dazu noch zwei der besten Darsteller, die das deutschsprachige Theater zu bieten hat.
Dagmar Manzel und Ulrich Matthes spielen dieses Paar, dessen Trauer ihr Leben formt. In einem kahlen Raum sitzen sie, graue Wände, ein Wartesaal, bestückt mit dem Kaffeeautomaten, einem Wasserspender und einigen von diesen Hartplastikschalenstühlen. So steht es in der Regieanweisung des Textes, keine Experimente an dieser Stelle. Und auch sonst nicht. Die Regie ist kaum spürbar, was dem Abend nicht zum Nachteil gereicht. Es passiert nicht viel, mal verlässt sie kurz den Raum. Oder er, um Wein aus dem Auto zu holen.
Ansonsten reden sie nur. Aber wie! Manzel und Matthes reden mit Worten, mit Gesten, ihren Blicken, ihren Tränen. Es beglückend, ihnen dabei zuzuschauen, so intim, dass man sich fast schämt, dabei zu sein und doch auf keinen Fall aufhören möchte. Wie die Frau, die Dagmar Manzel mit einem dicken Kokon aus Sarkasmus umspinnt, zum Beispiel demonstrativ ihre Tasche auf den Nebensitz packt, damit er, der sich arrangiert hat, bald wieder Vater wird, ihr ja nicht zu nahe kommt.
Wie beide in verlegenen Bewegungen die Absurdität der Situation spiegeln. Der Ausgangspunkt ist der weit zurückliegende Tod des Kindes, aber irgendwann ist dies nur noch ein ganz normales Paar, das die Vergangenheit aufarbeitet. Mit allem, was so dazu gehört: Mit Verlegenheit, Verletzbarkeit, Wut, aber auch Zärtlichkeit fluten die Darsteller den unwirtlichen Raum. Gut dosiert, perfekt getimt und mit einer Wärme, die kein Pathos braucht. Am Ende ist nicht alles gut, vielleicht noch nicht mal besser. Aber das nächste Mal wird der Kaffeeautomat nicht mehr so laut sein, weil die Stille überwunden ist.



