Die Szene im Kreuzberger Hinterhof hat etwas Entrücktes. Durch die großen Fenster des Tanzsaals fällt fahles Dezemberlicht auf ein Paar. Sie tanzen zur leicht melancholischen Tangomusik, sie wirken wie ineinander versunken. Ihr Oberteil in leuchtendem Rot und Schwarz ist dekolletiert, er trägt ein weißes Hemd mit roten Hosenträgern: So leidenschaftlich wie die Farben sind die Drehungen der beiden, die so vertraut wirken, ihre Beine im Wechsel kreuzen und sich dabei intensiv in die Augen schauen.
Schauplatz ist der Saal einer Tanzschule mit dem schönen Namen „Tango tanzen macht schön“. Irgendwann verstummt die Musik, Michael und Sabine Beer setzen sich. „Beim Tanzen spüre ich große Nähe zu meiner Frau, ein Glücksgefühl“, sagt Michael Beer und schaut sie durch die Gläser einer schwarzen Hornbrille an. Seine Stimme stockt manchmal, als er erklärt, warum diese Momente für ihn so wichtig sind. „Tango verdoppelt die Zeit, in der ich mich bewegen kann“, sagt er, „denn es gibt Phasen, in denen ich es nicht kann.“ Seit vielen Jahr leidet der 68-Jährige an Parkinson. Wenn sie Tango tanzen, ist seine Krankheit weit weg, sind sie einfach Mann und Frau. Gibt es nur Füße, die Körper zum Drehen bringen.
Angefangen hat die Geschichte der Beers lange vor dem gemeinsamen Tanzen. „Wir sind seit unserer Schulzeit zusammen“, erzählt er. Noch heute bringt die Erinnerung an ihre erste Begegnung ein Lächeln auf das Gesicht seiner Frau. Jemanden zum Lachen bringen zu wollen, gemeinsam lachen zu können, das ist nur ein Geheimnis großer Liebe und es funktioniert bei diesen beiden.
Erst Schulfreunde, dann verliebt
Michael Beer erzählt von der Zeit am Friedenauer Paul-Natorp-Gymnasium: „Als wir uns in der achten Klasse kennengelernt haben, war ich einen Kopf kleiner.“ Die Teenager hatten den gleichen Schulweg, waren aber zunächst nur gute Freunde. Und dann kam das Jahr 1964, das Jahr, in dem die Beatles mit „I Want To Hold Your Hand“ einen Nummer-eins-Hit landeten. Die beiden waren Teil einer Berliner Jugendgruppe, die auf Einladung des damaligen Kanzlers Ludwig Erhard nach Bonn reiste. „Dabei ist es passiert“, sagt Sabine Beer-Kiok und wirft ihrem Mann einen Blick zu. „Das war klasse“, sagt er. Ein Jahr später, gleich nach dem Abi, waren sich die beiden sicher und wollten heiraten. Doch da sie noch nicht 21 waren, verweigerten die Eltern den Minderjährigen die Zustimmung. Das Projekt Ehe musste noch etwas warten.
Liebe braucht Brücken, die auch in schwierigen Zeiten tragen. Für die Beers ist es der Tango, vor allem seit bei Michael Beer im Alter von knapp 50 die Krankheit Parkinson diagnostiziert wurde. Doch das Tanzen war nicht gleich ihre gemeinsame Leidenschaft. Während Michael Beer schon in den unruhigen 60er-Jahren seinen ersten Standardtanzkurs besuchte, sperrte sich Sabine dagegen. Paartanz war damals nicht besonders populär. „Tanzen galt als bourgeois, ich habe ihm gesagt, das mache ich nicht“, erinnert sich die 68-Jährige und muss im Nachhinein über sich selbst lachen. Doch auch aus Kompromissen kann Gemeinsamkeit wachsen: Bei einem Kurs der Volkshochschule in den Achtzigern, den sie Michael zuliebe belegte, entdeckte auch Sabine den Spaß am Paartanzen.
Die Beers haben viele Gemeinsamkeiten, und das Interesse an der Mathematik gehört dazu. Sabine, die eigentlich Künstlerin werden wollte, begann nach dem Abitur ein Kunstpädagogikstudium, nahm aber später Mathematik als zweites Lehramtsfach dazu. Während seine Frau erzählt, sucht Michael Beer auf seinem Smartphone nach Fotos von ihren Plastiken und Bildern. ,,Tanda entusiasmo“ heißt die Studie zweier Tänzerbeine – selbstbewusst schmiegt sich ein zierlicher Frauenfuß in glutroten Pumps an ein Männerbein in schwarzer Hose. So sieht Leidenschaft auf der Leinwand aus. Ein anderes Bild zeigt die Hände eines Tangopaares, und schon die Haltung verrät Innigkeit. Genau so sieht es aus, wenn die Beers miteinander tanzen.
