„Was soll ich großartig über meine Jugend erzählen? Das Erdbeben in Neapel, da war ich sieben Jahre alt. Zwei Jahre später wurde mein Onkel erschossen. Es waren Typen von der neuen Familie, sie standen vor uns im Stau. Mein Onkel hatte sie beleidigt, es waren viele Schüsse. Meine zwei kleinen Nichten saßen mit im Auto. Ich habe sie nach Hause gebracht. Irgendjemand musste das ja tun.“
Dies ist die Geschichte von Marco Di Meo, 40. Ein Mann mit knallhartem Händedruck, der offen sagt, dass er sich oft seinen Lebenslauf ausgedacht hat. Er sagt aber auch, dass er jetzt ehrlich sein will. Weil er es satthabe, dass man Missgeschicke verheimliche. Di Meo verbüßt gerade wieder eine Haftstrafe. Urteil: „Verstoß gegen das Gesetz über die Kontrolle von Kriegswaffen.“ Zwei Jahre und zwei Monate, inzwischen ist er im offenen Vollzug. Aber Di Meo würde „lebenslänglich“ sitzen, hätte er damals abgedrückt. Im April 2008 vor seiner Bar in Charlottenburg, als ein anderer Mann seine Frau angefasst hatte.
„Als ich mit zwölf Jahren von Italien nach Berlin gezogen bin, musste ich wieder Fahrrad fahren. In Neapel hatte ich schon als Achtjähriger einen Motorroller. Die neuen Lebensgefährten meiner Mutter in Deutschland mochten mich nicht. Für die war ich nur Ballast. Mit 15 bin ich in die Jugendwohnung meiner Freundin gezogen.“
„Geld macht attraktiv, so ist es nun mal“
Di Meo trinkt ein Pils. Eines nur, denn er darf keinen Alkohol im Blut haben, wenn er abends wieder ins Gefängnis geht. Aber so einen Fehler würde er niemals machen. Er schüttelt das Bier im Glas, um die Kohlensäure aufzurühren. Schlecht gezapft, findet er. Nach Berufsjahren in der Gastronomie regen ihn solche Nachlässigkeiten auf.
„Mein Vater ist ein Träumer. Kein Macher. Aber er ist ein toller Koch, mit meiner Mutter hat er einige Restaurants eröffnet. Aber ein Koch muss morgens aufstehen und Gemüse einkaufen. Das hat oft nicht geklappt. Ich kann nachvollziehen, warum meine Mutter, die Deutsche ist, zurück nach Berlin ist. Man liest oft, dass Geldmangel der erste Trennungsgrund ist. Deshalb bin ich erfolgsorientiert. Geld macht attraktiv, so ist es nun mal.
Mit 15 Jahren habe ich Autos gewaschen, gekellnert, jeden Scheiß gemacht. Dann fing ich auf dem Autohof an. Sechs Tage in der Woche Gebrauchtwagen verkaufen, einen Tag in der Woche in die Berufsschule. Ich habe gutes Geld verdient, meine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Es gab Kunden, die konnten sich die Autos nicht leisten, aber mein Chef hat gesagt: ‚Egal, die Kohle kriegen wir von der Bank.‘ Ich habe definitiv diese Überzeugungskraft, ich rede so lange mit Leuten, bis sie glauben, dass sie brauchen, was ich verkaufe. Egal, was.“
Im Restaurant fällt ein Glas herunter. Di Meo schaut die Kellnerin an und sagt: „Scherben bringen Glück. Lass uns heiraten.“ Die Kellnerin lächelt geschmeichelt.
