Krisendienst

Wenn Weihnachten zur schwersten Zeit im Jahr wird

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Brigitte Schmiemann

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Weihnachten ist nicht mehr fern. Die schönste Zeit im Jahr ist für manche auch die schwerste. Sie finden Hilfe und Unterstützung beim Berliner Krisendienst. Ein Besuch.

Thomas Ritter* sitzt allein zu Hause, aus der Küche dringen leise Töne eines Weihnachtsliedes ins Wohnzimmer, doch der Puls des Studenten rast immer schneller. Er hat eine Angstattacke. Nicht zum ersten Mal. Seit Jahren leidet er unter diesen panischen Anfällen. Aber zum ersten Mal überfallen sie ihn Heiligabend. Er wählt die Nummer des Berliner Krisendienstes, der rund um die Uhr erreichbar ist und bei dem er sich schon öfter Hilfe geholt hat. Am anderen Ende sitzt ein Mitarbeiter, der sich von Thomas Ritter die Notlage schildern lässt. Er spricht beruhigend auf ihn ein.

Thomas Ritter ist an diesem Abend vor einem Jahr nicht der Erste, der die Hilfe des Krisendienstes sucht. Weihnachten, das Fest der Liebe, bringt nicht nur Freude, sondern auch Stress, Streit, Traurigkeit. Angestauter Ärger macht sich gerade jetzt Luft. Liebeskummer, Verzweiflung machen sich breit, auch Selbstmord-Gedanken wegen einer Trennung, wegen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentensucht.

Sozialpädagogin Angela Hofmeister arbeitet seit Beginn des Berliner Krisendienstes 1999 beim Verein „Krisen- und Beratungsdienst e.V.“, einem von sechs freien Trägern, der für die Region Süd-West zuständig ist, also für die Bezirke Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf. Das Beratungsbüro am U- und S-Bahnhof Rathaus Steglitz ist gut zu erreichen. Dort können sich Menschen wie Thomas Ritter Hilfe holen. Die meisten, gut zwei Drittel, rufen an. Die anderen ziehen das persönliche Gespräch vor. Auch dieses ist auf Wunsch anonym, sowie immer kostenlos. Das Angebot wird von der Senatsverwaltung für Gesundheit gezahlt. Akten werden nicht geführt

Hohe Erwartungen

In den knapp 15 Jahren des Bestehens des Krisendienstes wächst der Beratungsbedarf kontinuierlich. Kamen im ersten Jahr rund 32.000 Menschen, um sich Hilfe bei den Psychologen, Sozialpädagogen, Therapeuten und psychiatrischen Fachpflegekräften zu holen, sind es inzwischen mehr als 60.000 Menschen, die diese Hilfe jedes Jahr in Anspruch nehmen. Neben den festen Mitarbeitern arbeiten beim Berliner Krisendienst auch viele Berater auf Honorarbasis, die ansonsten in unterschiedlichen helfenden Einrichtungen tätig sind. Der Berliner Krisendienst ist mit den anderen Hilfsangeboten in der Stadt gut vernetzt. Er vermittelt die Ratsuchenden bei Bedarf weiter.

Die Weihnachtszeit, speziell die Vorweihnachtszeit, ist eine besonders beratungsintensive Zeit. Die vielen Wünsche und hohen Erwartungen an das Fest führen häufig zu Streit. Menschen fast aller Altersgruppen suchen Hilfe. Die Menschen im mittleren Lebensalter suchen den Rat am häufigsten, verstärkt kommt mittlerweile aber auch die Gruppe der über 60-Jährigen.

„Man sollte so früh wie möglich in der Familie darüber reden, wie Weihnachten verbracht werden soll“, rät Angela Hofmeister. Was muss von den Ritualen unbedingt sein, was kann auch mal weggelassen werden? Ist der Weihnachtsbaum ein Pflichtprogramm? Auch vermeintliche Verpflichtungen innerhalb der Familie dürften dabei überprüft werden: Müssen wirklich zu Weihnachten jedes Mal beide Elternpaare besucht werden? „Vielleicht gibt es ja für beide Partner neue attraktive Formen, für die sich beide begeistern“, schlägt Hofmeister vor.

Miteinander sprechen, Neues zulassen und sich Luft gönnen, das helfe. Ganz wichtig sei es auch, den eigene Anspruch infrage zu stellen, dass Weihnachten perfekt vorbereitet sein müsse – von der Dekoration über das Essen bis hin zum Outfit und den möglichst ausgefallenen Geschenken. Gerade das seien Stressfaktoren. Eine Variante könne doch auch sein, mal gemeinsam zu kochen, sich Zeit für einen Spaziergang an Heiligabend zu gönnen oder gemeinsam einen Tee zu trinken.

Die Toleranzschwelle nach oben zu schrauben, kann laut Hofmeister helfen, dass es mit den Kindern keinen Streit gibt. Erwachsene Kinder dürften auch mal wegbleiben, jüngere Kinder könnten sich an den Feiertagen dann auch mal mit Freunden treffen. Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch kurz davor zu sein zu knallen, ist Abstand ratsam. „Aus dem Zimmer gehen, bis zehn zählen und überlegen: Was will ich sagen? Nicht rauspoltern, weil sonst viele verletzende Dinge gesagt werden“, empfiehlt die Beraterin.

