Weihnachtsmann

Wo der Weihnachtsmann seinen großen Auftritt probt

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Katrin Lange

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Heiligabend sind Hunderte Miet-Weihnachtsmänner in der Stadt unterwegs. Ausgebildet werden sie unter anderen von Stephan Antczack im Studentenwerk Berlin. Ein Besuch beim Vorbereitungskurs.

Allein mit einem donnernden „Hohoho“ ist es nicht getan. So eine Bescherung muss gelernt sein. „Du musst ihm die Kapuze aufsetzen, sonst sieht er ja aus wie ein Yeti“, sagt Stephan Antczack, selbsternannter Ober-Weihnachtsmann, zu Sarah Staege, die bereits ein perfekter Engel ist. Daniel Alvarez hingegen, ihrem Partner, stehen die Haare der Perücke noch zu Berge, Mund und Nase sind hinter dem Bart verschwunden.

Sarah hilft ihm, die Kapuze über die Haarpracht zu ziehen. „Was braucht ihr noch?“, fragt der Weihnachtsmann-Chef. Die beiden lassen ihren Blick über die Requisiten schweifen. Achselzucken. Stephan Antczack greift auf den Tisch und zieht etwas Glitzerndes hervor. „Na, das Goldene Buch natürlich!“ Ja, natürlich, sagen die beiden und blicken sich irritiert an.

Ehrenkodex muss verinnerlicht werden

Im Foyer der Mensa der Technischen Universität haben sich an diesem Abend etwa 30 künftige Weihnachtsmänner und Engel versammelt. In ihrem wahren Leben studieren sie schon einige Semester Medizin oder Jazz-Gesang, Wirtschaftswissenschaften und Maschinenbau. Doch in diesem Workshop fangen sie bei Null an.

Sechs Stunden lang werden sie lernen, Vertrauen zu haben, um auch in ungewohnten Situationen zurechtzukommen, Gedichte aufzusagen und die Kinder richtig zu begrüßen. Sie müssen einen Ehrenkodex verinnerlichen, in dem es unter anderem heißt: „Der Weihnachtsmann liebt alle Kinder, er erscheint stets freundlich und gelassen.“

Seit 1949 sind die vom Studentenwerk Berlin vermittelten Hilfsweihnachtsmänner jeden Heiligabend im Einsatz. Mehr als 400 Studierende und Diplomierte, Schauspieler und Freiberufler eilen durch die Stadt von Wohnung zu Wohnung. Sie habe zwischen zehn und 15 Einsätzen, bei fast 5000 Bescherungen werden sie etwa 10.000 Kinder glücklich machen.

Zigarrengeruch und offene Schnürsenkel

Seit 2008 ist Stephan Antczack der Projektleiter. Der 47-Jährige hat sich sein Kostüm maßschneidern lassen, aber das wichtigste – Bart und Bauch – ist mittlerweile echt an ihm. Den Glauben an den Weihnachtsmann hat er verloren, als er seinen Opa enttarnt hatte. „Ich habe ihn am Zigarrengeruch und an den offenen Schnürsenkeln erkannt“, sagt der ehemalige Student der Kunstgeschichte. Von diesem Augenblick an hatte er beschlossen, selbst den Weihnachtsmann zu spielen. Seine Schwester assistierte ihm dabei als Engel. „Wir sind beide richtig in dieser Aufgabe aufgegangen“, erzählt er. 2002 begann Antczack seine Weihnachtsmann-Karriere bei den Heinzelmännchen. Er kann mittlerweile von fast 400 Bescherungen erzählen.

Während er der Profi ist, müssen sich Sarah Staege und Daniel Alvarez erst in das Weihnachtsmann-Gewerbe einarbeiten. Sie sollen eine Probe-Bescherung spielen und sind mittlerweile beide im Kostüm. Die Kordel um den Mantel sitzt, die Engelsflügel auch. „Habt ihr euch überlegt, was ihr machen wollt?“, will der Ober-Weihnachtsmann wissen. Sarah Staege wirkt verzweifelt. „Nein, deshalb bin ich doch hier in dem Workshop“, sagt die 22-Jährige, die an der Charité Zahnmedizin studiert.

Sie ist ganz ernst bei der Sache und wird sofort beruhigt. Alles sei eine Übung, sie könnten improvisieren und dann daraus lernen. Nur einen Tipp gibt er vorab: Der Engel muss den Weihnachtsmann ankündigen. Mit einem Gedicht oder einem Spruch. Die beiden ziehen sich in eine Ecke zurück und besprechen ihren Auftritt.

