Christine Wolters’ Kopfbedeckungen sind zweifellos ein Hingucker. Wenn sie die weichen, verzierten Lammfell-Unikate auf die blonden Haare drückt, Swarowski-Kristalle oder Nieten aufblitzen und sie die Rastalocken ähnelnden langen Fellstreifen mit einer Kopfbewegung zum Schwingen bringt, ist ihr die Aufmerksamkeit anderer sicher.

„Das ist mein Lieblingsmodell, Rapunzel. Da gehört schon Mut dazu, so etwas zu tragen“, sagt die Kunsthandwerkerin, die eigentlich als Masseurin im „Arosa“-Hotel am Scharmützelsee ihr Geld verdient.

Mit Mützen hatte die 46-Jährige ursprünglich nichts zu tun – bis ihr Ende der 80er-Jahre ein Onkel aus Amerika eine Lammfellmütze schenkte. „Die passte nicht richtig, rutschte ständig vom Kopf“, erinnert sich Wolters. Sie nahm das Ding daraufhin einfach auseinander und setzte die drei einzelnen Lammfellstücke neu zusammen.

Spätestens da hatte die gebürtige Berlinerin ihr Hobby gefunden, probierte sich selbst im Lammfellmützenmachen aus, dekorierte sie zusätzlich mit gemalten Ornamenten, aufgelöteten Strass- oder Halbedelsteinen, Kristallen, Perlen und Knöpfen, die den Mützen den letzten Pfiff geben.

Zunächst bastelte Wolters nur für sich selbst, später auch für Freunde und Bekannte, die sie auf ihre originellen Kopfbedeckungen ansprachen. Diese Zeiten sind jedoch vorbei, seit sie vor fünf Jahren erstmals Mützen auf einem Künstlermarkt in Diensdorf-Radlow (Oder-Spree) verkaufte. Jetzt hat sie es bis auf den Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte geschafft – das Geschäft des Jahres für die gelernte Bürokauffrau. Und eine eigene Internetseite hat sie auch.

Lammfelle in allen Farben

Die unverwechselbaren „Gehirnwärmer“, wie die Macherin ihre Mützen selbst nennt, gingen bereits in die Schweiz, nach Skandinavien oder Russland – „dahin, wo es im Winter auch tatsächlich kalt ist“. Und bei vielen Berlin-Besuchern sitzt das Geld erfahrungsgemäß locker. Ein großer Vorteil für den Lammfellmützenstand 109 von Christine Wolters.

Denn ihre Unikate – keine Kopfbedeckung ähnelt der anderen – sind nicht ganz billig. Sie kosten ab 250 Euro aufwärts. „Dafür gibt es aber einen hohen Wiedererkennungswert und einen treuen Begleiter nicht nur für eine Wintersaison“, sagt die Mützenmacherin. Manchmal sitzt sie mehrere Tage bei ihrer „Hand- und Herzproduktion“ an einem Exemplar.

Das Prinzip der Ursprungsmütze vom Onkel hat Wolters beibehalten: Sie schneidet vier, fünf oder sechs Lammfellstücke zu, löchert sie an den Seiten und verbindet die einzelnen Teile mit Leder- oder Satinband. Die Lammfelle in allen möglichen Farben bezieht sie direkt aus der Bekleidungsindustrie. „Die sind dann so gut gegerbt, dass sie wirklich nicht mehr nach Schaf riechen“, sagt sie. „Wie ich die jeweilige Mütze gestalte, entscheide ich meist aus dem Bauch heraus. Da lasse ich mich vom jeweiligen Fell inspirieren.“

Wolters fertigt aber auch nach Kundenwunsch – jeder kann sich seine besondere Kreation bei ihr zusammenstellen. Rund 400 Exemplare hat sie bereits gemacht, jedes mit eigener Form, eigenen Details. Alles ist Handarbeit, und so soll es auch bleiben. „Meine Mützen sollen keine Massenware werden, womöglich noch industriell gefertigt – stattdessen individuell funkelnd und glitzernd Lust machen auf den Winter, Freude, auch bei Kälte rauszugehen“, sagt sie. Lediglich im Marketing bräuchte sie etwas Unterstützung, gibt Wolters zu.

Manchmal trifft sie Kunden, die eine Mütze bei ihr gesehen und dafür ein Jahr lang gespart haben. „Die kommen jetzt wieder, weil meine Freudenbringer sie die ganze Zeit nicht losgelassen haben“, freut sich Christine Wolters. „Jede Mütze findet ihren passenden Kopf“, lautet ihr Motto.

Sie dann bei eisigem Wetter nicht zu tragen sei „keine artgerechte Haltung“, warnt sie scherzhaft. Ihre Unikate tragen alle einen Namen, frei nach dem Motto „Wenn schon Individualität, dann richtig“. Neben der langfransigen „Rapunzel“ hat sie mit „Pebbels“, benannt nach der Tochter von Steinzeit-Held Fred Feuerstein, derzeit ein zweites Lieblingsexemplar aus gemustertem, braunem Lammfell. Die glatten Seiten sind mit Zeichnungen verziert, die an Höhlenmalerei erinnert, garniert wird die Mütze zudem mit Feuersteinen.

Grün wie eine Meerjungfrau

Ein grüne Mütze heißt Arielle wie die Meerjungfrau, eine dunkle mit Smily als Strass-Applikation nannte sie Happy. Inzwischen firmieren ihre Mützen unter der Bezeichnung „Inti Headwear“. „Das stammt aus meinem halbjährigen Abstecher nach Ecuador. „Inti bedeutet Sonne – in einer Indianersprache der Anden“, erzählt die Wahlbrandenburgerin.

Sonne, also Wärme schenken, sollen auch ihre Mützen. Etwas, was sie während der sechs Wochen bei Wind und Wetter auf dem Gendarmenmarkt auch gut gebrauchen kann, sagt Wolters, bei der beheizbare Einlegesohlen neben wärmendem Lammfell inzwischen zur Grundausrüstung gehören. „Am Abend nach Marktschluss fühlt man sich, als wäre man gegen einen Zug gelaufen“, sagt sie.

Entschädigt wird die Kunsthandwerkerin bei ihren täglichen Zwölf-Stunden-Schichten eigenen Angaben nach durch die meist angenehme Begegnung mit den Weihnachtsmarktgästen. „Die Leute sehen meine Kreationen nicht einfach nur als Mütze, sondern behandeln sie wie einen Schatz“, erzählt Wolters. Dafür schickten ihr die Kunden später Fotos, auf denen zu sehen ist, dass sie mit ihrer Mütze in der Antarktis oder in Spitzbergen waren.

Selbst Männer würden angesichts der Fellunikate leuchtende Augen bekommen. Nachdem einige sich beschwerten, dass es die woltersschen Kreationen nur für Frauen gebe, probierte sich die Mützenmacherin an Kopfbedeckungen für Herren – natürlich ohne Strasssteinchen und Swarowski-Kristalle. „Ein paar habe ich verkauft, aber Frauen sind eindeutig mutiger, was Mützen betrifft“, resümiert die 46-Jährige.

Ob sie sich die harte Weihnachtsmarktzeit noch länger antut, weiß sie nicht so genau. Am liebsten würde sie in die Nobelskiorte wie St. Moritz oder Kitzbühel gehen, um ihre Mützen den Reichen und Schönen anzubieten. „Die geben viel Geld aus und haben dafür manchmal furchtbare Sachen oder Strickdeckel auf dem Kopf“, sagt Wolters, die außerhalb der Marktsaison über das Internet viele Mützen nach Süddeutschland und ins Rheinland verkauft.