Große Gefühle

Wofür eine Berlinerin seit ihrer Indien-Reise dankbar ist

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Sören Kittel

Foto: Reto Klar

Eine Reise nach Indien im Sommer 2013 änderte das Leben von Tourismus-Vermarkterin Susanne Ceron Baumann. Sie traf dort ihr Patenkind Velankanni und lernte, wofür auch sie dankbar sein muss.

Als Susanne Ceron Baumann auf dem kleinen indischen Flughafen von Madurai aus dem Flugzeug steigt, ruft sie kurze Zeit später laut „Dankedankedanke“. Für sie hat das mehrere Bedeutungen. Erstens: Das Flugzeug ist heil gelandet! Danke! Zweitens: Sie wird abgeholt! Dankedanke! Aber das wichtigste: Dort, am Ausgang in der Hitze und umringt von vielen fremden Indern, steht nicht irgendjemand, sondern „Schwester Flora“, eine Nonne eines christlichen Ordens.

Das bedeutet, alles ist wie abgesprochen, und je öfter sie „Dankedanke!“ sagt, leise zu sich selber und später zu der Nonne, umso mehr wird es in ihrem Kopf zu einer Art „Gottseidank!“, zu einem demütigen Danke für etwas viel Größeres als Flughäfen und „Kann ich Ihnen beim Gepäck helfen“.

Diese Begrüßung der freundlichen Dame am Flughafen in Indien lässt alles wahr werden, was bisher nur eine Geschichte war, fast ein Märchen, an das Susanne Ceron Baumann in ihrer Wohnung in Neukölln vier Jahre lang glauben konnte, und zwar nur, weil sie es glauben wollte.

Helfen sei so einfach, wenn man sieht, dass es wirklich ankommt

Dieses Märchen handelt von einem Mädchen namens Velankanni, es war zwölf Jahre alt, als Susanne Ceron Baumann im Jahr 2009 im 7400 Kilometer entfernten Deutschland von ihr erfuhr. Die damals Mittdreißigerin hatte sich in ein Schweigekloster zurückgezogen, im Job muss sie so viel reden, jetzt wollte sie einfach einmal den Mund halten.

Es ist ein katholischer Orden aus Lyon, der überall in der Welt Häuser hat, auch das Kloster Nütschau. Hier wird eine Woche für sie gesorgt. Am Ende dieser Woche erzählt die deutsche Nonne von ganz vielen „Schwestern“ in der Welt, auch von denen im Süden Indiens, die junge Mädchen unterrichten. Sonst gäbe es für diese Mädchen gar keine Perspektive, außer Heirat und Feldarbeit, denn sie kommen aus der untersten Kaste. „Die Unberührbaren.“ Eines dieser Mädchen ist Velankanni. Susanne Ceron Baumann erfährt, für 25 Euro im Monat könnte sie zur Patin werden für Velankanni.

Wenn sie diese Geschichte im Winter 2013 erzählt, ist sie ganz aufgeregt, weil sie nicht weiß, wo sie anfangen soll, und wenn sie anfängt, wo sie aufhört. Madurai, Velankanni, Schwester Flora, das alles ist für sie in diesem Jahr so wichtig geworden, dass es nicht nur das Jahr 2013 geprägt hat, sondern – wenn alles gut geht – es noch für viele Jahre eine Achse Berlin–Südindien aufmachen könnte. Ja genau, für noch viel mehr Menschen außer ihr, die vielleicht ihre eigene Velankanni entdecken. Helfen sei so einfach, wenn man gesehen hat, dass es wirklich ankommt, dass diese Menschen existieren, dass so eine Luftbrücke funktioniere.

In Gedanken bei Velankanni in Indien

Doch der Reihe nach: Susanne Ceron Baumanns Job ist es eigentlich, Berlin in der Welt bekannt zu machen. Als Tourismus-Vermarkterin sorgt sie unter anderem dafür, dass noch viel mehr Menschen aus zum Beispiel Indien nach Deutschland kommen. Sie trifft sich mit Reiseexperten, geht jeden März zur ITB-Messe und zu Messen weltweit.

