Aus dem Fenster auf die Torstraße schauend, zünde ich mir eine Davidoff Gold an. Die rauche ich so gerne, wegen der goldenen Ringe am weißen Filter. Das sind die schönsten Zigaretten der Welt. So ein bisschen wie Apple-Produkte, ganz schlicht und sehr elegant, aber im Gegensatz zu Apple sind die wirklich gut und kein Marketing-Gag. Es ist ganz still um 3.43 Uhr. Am Taxistand stehen elf Taxen. Eigentlich sind nur acht erlaubt. Kalt ist es. Ich denke an Wim Wenders, der gegenüber von mir wohnen soll, in einem Riesen-Apartment mit Dachterrasse und einem Pool obendrauf.

Schlafspucke ist das Geheimnis von Wim Wenders’ Haaren

Ich schließe die Augen und sehe Wim Wenders durch die Nacht mit einem Hund spazieren. Der heißt bestimmt Wulbubrummel und hat langes, zotteliges Fell, dunkelbraun, und sonntags bekommt er Tatar mit Malzbier. Wim Wenders geht also mit Wulbubrummel in Richtung Rosenthaler Platz, so als ob er nach dem Rechten schauen wolle. Sein Haar weht genauso wie das Fell des Hundes.

Und in dem Moment fällt mir ein, warum Wim Wenders’ Haare so großartig, so weich aussehen müssen. Wenn er schläft, dann ist sein Mund dabei offen, und die Spitzen werden durch das Ein- und Ausatmen in den Mund und wieder rausgeworfen. Und wenn die Haare im Mund bleiben, eine Weile, dass sie ein bisschen feucht werden, das macht sie so weich, so verschmust durcheinander. Das Geheimnis von Wim Wenders’ Haaren ist die Schlafspucke.

„Ich hol die Machete“

Geschrei lässt mich die Augen wieder öffnen. Sechs Südländer sind dabei, gerade einen Streit zu lösen. Einer ruft „Ich hol’ die Machete!“ und stürmt zu einem schwarzen SUV von BMW und rennt mit einer Machete wieder in Richtung der Sparkasse, vor der sonst diese Frau den ganzen Tag sitzt und in ihren Handspiegel schaut, als ob sie darin nach ihrem Gesicht sucht, als es noch nicht vom Heroin gezeichnet war. Im Frühling, da saß sie dort zum ersten Mal, war sie noch schön. Ich habe immer gedacht, was macht die denn da. Sie hatte eine Tüte von einer teuren Schuhfirma, in der sie ihre Kleidung und ein paar Bücher aufbewahrte.

Am Nachmittag trank sie gern eine Caprisonne, abends verschwand sie wieder. Jetzt sitzt sie seit fast einem Jahr dort und sieht aus wie etwas, das zu lange an der Torstraße im Freien stand. Grau und schwarz von den Abgasen der Autos, aufgedunsen vom Regenwasser, der Witterung und von den angeekelten Blicken der Menschen, die mit Pizza und einer Flasche Weißwein in ihre Wohnung in Mitte gehen.

Erwachen aus den Träumen

Um 6.30 Uhr komme ich auf dem Sofa wieder zu mir. Auf dem Laptop läuft noch eine Dokumentation über die Entwicklung der Konservendose. YouTube empfiehlt mir ein Video von Suzi Quatro dazu. „Can The Can“ von 1973. Das war ihr erster Nummer-eins-Hit. Sie spielt Vollplayback und trägt eine Ledercorsage. Ich esse einige Löffel Müsli ohne Milch, schlafe wieder ein und träume unruhig von Andrea Berg und irgendwann auch davon, dass ich mit Kim Jong-un Schach spiele.

Ich weiß, dass ich heute die Wohnung nicht verlassen kann. Obwohl mich niemand daran hindern wird, kann ich es nicht. Ich kann auch nicht ans Telefon gehen. Dabei habe ich schon acht Anrufe in Abwesenheit. Hunger habe ich auch nicht, und im Spiegel sehe ich, dass meine Augen rot sind. Snoopy prostet mir von meinem T-Shirt aus zu. Ich trinke einen Liter Apfelschorle, lege mich auf das große Sofa und schlafe zu einer Folge „The Walking Dead“ wieder ein. Als ich aufwache, ist es schon dunkel.

