Renaissance-Theater

Ideal ist anders

Heikko Deutschmann spielt die Hauptrolle in „Der ideale Mann“. Oscar Wildes böse Politik-Komödie des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde von Elfriede Jelinek in unsere heutige Zeit transferiert

Foto: Marion / Marion Hunger

Wie sieht der vollkommene Mann aus? Die Frage bleibt auch nach der Vorstellung von „Der ideale Mann“ im Renaissance-Theater unbeantwortet. Heikko Deutschmann spielt in der Gesellschaftskomödie von Oscar Wilde, adaptiert von Elfriede Jelinek, den populären Politiker Sir Robert Chiltern. Der gut aussehende Mann legt in der Londoner High Society um 1895 eine Blitzkarriere hin. Jedoch kurz vor dem Aufstieg ins Kabinett holt ihn seine Vergangenheit ein und stellt ihn vor schier unlösbare Probleme, die alle Prinzipien und Perspektiven über den Haufen werfen. Unter diesen Umständen tun sich wahre Abgründe in den zwischenmenschlichen Beziehungen auf, die unüberbrückbar zu sein scheinen. Sir Robert zieht seinen Hals mit Geschick und Glück zum Schluss doch noch aus der Schlinge, aber um welchen Preis?

Karten eher auf den Tisch legen

Heikko Deutschmann sieht die Parallelen zum „wahren Leben“, lässt aber keine Vergleiche mit seiner Person zu. „Ich fühle mich nicht angesprochen, weil ich glücklicherweise in einem Beruf bin, in dem man wesentlich weniger Verantwortung hat und weniger kaputt machen kann. Käme ich privat in eine vergleichbare Situation, würde ich die Karten eher auf den Tisch legen“, so Heikko Deutschmann im Gespräch. Er halte nichts von einer Salamitaktik, bei der man nur so viel zugibt, wie der andere schon weiß. Deutschmann bevorzugt den direkten Weg zum Ziel – auch wenn er aneckt. Schon immer.

Bereits in jungen Jahren – so mit zwölf Jahren – entdeckte er seine Leidenschaft für die Schauspielerei. „Dieser Beruf lässt es zu, sich zu entfalten und sich selbst zu spüren. Besonders in Zeiten der Selbstfindung ist das sehr wichtig“, erklärt der heute 51-Jährige im Rückblick. Gegen alle Lenkungsversuche seiner Eltern, beide Ärzte, studierte Heikko Deutschmann an der Berliner Hochschule der Künste und lernte das Drehbuchschreiben an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Es folgte ein erstes Theater-Engagement unter Peter Stein an der Berliner Schaubühne, danach spielte er am Thalia Theater in Hamburg und an den Schauspielhäusern in Köln und Zürich. Er arbeitete mit Regisseuren wie Robert Wilson, Jürgen Flimm, Ruth Berghaus, Jürgen Gosch, Werner Schroeter und Alexander Lang zusammen. Seine Film- und Fernsehkarriere startete Deutschmann 1984 mit „Walkman Blues“. Den Durchbruch brachte die ZDF-Serie „Der Mond scheint auch für Untermieter“ (1995). Die dreiteilige Literaturverfilmung „Der Laden“ brachte 1999 den Grimme-Preis in Gold ein. Viel Lob, viel Ehr.

Ein Spiegel der Gesellschaft

Aber das Leben ist anders. Es läuft nicht in vorgeschriebenen Bahnen. Davon ist Heikko Deutschmann überzeugt. Immer wieder müsse man kämpfen, sich behaupten und schwere Zeiten überstehen. „Ein Schauspieler ist nur ein Schauspieler, wenn er spielen darf“, sagt der, der es wissen muss. Deutschmann erkannte schnell, dass er sehr flexibel sein musste, um mitspielen zu können. Der Boom führte ihn vom Theater über den Film zum Fernsehen. „Dieser Beruf ist ein Spiegel der Gesellschaft und dementsprechend verändert sich die Welt des Schauspielers wie der Spiegel“, sagt Deutschmann. 2011 kehrte er zum Theater zurück. „Es ist schön, vor lebendigen Menschen zu spielen“, freut er sich über sein Comeback auf die Bühne. Seine Vielseitigkeit bleibt bestehen. Deutschmann schreibt weiter Drehbücher, allerdings nicht mehr in der Nacht um 2 Uhr. „Heutzutage bin ich besser organisiert“, lacht er und seine blauen Augen blitzen. Früher als junger Familienvater – seine beiden Töchter aus erster Ehe mit der Schauspieler-Kollegin Heike Falkenberg sind mittlerweile 25 und 23 Jahre alt – wollte er alles unter einen Hut bringen, nichts sollte zu kurz kommen. Dabei waren seine Ansprüche an sich selbst oft zu hoch. „Ich musste lernen, damit umzugehen. Jetzt versuche ich, eine Art und Weise zu finden, meine kreativen Kräfte zu steigern“, gesteht Deutschmann. Lichtblick ist sein siebenjähriger Sohn Johann. „Es ist wunderbar zu sehen, wie er sich entwickelt.“

Stimme für Hörbücher

Der eher verschlossen wirkende Mann öffnet sich, wenn er von seiner eigenen unbeschwerten Kindheit spricht, die er zum Teil in Berlin erlebte. Er wuchs wohlbehütet mit seiner jüngeren Schwester in Zehlendorf, später in Graz auf. Ohne Sorgen und soziale Probleme. Diese Zeit der Unschuld, wie Deutschmann sie nennt, gehört zu seinen schönsten Erinnerungen. Danach müsse man seinen Mann stehen. Egal, ob ideal oder nicht ideal. Für Deutschmann zählt der Augenblick. „Ich habe selten eine dezidierte Vorstellung von der Zukunft.“ Heikko Deutschmann meidet festgefahrene Gleise, sucht sich seine Wege selbst. Es fehlt ihm dabei weder an Ehrgeiz noch an Einsatz. So nimmt der Schauspieler auch regelmäßig Hörbücher auf, denn seine Stimme hat das gewisse Etwas, das dafür nötig ist.

Beide Töchter traten in seine Fußstapfen

Fit hält sich der Vielbeschäftigte durch tägliches Joggen, mindestens eine Stunde. Gern würde er auch wieder Klavier und Cello spielen, wenn es die Zeit erlaubt. Glück bedeutet für Deutschmann seine Familie, seine Frau Iris Böhm und die Kinder. Seine beiden Töchter traten in seine Fußstapfen und studieren Schauspiel, die eine in Leipzig, die andere in Wien. „Ich habe ihnen klargemacht, wie hart dieser Beruf ist, aber die letzte Entscheidung trafen sie selbst“, sagt er.

So wiederholt sich die Geschichte immer wieder. Auf der Bühne wie im Leben. Allerdings hat Heikko (ein finnischer Vorname, den der Vater aussuchte) Deutschmann für alle Fälle vorgesorgt. Wenn sich die Familienmitglieder aussprechen möchten, fahren sie gemeinsam auf ihren Hof im Wendland. Dieses Domizil bietet Zuflucht und ist gewissermaßen der Ort für die besonderen Augenblicke.

„Der ideale Mann“

Vorstellungen: 8.–11. Januar 2014, jeweils 20 Uhr, am 12. Januar um 16 Uhr, am 13. Januar um 20 Uhr sowie 19.–23. März 2014, jeweils 20 Uhr, und 25.–29. März 2014, jeweils 20 Uhr

Renaissance-Theater Berlin, Knesebeckstr. 100, 10623 Berlin