Ganz nebenbei öffnet diese Arbeit auch den Kopf, sie sorgt dafür, dass ihre Gedanken schnell einmal außerhalb des S-Bahn-Rings wandern: Während Berliner dort auf ihre S-Bahn warten, fliegen Kraniche über Afrika, bauen Menschen in Papua Neuguinea ein Stelzenhaus und brüllen sich Aktionäre an, als ginge es um ihr Leben. Seit sie aber Velankanni unterstützt, denkt sie auch: Irgendwo lernt gerade ein indisches Mädchen Rechnen oder sie lernt, wo genau Berlin liegt und dass diese Stadt einmal geteilt war.

Was Velankanni wirklich lernt, das kann Susanne Baumann nachlesen, in den Briefen, die sie bekommt. Sie denkt gern an diese Zeit zurück, die Zeit der ersten Briefe aus Indien. „Velankanni schrieb mir, dass sie Mathe nicht mag und dass sie mich gern kennenlernen möchte.“ Einmal, sagt sie, habe sie auch weinen müssen, als sie den Brief öffnete.

Susanne Ceron Baumann galoppiert beim Erzählen durch die Themen

Da hatte die Schwester geschrieben, dass Velankanni nicht mehr zur Schule kommen wird, weil die Eltern sie nicht mehr schickten. Susanne Ceron Baumann habe sich dann aus der Ferne dafür eingesetzt, dass es doch weitergehen muss. Die Schwestern haben dann noch einmal die Eltern besucht, ihnen erklärt, dass ihre Tochter nur so eine Zukunft habe. Im nächsten Brief bedankte sich dann Velankanni rührend, dass sie doch wieder lernen kann. „Es war für mich auch ganz normal“, sagt Susanne Ceron Baumann, „ihr zu erzählen, was ich so erlebe, Fotos zu schicken.“ Nicht häufig, der Alltag, der Alltag. „Dreimal im Jahr aber schon.“ Ein Brief und keine E-Mail.

Über vier Jahre ging das so hin und her. Und dann gab es irgendwann in diesem Sommer die Gelegenheit zu einer Reise zu einem ihrer Kunden für das Reiseunternehmen – ausgerechnet nach Südindien. Susanne Ceron Baumann beschloss, eine Woche früher hinzufliegen und noch Velankanni zu besuchen. Am 12. August 2013 kam sie in Madras an, einer großen Metropole, und flog gleich von dort weiter nach Madurai. Dort wartete Schwester Flora auf sie, das Nonnengewand ist rosa, und lang und weit geschnitten. Man erkennt sie von Weitem, die Nonnen. Schwester Flora nahm sie an die Hand und zeigte ihr die Stadt.

Susanne Ceron Baumann galoppiert beim Erzählen durch die Themen: die Farben, die Gerüche, die Armut, die Bettler, das Essen, die Tempel, die Fröhlichkeit der Menschen. Sie lief mit Schwester Flora und der rund 70 Jahre alten Schwester Elisabeth durch die Straßen der mittelgroßen Stadt. „Am meisten hat mich beeindruckt“, sagt sie, „dass es immer wieder Menschen gab, die sich einfach so auf die Straße hinwarfen, vor Schwester Flora in den Staub.“ Sie murmelten dann immer etwas in der Sprache der Einheimischen.

Wirklich religiös ist sie nicht, geht sonntags nicht in die Kirche

Susanne Ceron Baumann fragte später nach. Sie erfuhr, das seien ehemalige Schüler, die sich bei ihrer früheren Lehrerin bedanken wollten, dass sie durch die Bildung der Schwestern eine Arbeit gefunden haben. Als sie am Nachmittag an einem Geschäft mit Utensilien für Ärzte vorbeikamen, kaufte Susanne Ceron Baumann noch Blutdruckmessgeräte und notdürftiges Verbandsmaterial, Zahnbürsten, eben Dinge, die für die Schule benötigt wurden, aber auf keiner Spendenquittung jemals auftauchen werden.

Schon an dieser Stelle der Reise war die Berlinerin überzeugt davon, dass ihr Geld bei den Nonnen in guten Händen ist. Sie selbst kann von ihrem Geld gut leben in Deutschland, sagt sie, die Wohnung und einen ordentlichen Urlaub bezahlen – und das mit einer Arbeit, die ihr Spaß macht. Warum sollte sie nicht etwas abgeben?