Undefinierbare Hitze legt sich kranzförmig um den Kopf

Meine Frau ist bei ihrer Familie im Frankenwald. Für die nächsten Tage bin ich meine Familie. Aber ich hab ja Snoopy, Wim und Wulbubrummel. Immer wenn ich nach einer Woche Nonstop-irgendetwas-Tun nicht mehr kann, kommt dieser Fall. Ich merke das erst gar nicht. Ich sitze noch im Zug zurück nach Berlin von einem Interview am Starnberger See oder komme nach den Protesten gegen die Banken in Frankfurt, die ich als Reporter begleitet habe, nach Hause, in der Absicht, am nächsten Tag den Text dazu zu schreiben, dann die Wohnung aufzuräumen, ein Boeuf bourguignon für meine Frau zu kochen, einfach ein guter Mensch zu sein. Und irgendwann merke ich diese undefinierbare Hitze, die sich kranzförmig um meinen Kopf legt, und nichts geht mehr.

Selbstdiagnostisch fülle ich dann im Internet 25 Depressionsfragebögen aus. „Frage 8: „Morgens fühle ich mich miserabel“, Häkchen bei „häufig“. „Frage 15: Ich komme mir nutzlos vor“, wieder Häkchen bei häufig. Leicht reizbar bin ich auch. „Zusatzfrage 2: Leiden Sie an Verstopfung?“, da kreuz’ ich natürlich Nein an. Am Ende raten mir diese Tests immer, einen Arzt aufzusuchen, weil ich wohl eine mittelschwere depressive Episode habe. Ich halte davon nicht viel. Mein Therapeut heißt Markus Schneider.

Schneider macht grandiose Weine. Der „Black Print“ für 13 Euro ist besser als jedes Antidepressivum. 14,5 Volumenprozent. Ein wildes Cuvée aus St. Laurent, Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. Der ist schwer und doch samtweich, ganz bauchig, auf der Zunge ist das so, als würde man von einem Bären gestreichelt. Es macht ein bisschen Angst, weil der Bär ja eigentlich gefährlich ist, aber lässt man sich drauf ein, ist es ein schönes Gefühl.

Verschwinden, als ob es einen nicht mehr gäbe

Nach drei Tagen mit mehr als 16 Stunden Schlaf jeden Tag muss ich etwas ändern. Ich mache zehn Liegestütze. Dann zehn Kniebeugen. Wieder zehn Liegestütze. Und lege mich doch wieder auf das Sofa. Ich esse eine Portion Gnocchi mit Pesto. Ich lasse die Hälfte auf dem Tisch stehen. Auf RTL 2 meint einer, sein größtes Hobby sei seine Puzzlesammlung. Auf die Frage, wie viele er schon habe, überlegt der Sammler eine ganze Weile, bis er schließlich „fünf“ sagt.

Wie wäre das wohl, einfach zu verschwinden. Also kein Suizid. Nein. Einfach verschwinden, so, als ob es einen gar nicht mehr gäbe. Ich will nicht, dass irgendjemand traurig ist, weil ich weg bin. Ich will ja auch nicht sterben. Manchmal will ich einfach nur nicht sein. Bei Harry Potter verzaubert Hermine ihre Eltern so, dass sie gar nicht mehr wissen, dass sie eine Tochter haben, und von England nach Australien auswandern. Das macht sie, um ihre Eltern vor Lord Voldemort zu schützen. Im Film verschwindet sie dann sogar aus Familienfotos. Da musste ich weinen, als ich das im Film sah.

Eigentlich bin ich ja gar kein Nihilist. Eigentlich finde ich alles ganz gut so, so wie es ist. Ich finde die BVG-Preise okay, die Mieten in Berlin sind auch nicht unmenschlich hoch. Merkel sollte mal vielleicht was in Richtung NSA sagen, so richtig auf den Tisch hauen. Angie, du schaffst das, denke ich und schlafe doch wieder ein.

