Es wird in diesem Prozess vermutlich auch am Montag bei der Urteilsverkündung wenig Zuschauer geben. Und dennoch wird der Ausgang mit großem Interesse verfolgt werden. Die Strafandrohung reicht weit. Sie beginnt bei Lebenslänglich wegen Anstiftung zum versuchten Mord. Der ehemalige Rocker-Chef Holger B. könnte aber auch mit wenigen Jahren Haft wegen Anstiftung zur Körperverletzung davon kommen.
Aber selbst wenn der 52-Jährige das Urteil sofort annimmt, ist diese Geschichte mit dem Wechsel von der Untersuchungshaft in den Strafvollzug noch lange nicht beendet. Holger B. ist ein Aussteiger. Ermittler sehen in ihm einen Informanten, ehemalige Rocker-Kumpane einen Verräter, der das Schweigegelübde gebrochen hat und zu bestrafen ist. Und so wird der 1,90 Meter große, gut Hundert Kilogramm schwere Mann wohl auch im Gefängnis vor Übergriffen von Mitgefangenen geschützt werden müssen.
Der Prozess begann im September unter großen Sicherungsvorkehrungen. Holger B., in Rockerkreisen einst „Hocko“ genannt, wurde angeklagt, im Sommer 2012 die Tötung eines ehemaligen Kumpanen in Auftrag gegeben zu haben. Es ist eine Geschichte aus dem Milieu. Und da werden dann auch alle gängigen Klischees über die furchterregenden Ganoven, die mit Motorrädern der Marke Harley Davidson durch die Gegend fahren, erfüllt: Denn zunächst war Holger B. ja einer der führenden Köpfer der Hells Angels.
Holger B. fiel bei den Hells Angels in Ungnade
Kurz vor dem Fall der Mauer kam der gelernte Zimmermann aus einem Dorf in Schleswig-Holstein nach Berlin. 2000 wurde er Chef eines Nomads-Charters, einer Art Untervereinigung der Hells Angels. Er war einflussreich, hatte internationale Kontakte mit anderen Gruppierungen. Was dann folgt, ist spekulativ: Angeblich soll Holger B. in die Vereinskasse gegriffen und Schulden, die er bei anderen Rockern hatte, nicht bezahlt haben. Aber reicht das für die riskante Ablösung eines Mannes, der so viel weiß?
Auch von schlechter Behandlung der ihm unterstellten Nomads ist die Rede. Was keinen richtigen Sinn ergibt. Denn es gehört zur Philosophie der Hells Angels und anderer Rocker-Vereinigungen, eine strenge Hierarchie zu pflegen. Neue Kandidaten müssen sich quälend nach oben arbeiten, bis zur richtigen Mitgliedschaft. Aussteiger berichten von menschenverachtenden Ritualen. Hangarounds (Mitläufer) und Prospects (Anwärter) müssen die Drecksarbeit verrichten, dienen als Truppenteile, wenn Rocker mit Messern, Äxten und abgesägten Schrotflinten aneinander geraten.
So kann konkret eigentlich nur festgehalten werden, dass Holger B. – warum auch immer – bei den Hells Angels in Ungnade gefallen war. 2008 soll dann eine Abordnung seinen Rücktritt bewirkt haben. Für Holger B. waren fortan sämtliche Verbindungsstränge gekappt. „Out in bad standing“, wird das bei den Rockern genannt, was in etwa „unehrenhafte Entlassung“ bedeutet. Holger B.s Nachfolger wurde der Gastwirt André S. Der 48-Jährige ist figürlich und wohl auch gedanklich das gleiche Kaliber wie sein Vorgänger. Er war einst Holgers B.s „Sergeant at Arms“.
Fortan sann er auf Rache
Holger B., heißt es, soll sich damit nicht abgefunden und SMS an seine ehemaligen Kumpane geschickt haben. In der Art: „Ich bin vom Herzen her Hells Angel, und das bleibt so, egal was passiert.“ Vielleicht gab es auch andere Schwüre, vielleicht auch Drohungen. Im Mai 2011 jedenfalls wird Holger B. vor seinem Haus in Altlandsberg überfallen und mit einem Messer attackiert. Er sei „wie ein Tier abgestochen“ worden, hieß es in einer Erklärung vor dem Moabiter Schwurgericht. Einer der Täter soll ihm auch noch sinngemäß „einen schönen Gruß von André S.“ zugerufen haben. Er überlebte – seitdem tief verbittert.
Fortan sann Holger B. auf Rache. Das gab er vor Gericht auch zu. Aber es gab ja auch Indizien, die diesen geplanten Anschlag auf André S. nachweisen ließen. Darunter Protokolle von Telefonüberwachungen der an dem Anschlag mutmaßlich beteiligten Täter, mit deren Hilfe die Ermittler die Tat rekonstruierten. Da gibt es den 62 Jahre alten Ukrainer Michael W. alias Russen-Micha, den Holger B. schon vor Jahren in der Sauna am Europa-Center kennengelernt hatte.
Michael W. sitzt vor dem Moabiter Schwurgericht nun ebenfalls auf der Anklagebank. Holger B. war davon ausgegangen, dass der Ukrainer mit deutschem Pass zur gehobenen Nomenklatura der Russenmafia gehörte. Und dass er in der Lage war, Menschen für Aufträge aller Art zu gewinnen. Und da gibt es den 36 Jahre alten Schrotthändler Oleg C., auch er ein Ukrainer, der sich von Michael W. offenkundig beauftragen ließ.
„Es war von einem Hammer die Rede“
In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 2012 soll Oleg C. mit einer Pistole Sig-Sauer André S. vor seiner Kneipe Germanenhof in Hohenschönhausen aufgelauert haben. Der bullige Mann wollte gerade aufs Motorrad steigen, als er von mehreren Schüssen getroffen wurde, einer ganz nah am Herzen. André S. schwebte tagelang in Lebensgefahr, überlebte den Anschlag aber dank seiner robusten Konstitution. Oleg C. floh, es heißt, in die Ukraine, die internationale Fahndung blieb bislang erfolglos.
André S. war als Opfer des Anschlages auch Zeuge im Prozess vor dem Schwurgericht. Seine Ladung war so obligatorisch wie sinnlos. „Sprich nicht mit der Polizei, auch wenn du das Opfer bist“, heißt es bei den Hells Angels. Und der Rocker-Chef reagierte dann auch wie erwartet: Er hielt sich an den Ehrenkodex – und schwieg. Das Gericht erließ ein Ordnungsgeld von 500 Euro. Dann verließ André S. grinsend den Gerichtssaal.
So wird es interessant werden, wie das Schwurgericht die Ergebnisse der mündlichen Beweisaufnahme würdigt. Holger B. hatte in seiner Erklärung verlauten lassen, dass von einem geplanten Mord nie die Rede war. „Als ich von dem Anschlag hörte, war ich wie vor den Kopf gestoßen“, hieß es. Richtig sei, dass er Michael W. beauftragt habe, André S. anzugreifen und zu verletzen. Dafür habe er 20.000 Euro gezahlt. „Es war von einem Hammer die Rede, mit dem auf das Knie geschlagen werden sollte. Das macht man in der Ukraine so.“
Holger B. hat sich, so scheint es zumindest, von den Rockern abgewandt. Er soll bei den Ermittlern auch Interna über die Hells Angels preisgegeben haben. Der Prozess geht vielleicht zu Ende. Die strafrechtliche Verfolgung der kriminellen Rockerclubs ist in vollem Gang.