Wirklich religiös ist sie nicht, geht sonntags nicht in die Kirche und war natürlich auch skeptisch, als im Sommer 2013 bekannt wurde, dass Franz-Peter Tebartz van Elst in Limburg Millionen Euro in seinen Bischofssitz steckte und sich mit Luxusautos umgab. Umso beeindruckender diese Nonnen in Indien, einfache Frauen, die Probleme ganz praktisch angehen.

Danke für die Fotos, die Briefe, die Ausbildung

Die Kaste der Unberührbaren hat keine Perspektive? Mädchen bekommen schlechte Schulbildung? Die Nonnen gründen eine Schule nur für „unberührbare Mädchen“. Hinzukamen eine Schule für HIV-positive Kinder und ein Krankenhaus. Die Spenden rechnen sie einzeln ab, in kleinen Büchern, jede Rechnung wird eingeklebt. Susanne Baumann hat diese Bücher gesehen, unter jedem dieser kleinen Zettel stand unsichtbar: Danke.

Doch der Höhepunkt ihrer Reise war wohl das Zusammentreffen mit Velankanni. „Den Moment werde ich nie vergessen“, sagt Susanne Ceron Baumann. „Wir haben uns von Weitem erkannt, schließlich kannten wir uns von Fotos.“ Sie umarmten einander, tranken Tee, liefen durch das Dorf der Eltern, das Wort „Danke“ fiel vielleicht 100 Mal an diesem Tag: Danke für die vier Jahre, Danke für die Fotos, die Briefe, die Ausbildung.

Susanne Ceron Baumann erfuhr, dass Velankanni jetzt eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, dass Mathe nicht mehr so wichtig ist und dass sie dann auch selbstständig arbeiten könne, eine Seltenheit in diesem Teil des Landes für viele, noch dazu für junge Frauen ihrer Kaste.

„Danke“ auf Tamil: „Nandri“

Dann erst kam sie nach Kodaikadal, das Dorf der Nonnen, und lernte noch ein zweites Mädchen kennen, Vimala hieß die, eine Freundin von Velankanni, und wieder erzählt Susanne Ceron Baumann in schnellen, kurzen Sätzen, mit vielen Kommas dazwischen: „Ich hatte schon alles vergessen, was an den Tagen davor passiert war, ich hatte so viel gesehen auf der Reise, und da gab es plötzlich dieses Mädchen, die kam auf mich zu und zeigte auf ihren Punkt auf der Stirn, den alle Inderinnen haben und sagte ‚Warum hast du das nicht auf der Stirn’ und dann klebte sie mir diesen roten Punkt zwischen die Augen, den hab ich jetzt in meinem Tagebuch kleben, dann hat sie mir noch ihre Mütze gegeben, die werden auf eine spezielle Art gebunden, ich hab’ sie gefragt, wie sie heißt, sie sagte Vimala.“ Bei Vimala konnte sie sich immerhin auf Tamil bedanken. Velankanni hatte ihr in einem Brief die wichtigsten Wörter in ihrer Muttersprache beigebracht. Susanne Ceron Baumann sagte: „Nandri“.

Wieder zurück in der Großstadt Madras kam sie an einem Luxus-Hotel an. Ihr wurden die Koffer abgenommen, der Concierge ließ sich nichts anmerken, obwohl sie sehr müde ausgesehen haben muss. Sie bekam eine Chipkarte für ihr Hotelzimmer, betrat glänzende Fahrstühle, aus dem Wasserhahn kam fließendes, sauberes Wasser. Diesen Luxus war sie nicht mehr gewöhnt nach dieser Woche, sie war auch froh, sich einmal wieder richtig abduschen zu können.

Dankbarkeit, es einfacher zu haben im Leben

Zugleich fragte sie sich natürlich: Für die Bezahlung von einer Nacht in diesem Hotel könnte ich zehn Kinder für einen Monat zur Schule schicken. Oder mehr! Das ist doch total irre! Sie dachte daran, dass es letztlich eben doch auf die Gnade des Landes ankommt, in dem man geboren ist.

Das ist das Gefühl, das geblieben ist und bleiben wird, diese Dankbarkeit, es einfacher zu haben im Leben. Wasser aus dem Wasserhahn! Die Dankbarkeit, Velankanni getroffen zu haben und noch immer in Kontakt zu stehen. Und dafür, dass es jetzt jemanden gibt, der an Weihnachten auch an sie denkt. Die daran glaubt, dass es besser wird, nicht nur für sie selber, für alle.