Karl Popper spricht im Traum

Im Traum spricht Karl Popper zu mir. „Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“ Das sollte die Angie mal in Richtung Amerika schicken auf einer Weihnachtsgrußkarte aus dem Lebenshilfeshop, von Körperbehinderten hergestellt. Sie würde mit „Dear Barack“ beginnen, dann das Popper-Zitat bringen, schließlich mit „Sincerly yours, Angela“ unterschreiben.

Langsam glaube ich, dass ich wirklich verrückt werde. Weil diese Gedanken immer häufiger kommen. Einsamkeit ist in Wahrheit viel anstrengender als unter Leuten zu sein, weil man einsam selber viel mehr Leute ist als eine ganze Gruppe.

Über die Anlage singen Tocotronic, und zum ersten Mal seit fünf Tagen geht es mir kurz gut. Weil ich mich darüber kaputtlache, wie albern ich bin. Ich sitze und liege seit Tagen auf diesem gleichen, langweiligen Sofa und schaue Serien, Dokus über Käseherstellung, über Ameisenkolonien. Wussten Sie, dass Ameisen neben dem Mensch die einzige Spezies sind, die andere Tiere domestiziert? Wirklich. Die halten sich Blattläuse als Nutztiere und melken die.

Darauf einen Schluck Schneider-Wein

Im Internet lese ich, dass jetzt viele eine Abmahnung bekommen, weil sie „Glamour Show Girls“ oder „Amanda’s Secret“ geschaut haben. Ich habe die nicht gesehen. Aber ich habe Angst, dass ich fett werde. So richtig fett. Weil ich mich nicht mehr bewege und den Schneider-Wein trinke und Gnocchi esse und ab und zu Baked Beans von Heinz. Die liebe ich. Mir ist immer noch furchtbar schlecht. Und ich höre wieder Tocotronic.

Deren Album „Es ist egal, aber“ ist die allerbeste Vertonung von selbst verschuldeter, selbst gewählter und in radikaler Dummheit des Pseudointellektuellen verursachter Einsamkeit. Es ist so großartig. Dirk von Lowtzow schreit drei Mal hintereinander: „Alles, was ich will, ist, nichts mit euch zu tun haben.“ Und dann kommt das erste Mal die Strophe. „Das ist natürlich leicht gesagt/ Wenn man sowieso nicht dazugehört/ Sich rarmachen bringt ja nichts/ Wenn es niemand merkt“.

Darauf einen Schluck Schneider, und Dirk spielt jetzt „Der schönste Tag in meinem Leben“. Wirklich, ich glaube, dass Tocotronic den Song nur für mich geschrieben haben. Der Ich-Erzähler passiert also ihm verhasste Orte, an denen nie etwas passiert. Er geht an einem Parkplatz vor einem Supermarkt vorbei, durch eine komische Passage, durch die niemand mehr flaniert.

Die Wende am siebten Tag

Mir kommt das Alexa in den Sinn, die Schönhauser Arcaden, diese ganzen Einkaufszentren mit ihren Nanu-Nanas, und wie sehr ich diese Orte nicht ertrage und daran, dass es vielleicht doch gut ist, für immer zu Hause zu bleiben. Und dann kommt die Wendung. „Überall, wo ich nie bin und niemand mich gesehen hat/ Schaute ich mich um, und ich war allein/ Und völlig ohne Grund war ich glücklich, es zu sein/ Und ich wühlte mit der Hand/ In meinen Taschen, und ich fand/ Einen Zettel, auf dem stand/ Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“

Am siebten Tag, es ist genau eine Woche und ein paar Stunden später, wache ich morgens gegen neun Uhr auf. Die Hitze in meinem Kopf ist weg. Ich fühle mich erholt. Ich gehe zum Bäcker. Und das schwöre ich jetzt wirklich, auf dem Weg dorthin begegnet mir ein Hund mit dunkelbraunem Fell, und er schaut mich lange an, so als ob er mir etwas sagen will, ehe er mit federndem Gang in Richtung Friedrichstraße davonläuft.