„Mit 21 bin ich wegen Autoschieberei in den Knast. Für vier Jahre, es waren nicht nur zwei, drei Autos. Der Kontakt in diesen Bereich kam über meinen Job beim Autohändler. Da waren Jungs, die glaubten, dass wir zu wenig für ihr Auto bezahlt hatten. Also haben sie das Auto gestohlen. Ich habe mich darum gekümmert, es zurückzuholen. So kam die Verbindung. Später habe ich Autos nach Moskau gebracht. Das erste Mal im Knast, die Jahre haben mir nicht wehgetan. Ich verbuche das als Jugendsünde, als Stubenarrest. Gefängnis tut erst weh, wenn man Träume hat, die man verwirklichen will. Wenn man weiß, dass die Zeit begrenzt ist, um sie zu erfüllen. So wie jetzt, in meinem Alter. Träume hatte ich damals nicht. Die haben die meisten nicht, die so jung im Knast sind.“
Träume? Di Meo kann von vielen Träumen erzählen. Viele haben mit seiner Frau zu tun, die er nach der ersten Haft kennengelernt hat. An die er gedacht hat, als er die Pistole in der Hand hatte und nicht abgedrückt hat. Weil er wusste, dass er sie dann für immer verlieren würde. Aber wäre ihm klar gewesen, dass es später sowieso vorbei war, hätte er geschossen. Für seine Befriedigung.
„Sie hat so ein so gutes Leben. Kommt aus gutem Hause, hat nicht diesen Druck wie ich. Ihre Eltern sind Akademiker, beide Doktor der Philosophie. Natürlich wussten ihre Eltern damals nicht, dass ich im Knast war. Ich habe gelernt, Lebensläufe nach Maß zu schneidern: Erzählt habe ich, dass ich in diesen Jahren in der italienischen Armee war. Mit Waffen kenne ich mich ja aus. Aber wenn man nie offen ist, stellt sich auch keine Nähe ein. Wer ist heute noch ehrlich? Meine Frau hat heimlich geraucht und sich Bonbons in den Mund gesteckt, wenn wir ihre Eltern besucht haben. Als ob die das nicht riechen würden. Ich wäre ich gerne zu meinem Schwiegervater gegangen, um ihn zu fragen: Da ist was schiefgelaufen, kannst du mir helfen? Einfach mir helfen, mir als Mensch, der zu seinem Fehler steht. Aber dieses Vertrauen gab es nicht.“
„Meine Frau soll stolz auf mich sein“
Wir sitzen im Taxi, zum Fototermin für das Interview. Wir fahren am Landeskriminalamt in Tempelhof vorbei, wo sich Di Meo fünf Tage nach dem Vorfall mit der Waffe gestellt hat. Er kam im Anzug mit seinem Anwalt. Er doziert über die Vorzüge, sich der Polizei zu stellen. Di Meo sagt, er wäre verdammt gut geworden, wenn er Jura studiert hätte.
„Sie studiert Jura, seit 17 Jahren, was soll ich mehr dazu sagen? Ich hatte daran geglaubt, dass wir ein Team sind. Dass sie eine Kanzlei aufmacht und wir zusammenarbeiten. Die Welt hätte uns offen gestanden. Man studiert doch Jura, um Menschen zu vertreten, die dieses Wissen nicht haben. Egal, in welchem Bereich und für wen. Aber sie wollte lieber in eine Werbeagentur gehen oder gar nicht arbeiten. Wenn ich mit einer Frau zusammenlebe, dann will ich auch die Rechnungen bezahlen. Meine Frau soll stolz sein auf mich. Ich war dann Bauleiter, betreute bis zu 24 Baustellen gleichzeitig. Ganz große Projekte. Wir hatten eine Eigentumswohnung, ein Segelboot, zwei Autos und einen Dobermann zum Aufpassen. Die Möbel habe ich so ausgesucht, dass sie den Geschmack meiner Frau treffen. Ich habe viel gearbeitet. Manchmal hat sie mich nachts um drei angerufen, da war ich gerade auf einer Baustelle. Sie hat den Schlaghammer im Hintergrund gehört und gefragt, ob ich einen an der Klatsche habe. Klar bin ich da nachts hin, um zu schauen, ob die Truppe ordentlich arbeitet.“
Di Meo war später wieder im Knast. Wegen Betruges mit Sozialleistungen, weil Bauarbeiter nicht korrekt bezahlt wurden. Er sagt, sein Chef habe ihn sitzen lassen.