Michael Beer studierte Mathematik und Physik auf Diplom und absolvierte an der Freien Universität den pädagogischen Teil, um ebenfalls Lehrer zu werden. So kam es, dass beide an die Fritz-Karsen-Schule in Britz versetzt wurden. Ist es nicht eine zähe Aufgabe, Mathematik zu unterrichten? Die beiden Lehrer sehen das anders, denn sie haben es als Herausforderung empfunden, Verständnis für die Sprache der Zahlen zu wecken: „Mathe zu unterrichten, ist leicht“, sagt Sabine Beer-Kiok. Die Kinder seien dankbar, wenn sie es verstehen. „Desinteresse im Kunstunterricht hat mir viel mehr zu schaffen gemacht.“
Test für die Liebe
Beziehungen werden vorwärts gelebt und im Blick zurück verstanden. Im Jahr 1982 – die beiden waren schon mehr als zehn Jahre verheiratet – kam ihr Sohn zur Welt. Es war ein Wunschkind, doch vor allem Michael Beer hatte lange gebraucht, bis er bereit für ein Kind war. Er sagt, als Scheidungskind habe er erst einige Ängste überwinden müssen. Mit Geduld gelang der Test für die Liebe, und als der Sohn endlich da war, schlüpfte Michael Beer um so begeisterter in die Vaterrolle. Momentan ist er schon erfüllt von seinen Aufgaben als Großvater: „Der Kleine ist super, wir sind rund um die Uhr glücklich.“
Eine Balance zwischen Geben und Nehmen zu finden, gehört zu den vielen kleinen Geheimnissen einer langen Liebe. Schon vor knapp 20 Jahren ist Michael Beer aus dem Schuldienst ausgeschieden, 49 Jahre alt war er – es passierte zu der Zeit, als bei ihm Parkinson festgestellt wurde. Die Krankheit war ein Schock. Eine Belastungsprobe, aber nicht für ihre Beziehung, wie sie übereinstimmend sagen. „Damit muss man im Alltag erst einmal lernen umzugehen“, sagt Sabine Beer-Kiok und erinnert sich an die Momente der Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Es hat gedauert, bis sie einen offenen und gelassenen Umgang mit der Krankheit entwickelt haben.
Mitleid will Michael Beer nicht, und er besteht darauf, möglichst viel alleine zu erledigen, auch wenn es wegen seiner eingeschränkten Bewegungsfähigkeit manchmal dauert. So bleiben die Einkäufe nach einer gemeinsamen Tour gelegentlich länger im Auto liegen. Sabine Beer hat akzeptiert, „dass man nicht überreagieren und dem Partner alles abnehmen darf, weil man immer helfen will“. Die Beers haben für sich klare Absprachen getroffen: Wenn er Hilfe braucht, gibt er ein Signal, sonst hält sich seine Frau zurück.
Als er krank wurde, hat auch Michael Beer die Kunst entdeckt. Aus Pflastersteinen stellte er mithilfe von Draht ein steinernes Buch her. So, als wolle er ein neues Kapitel seines Lebens aufschlagen. Als die beiden über diese schwere Phase ihrer Ehe reden, wird Michael Beer unruhig, steht von seinem Stuhl auf, muss gehen, rudert mit den Armen. Die Krankheit hat ihn ein paar Minuten im Griff, bevor sie ihn wieder freigibt. Das kann auch beim Tanzen passieren, doch es ist immer ein „Pen“ zur Hand. So heißt das kleine, stiftähnliche Gerät, mit dem er sich das Medikament verabreichen kann. Nach einiger Zeit bewegt er sich ruhiger, sicherer.
Führen, mit Vergnügen
Irgendwann in den Neunzigern passierte ihrer Liebe der Tango. Sie sagen das so, als sei plötzlich der Sommer angebrochen oder als hätte es zu schneien begonnen. Sie haben den Tango gesucht und bei einem Tanzschul-Event für sich entdeckt. Seitdem lässt sie der Tango nicht mehr los, mehrmals im Jahr unternehmen sie sogar Tangoreisen. Sabine Beer-Kiok beschreibt, was in ihr vorgeht, wenn die Musik beginnt und die Beine sich bewegen: „Signale aufnehmen, Gemeinsamkeit.“ Führen und Folgen heißt ein Prinzip im Tango. „Führen heißt nicht beherrschen“, sagt Rafael Busch, der Tangolehrer der Beers, „denn Tango ist ein Kooperationsangebot.“ Busch trainiert im Saal mit seiner Partnerin Susanne. Führen, ergänzt er, habe auch sehr viel mit Fürsorge zu tun. Wann es mit dem Tanzen wegen Michael Beers fortschreitender Parkinsonerkrankung vorbei sein wird, wissen sie nicht. Sicher aber ist, dass die Bewegung ihm gut tut: „Solange ich tanzen kann, bin ich gesund“, sagt er.
Wenn sich die Beers über ihr Hobby unterhalten, lachen sie viel miteinander. Er sagt: „Führen ist Vergnügen pur.“ Sie antwortet: „Mein Mann macht gerne Quatsch beim Tanzen.“ Er: „Ich tanze am besten, wenn meine Dame glockenhell lacht.“ Führen und Folgen, das habe in einer „gleichberechtigten Beziehung wie unserer“ überhaupt nichts mit Unterordnung zu tun. Pragmatisch erklärt sie: „Er macht Angebote, und ich als Partnerin muss etwas daraus machen.“
Flirten, immer noch, immer wieder
Gibt es denn wirklich keine großen Streitpunkte? Sabine Beer-Kiok antwortet, ohne zu zögern. Klar gebe es ab und an mal Streit wie in jeder Beziehung. Dann aber gehe es um „Kleinigkeiten, die nicht der Rede wert sind.“ Wenn sie mit zurückhaltendem Lächeln darüber spricht, welche Eigenschaften sie an ihrem Mann besonders mag, klingt das sachlich, aber zugleich liebevoll: „Sein Einfühlungsvermögen, seine mentale Kraft, seine Ehrlichkeit und seine Kreativität.“ Umgekehrt ist seine Frau für Michael Beer die Welt. Langsam und mit weicher Stimme sagt er: „Ich finde sie wunderschön, sie ist eine große Künstlerin. Ich bin wahnsinnig verliebt in sie – bis zum heutigen Tag.“ Als sie kurz darauf Rafael Busch und Susanne Opitz vorbeitanzen sehen, fordert auch Michael Beer seine Frau auf. Wirken seine Bewegungen ein bisschen eckiger, sind ihre rund und fließend. Zusammen funktionieren sie. Zur Liebe gehört Flirten, immer noch, immer wieder.