Geschenke auspacken mit dem kleinen Sohn

Jede Bescherung ist anders. An eine kann sich Stephan Antczack ganz besonders gut erinnern. Sie war in einer prachtvollen Villa im Grunewald. Die Familie hatte vereinbart, dass der Weihnachtsmann gemeinsam mit dem kleinen Sohn die Geschenke auspackt. Der Junge hatte sich einen Bus gewünscht. Bei jedem Paket, dass aus dem Sack gezogen wurde, kam die Frage: „Ist da mein Bus drin?“ War es wieder etwas anderes, musst sich Antczack Ausreden einfallen lassen.

Er schob es auf die Wichtel, die vielleicht etwas durcheinander gewesen sein könnten. Er habe Blut und Wasser geschwitzt, erzählt er. Das Glück war auf beiden Seiten groß, als der Bus endlich auftauchte. Dass er eine gute Vorstellung gegeben haben muss, davon erfuhr er später. Als der Junge in die Schule kam und gefragt wurde, ob er an den lieben Gott glaube, sagte er: „Ich glaube nur an den Weihnachtsmann.“

Auch Julia Mahlke kann von besonderen Bescherungen berichten. Die freiberufliche Schauspielerin zieht in diesem Jahr zum fünften Mal los. Sie geht allein als Engel von Bescherung zu Bescherung und genießt die „komplette Aufmerksamkeit“. Von einer Familie wurde sie in diesem Jahr direkt wieder gebucht. Der kleine Sohn sei so begeistert gewesen, dass er das ganze Jahr vom Weihnachtsengel geschwärmt habe, erzählte ihr die Mutter. Um weiter von seinem Engel träumen zu können, hatte er das verstreute Silberpulver vom Teppich aufgelesen und im Bett aufbewahrt.

Nach der Bescherung zum Neugeborenen

Aber die wohl aufregendste Bescherung hatte sie im Märkischen Viertel. Sie war schon ein bisschen zu spät dran. Als sie ankam, stand die gesamte Familie bereits vor der Tür. Sie warteten allerdings nicht mehr so sehr auf den Engel sondern darauf, ins Krankenhaus fahren zu können. Denn dort hatte gerade die Mutter das vierte Kind entbunden. Eigentlich sollte es erst drei Tage später kommen. „Wir haben trotz der Aufregung noch Bescherung gemacht und auch ein Lied zusammen gesungen“, sagt Julia Mahlke. Dann seien aber alle sofort zu dem Neugeborenen geeilt.

Sarah Staege und Daniel Alvarez spielen nicht nur die Probe-Bescherung, sie wollen auch am Heiligabend zusammen auf Tour gehen. Die beiden haben keine Angst vor ungewohnten Situationen, sondern eher vor ganz praktischen Dingen. Was tun, wenn das Auto nicht anspringt, wenn es zu eisig ist, oder die Leute einen unentwegt auf der Straße anquatschen? Das sind Fragen, die sie bewegen. Ihr Vater habe auch schon Weihnachtsmann gespielt, erzählt die Studentin aus Potsdam. Deshalb finde er es völlig in Ordnung, dass seine Tochter am Heiligabend bei anderen den Engel spielt.

Während sich die beiden ihre Inszenierung ausdenken, geht der Kurs weiter. Der Chef-Weihnachtsmann stimmt „O Tannenbaum“ an, alle singen mit. Ab der dritten Strophe macht sich Textunsicherheit breit. „Was tun, wenn ihr nicht weiter wisst?“, fragt Stephan Antczack. Noch einmal die erste Strophe singen, kommt als Vorschlag. Der wird abgelehnt. Der entscheidende Tipp: Am Ende des Goldenen Buches sollten Lieder und Gedichte in lesbarer Form stehen – also groß genug, um sie im Halbdunkeln der Weihnachtsstuben zu erkennen.

Goldenes Buch als Gedächtnis des Weihnachtsmannes

Das Goldene Buch ist eins der wichtigsten Utensilien. Es ist so etwas, wie das Gedächtnis des Weihnachtsmannes. Darin werden die Daten der zu besuchenden Familien eingetragen und eventuelle Hinweise der Eltern. Die können auch einmal schief gehen. Schauspielerin Julia Mahlik erinnert sich an eine Episode mit einem kleinen pummeligen Mädchen, das sie im Auftrag der Eltern fragen sollte, ob es sich für Mode interessiere. „Nö, ich esse lieber Chips“, war die ehrliche Antwort des Kindes.

Schließlich ist es soweit. „O Tannenbaum“ ist im Foyer der TU verklungen, das Warten auf den Weihnachtsmann hat ein Ende. Sarah Staege kommt um die Ecke gerauscht. Ihr Publikum sind zum größten Teil männliche Kommilitonen. „Hallo ihr lieben Kinder“, flötet sie engelsgleich. Und hat die Lacher sofort auf ihrer Seite. Ein kurzer Vers, und dann proklamiert sie theatralisch: „Horch nur, der Alte klopft draußen ans Tor.“ Der Weihnachtsmann hat seinen Auftritt.