Einsamen Menschen rät Angela Hofmeister, früh darüber nachzudenken, wie sie Weihnachten verbringen möchten. Die Gefahr, die Einsamkeit zu verdängen und dann in ein tiefes Loch zu fallen, sei sonst groß. Gerade in Berlin gebe es aber ein vielfältiges Angebot, etwa in den Kirchengemeinden oder in den Kontakt- und Beratungsstellen. Auch darüber informiert der Krisendienst. „Den 24. Dezember kann man doch mit einem Kaffeetrinken nachmittags mit anderen verbringen. Wenn das jemand weiß, ist er schon einen ganzen Schritt weiter“, ermuntert die Beraterin.

Viele Menschen kommen in die Beratungsstelle, weil sie nicht mehr weiter wissen oder weil sie sich überlastet fühlen. Das Ausgangsthema ist die Erkrankung, über die der Ratsuchende erzählt, Stress am Arbeitsplatz oder mit dem Partner, jemand kommt morgens nicht mehr hoch, eine plötzliche schwere Krankheit, jemand kann sich nicht mehr konzentrieren. Das Spektrum ist groß. Die Helfer versuchen, für jeden einen passenden Weg zu finden. Manchmal sind dazu auch mehrere Treffen nötig.

Kostenlose Angebote

Auch gerade langjährig psychisch Erkrankte suchen regelmäßig die Hilfe beim Krisendienst. Die Berater wissen, dass es ihnen oft an einem intakten Beziehungsgeflecht fehlt. Aber wer möchte darüber schon offen reden? „Die Scham ist bei uns durch die garantierte Anonymität jedenfalls weniger groß als woanders“, sagt Angela Hofmeister. Durch lange Krankenhausaufenthalte hätten die psychisch Erkrankten oft weniger Möglichkeiten gehabt, Freundschaften zu pflegen. Auch ihren Job verlören sie durch die Krankheit häufig. Familien zerbrechen daran ebenfalls. Dadurch vereinsamen diese Menschen mehr und mehr.

„Für sie ist die Weihnachtszeit deshalb eine besonders schwierige Zeit“, sagt die Beraterin. Ohnehin sei man mehr zu Hause in der dunklen Jahreszeit, und wer wenig Geld habe, gehe auch nicht gern durch Einkaufscenter, wo jetzt so viel los sei. „Menschen, die nicht aus Überzeugung als Single leben, leiden jetzt besonders“, so die Erfahrung der Beraterin. Zur Advents- und Weihnachtszeit seien die Erwartungen an Harmonie und gemütlichem Beieinandersein groß.

Es kommen auch Menschen zur Beratung, bei denen die psychische Erkrankung noch gar nicht diagnostiziert wurde. Die Palette ist breit, sie reicht von Depressionen, Panikattacken wie bei Thomas Ritter*, über Schizophrenie bis hin zu Psychosen, also schweren psychischen Störungen, die mit einem zeitweiligen Verlust jeglichen Realitätsbezugs einhergehen. Der Krisendienst ist oft die erste Stelle, an die sich Angehörige, Freunde und Erkrankte wenden. Wenn alle sozialen Kontakte abgebrochen werden, sich jemand nicht mehr besuchen lässt, Verfolgungsängste und Wahnvorstellungen Menschen quälen, ist der Krisendienst oft die erste Anlaufstelle.

Von ihren mit Einsamkeit kämpfenden Klienten weiß Angela Hofmeister, dass sie sich schon jetzt sorgen, weil die Feiertage in diesem Jahr mitten in der Woche liegen, also von zwei Wochenenden flankiert werden, wo nichts passiert. „Der tägliche kleine Einkauf entfällt, ebenso die Erledigungen auf dem Amt, auch Zuverdienstmöglichkeiten entfallen, die fehlende Tagesstruktur, das kann ganz schwierig sein“, sagt Angela Hofmeister.

Wenn es in der Stadt nach all dem Einkaufsstress und Organisieren an Heiligabend langsam ruhig wird und sich vermeintlich alle ins glückliche Heim zurückziehen, steigt nach Einschätzung der Fachleute die Zahl der Menschen, die verzweifelt sind. „Das liegt auch daran, dass es mehr Armut als früher gibt. Menschen verfügen über weniger Geld. Gerade die versteckte Armut wird größer, wenn Menschen mit Hartz IV gerade mal so über die Runden kommen, das nach außen hin jedoch versuchen, nicht zu zeigen“, sagt Angela Hofmeister. Dabei gehe es noch nicht einmal so sehr um Geschenke zu Weihnachten, sondern um existenzielle Fragen wie Winterkleidung oder Stiefel. „Weil diese Menschen für Kultur oder Unterhaltung meist kein Geld haben, haben wir von einer Praktikanten die kostenlosen Angebote in Berlin recherchieren lassen. Da gibt es eine ganze Menge, jeder kann sich bei uns gern darüber informieren“, sagt Krisendienst-Beraterin Angela Hofmeister. Auch Thomas Ritter* hat sich für die Feiertage bereits ein Treffen in seiner Nähe ausgesucht.

*Name von der Redaktion geändert

Der Berliner Krisendienst berät Hilfesuchende in ganz Berlin, kostenlos und anonym. Es gibt neun Anlaufstellen (www.berliner-krisendienst.de). Alle haben von 16 bis 24 Uhr geöffnet. Von 24 bis 8 Uhr früh sowie an den Wochenenden und Feiertagen hilft der überregionale Bereitschaftsdienst . Für Informationen ist der Krisendienst rund um die Uhr erreichbar: Tel. 390 63 00.