„Ich war für meinen Chef gut genug, Kohle ranzuschaffen. Aber nicht gut genug, dass er sich mit seinen Leuten anlegt. Der wollte mich verheizen. Ich war plötzlich alleine mit gesperrten Konten und habe dann mit den Arbeitern verhandelt, bis zu 22 Mann. Ich stand mit dem Rücken zur Wand, ich sagte: Chef ist nicht da. Ihr redet jetzt mit mir. Die haben mich mit der Knarre bedroht. Es war ein Fehler, mich mit denen einzulassen.“
Er habe keine Unterstützung in dieser Zeit gehabt, sagt Di Meo, auch nicht von seiner Frau. Sie habe ihn nicht aufgefangen. Er glaubt zu wissen, warum nicht.
„Von mir aus, ich bin der einsame Krieger. Aber ich will zu Hause jemanden haben, der meine Wunden säubert. Aber meine Frau war zu beschäftigt mit ihrem eigenen Misserfolg. Sie hat Solitaire gespielt oder geschlafen, anstatt hinter Büchern zu sitzen. Und diese Vorwürfe. Von ihr, von meinem Chef, von den Arbeitern. Andere Leute lassen einen alleine, wenn es bei ihnen nicht läuft. Ich dagegen finde Loyalität wichtig. Wenn man 30 Jahre zusammenlebt, dann können fünf Jahre davon Schrott sein. Aber man hält trotzdem zusammen.
Wir hätten längst in Neuseeland wohnen können. Im Jahr 2006 hatte ich Bargeld und war sauber. Ich habe meiner Frau gesagt: ‚Pack deine Sachen, wir machen uns ein schickes Leben.‘ Aber sie wollte erst ihr Studium zu Ende machen.“
Die Wut liegt tief, nicht jeder kann sie aktivieren
Di Meo hat später eine Bar eröffnet. Seine Idee war, dass ein Vertrauter den Laden führt und er sich auf die Baubranche konzentriert, um wieder ins Geschäft zu kommen.
„Ich habe diesen verrufenen Laden übernommen. Da waren Typen, die für eine Kugel Koks ihre Braut stehen ließen. Gedealt habe ich nicht, aber konsumiert. Mir die Welt schöngezogen. Das hat meine Arroganz gefördert. Al Pacino war ein Scheiß gegen mich. Ich hatte Kontakte ins Milieu. Ich hatte Angst, vor allem um meine Frau. Da waren Typen die sagten: Wir kommen zu dir nach Hause. Also habe ich mir eine Waffe gekauft. Eine Bersa, Kaliber 7,65. Die lag unterm Kopfkissen.“
Di Meo sagt, in Haft habe er sich nie provozieren lassen. Ein Mithäftling habe gesagt: Ich ficke deine Mutter. Di Meo: Da brauchst du aber eine Leiter, sie ist einen Meter achtzig groß. Ende des Gesprächs. Bei solchen Provokationen hat er sich im Griff, sonst wäre er nicht im offenen Vollzug. Seine Wut liegt tiefer, nicht jeder kann sie aktivieren.
