Als Hans Schwippert 1955 mit dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Kathedrale beauftragt wurde, entdeckte der Düsseldorfer Architekt eine überraschende Schönheit.

Unter dem unzerstörten Boden der Rotunde lagen symmetrisch angeordnet kleine Kapellen mit innerem Umgang und sternenförmigen Zentralgewölbe. Das Spiegeln von Oben und Unten, von Offen und Geschlossen, das reizte den Architekten. „Und diese Vielfalt, bislang unbekannt und verborgen, trägt diese aus rationaler Zucht geformte Einfalt des großen Kuppelraums nach oben“, notierte er später. So entstand sein Plan. „Wie, wenn es gelänge, dies sichtbar zu machen?“

Es gelang. Im November 1963, vor fünfzig Jahren, wurde der Umbau von Hans Schwippert fertig. Der obere Kirchenraum öffnet sich seitdem vor dem Hauptaltar in einer großen Rundung und gibt, geschützt durch ein Geländer, den Blick auf eine Unterkirche frei. Verbunden sind die Räume durch den Altar aus schwarzem Marmor. Ein Doppelaltar, wohl so einzigartig wie die Kirchenbodenöffnung.

Das „Loch“ in der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale

Doch genau diese bauliche Besonderheit steht zur Disposition. Schon seit Jahren wird über eine Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale nachgedacht, die letzte Erneuerung liegt immerhin 50 Jahre zurück. Anfang November nun hat das Erzbistum ernst gemacht. Architekten können sich mit ihren Vorschlägen bewerben. Dabei geht es nicht nur um die Bischofskirche, sondern auch um das angrenzende Bernhard-Lichtenberg-Haus. Dafür ist ein Ideenwettbewerb ausgelobt. Im Juni 2014 soll der Siegerentwurf feststehen. Finanzielle Vorgaben gibt es nur eine: „möglichst wirtschaftlich zu handeln“, so Dompropst Ronald Rother, der mit der Koordination betraut ist.

Denn so reizvoll das architektonische Spiel auch sein mag, die Nutzung der Kathedrale macht es schwierig. Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki mag auch gar nicht erst von einer Öffnung reden, er nennt die Besonderheit Hedwigs schlicht das „Loch“, das seine Predigt verschluckt. Der Domkapellmeister ist auch nicht begeistert. Bei jeder besonders feierlichen Messe, bei der der Chor durch ein Orchester unterstützt wird, sitzen die Musiker im Grunde mitten im Weg. „Dann muss der Kardinal durchs Orchester einziehen“, sagt Harald Schmitt. Würdevoll sieht anders aus. Ein Kuppelbau sei akustisch immer schwierig, bei St. Hedwig käme noch erschwerend hinzu, dass die Stufenhöhe der Chortreppe sehr niedrig sei. „Die zweite Reihe singt der ersten in den Rücken.“ Singt der Chor eine Etage höher, in den beiden „Schwalbennestern“, dann hört der Alt den Tenor nicht.

Kirche stammt von Friedrich dem Großen

Die Idee mit der Kuppel stammt von Friedrich dem Großen. Er hatte die vor 240 Jahren geweihte Kirche bauen lassen, als Zeichen der Toleranz gegenüber den Katholiken in seinem jungen Königreich. Den Namen hat sie von der schlesischen Schutzpatronin Hedwig, die äußere Erscheinung vom Pantheon in Rom. Um die Entstehung des für Kirchen seltenen Kuppelbaus rankt sich eine Legende. Er soll eine Kaffeetasse genommen und sie umgedreht haben. So stelle er sich die Kirche vor, habe er gesagt. Die Pläne für den Bau stammen von Georg Wenzelslaus von Knobelsdorff.

St. Hedwig hat schon einige Umbauten hinter sich. 1930 entstand das Bistum Berlin. Nun wurde aus der Kirche eine bischöfliche Kathedrale, die anderen liturgischen Anforderungen zu genügen hatte. Altar, bischöfliche Kathedra und Chorgestühl mussten sich von der mitfeiernden Gemeinde distanzieren und brauchten ab sofort einen eigenen Bereich. Den Umbau bei der Erhebung zur Bischofskirche gestaltete Clemens Holzmeister. Der sei, so heißt es, auch verstimmt gewesen, als in den 50er-Jahren nicht er selber, sondern sein Schüler Hans Schwippert mit dem Wiederaufbau betraut wurde. Berlin war geteilt, auch das Bistum hatte zwei verschiedene Verwaltungseinheiten, aber es blieb ein Bistum mit einem Bischof.

Die Messen in der Unterkirche

Schwippert war ein Freund der Liturgischen Bewegung und „experimentierte“ in Berlin. Sein Entwurf war zur damaligen Zeit genial, fand aber keine Nachahmung. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) beschloss während der Aufbauphase viele liturgische Gestaltungsvorschriften, die Schwippert nicht mehr umsetzen konnte. So blieb Hedwig im Grunde vorkonziliar: Demzufolge nämlich soll sich die Gemeinde um den Altar versammeln. Das aber geht wegen der Öffnung in der Mitte nicht. Es soll nicht mehr nur einen Tisch des Brotes geben, also einen Altar, sondern auch einen Tisch des Wortes, von dem aus die Predigt gehalten wird. Zu diesem Zweck gibt es in Hedwig aber nur ein Pult. An Wochentagen werden die Messen in der Unterkirche gefeiert. Da steht der Zelebrant notgedrungen mit dem Rücken zur Gemeinde. So sieht es der Altar vor.

Wenn das „Loch“ geschlossen wird, dann kann auch die Gemeinde geschlossen vor oder um dem Altar stehen. Und noch weitere Änderungen könnten anstehen. Bislang waren die Beichtstühle in zwei der Kapellen der Unterkirche. Doch die meisten Gläubigen ziehen heute das offene Gespräch vor. Auch die Taufkapelle ist klein und versteckt. In früheren Zeiten wurde die Distanz des noch ungetauften zum Altarraum für wichtiger gehalten. Heute werden aber Taufen längst in größerem Familienkreis gefeiert oder oft auch während der Messen. Da ist ein zu weit entferntes Taufbecken schlicht nicht mehr zeitgemäß. Mit Kardinal Woelki beginnt für das Erzbistum Berlin eine neue Zeit. Das wird sich bald auch in der Kathedrale zeigen.