„Es war kurz vor 18 Uhr, wir haben den Laden gerade aufgemacht. Dann stand dieser Typ in der Bar. Er hatte Hausverbot, aber er war da. Dieser Typ, dem ich Geld geliehen habe, dem ich vertraut habe. Aber er hat mich angelogen, mich beklaut. Dann fasst er meine Frau an den Arm und sagt: Der liebe Gott kann mir hier kein Hausverbot geben. Wir haben vor dem Laden weiter gestritten. Ich habe gesagt, wenn er wieder über die Türschwelle geht, knalle ich ihn ab. Er wollte wieder rein. Ich habe meine Waffe gezogen und ihm ins Knie geschossen.“
Di Meo hat sich, so erzählt er die Geschichte, über den Mann gebeugt und ihm die geladene Waffe an den Kopf gehalten. „Wenn du noch was zu sagen hast, dann ist jetzt die letzte Gelegenheit.“ Di Meo sagt, nach Momenten der Raserei, in der er alle Wut herausließ, sei er innerlich ganz ruhig geworden. Er habe, die Waffe in der Hand, überlegt, dass er sowieso ins Gefängnis komme. Fünf Jahre oder 15, das sei ihm in dem Moment egal gewesen. Auch das Menschenleben. Dann habe er an seine Frau gedacht und gewusst: Mit dieser Nummer hier wirst du sie für immer verlieren. Also hat er nicht geschossen.
„Ich bin immer noch wütend auf den Typen. Er ist ein Parasit. Einer, der sein Leben nicht wert ist. Meine Befriedigung habe ich nicht bekommen. Wenigstens humpelt er. Inzwischen verstehe ich aber auch, dass es Wut war, die sich lange angestaut hat, die der Typ komplett abbekommen hat. Wegen der Schießerei bin ich später nicht verurteilt worden. Es stand Aussage gegen Aussage. Aber später hat die Polizei in meiner Wohnung ein Maschinengewehr gefunden. Das war natürlich nicht meins.“
Am 14.07.2013 hat Di Meo erstmals Erlaubnis, über Nacht das Gefängnis zu verlassen. Dieser Tag ist ihm wichtig, die Band Muse spielt in der Waldbühne.
„Wir sind Fans von Muse. 2006 sind wir zusammen nach Düsseldorf, dort hat die Band in der ausverkauften Philipshalle vor 4600 Leuten gespielt. Wir hatten keine Karten, aber ich habe meiner Frau gesagt: Klein Di Meo macht das schon. Ich habe die Tickets einem Typen abgekauft. Bei der Vorband bin ich an ihrer Schulter eingeschlafen, vorher hatte ich einen Tag und eine Nacht durchgearbeitet. Dann betraten Muse die Bühne. Ich war sofort hellwach, habe alle Knöppe hochgefahren. Ich kann jedes Lied mitsingen.
Alle sollen sehen, dass er es geschafft hat
In der Nacht aber, in der Di Meo aus dem Gefängnis darf, wird er die Band nicht gemeinsam mit seiner Frau sehen. Sie ist, wie er hört, in neuen Händen. Glaubt er, dass es wieder was wird? Di Meo überlegt, sagt dann ruhig: Nein, das ist vorbei. Ja, ich liebe sie immer noch.
„Ich wünsche meiner Frau, dass sie glücklich wird. Schwachsinn. Leiden soll sie. Mich zurückwollen, damit ich Genugtuung habe. Sie hat auch unseren Verlobungsring behalten. Eigentlich macht man das nicht, aber ich habe gedacht: Okay, Schatz.“
Nach seiner Haft will Di Meo genug Geld verdienen, um mit seinem Segelboot um die Welt zu reisen. Das ist sein neuer Traum. Er sagt, er wolle nicht mehr abhängig von anderen sein. Noch vor einem Jahr habe er daran gedacht, für immer Schluss zu machen. Di Meo führt auch regelmäßig Gespräche mit Mitarbeitern des Trägers „Freie Hilfe Berlin“, die Inhaftierte beraten.
„Ich werde Ansichtskarten von den Häfen dieser Welt schreiben, an alle die Menschen. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe. Dass ich am Ende der Gewinner bin. Ich habe sogar eine schöne Schrift, wenn ich will.“
Nach dem Interview zückt Di Meo sein Mobiltelefon. „Wir sind fertig“, sagt er. Wenig später fährt ein Auto vor. Sein Fahrer, sagt Di Meo. Er arbeite daran, sich wieder im Baugeschäft zu etablieren. Er muss erst in ein paar Stunden ins Gefängnis zurück.





