Immer pünktlich um acht Uhr begann die Vorlesungsreihe „Einführung in die Erziehungswissenschaft“. Eher ungern erinnert sich Jenny Pötzsche, 26, daran, wie sie in ihrem ersten Wintersemester jeden Donnerstag im Morgengrauen Richtung Dahlem aufbrach, um die Veranstaltung von Prof. Gerhard de Haan zu verfolgen.
Für neue Studenten gestaltet sich der Studienstart ab sofort deutlich entspannter. Erstmals bietet die Freie Universität (FU) eine Vorlesung als videobasiertes Online-Format an. An einem Ort ihrer Wahl und zu einem beliebigen Zeitpunkt können sich rund 600 Lehramtsstudierende und angehende Erziehungswissenschaftler einen digitalen Hörsaal einrichten – einzige Voraussetzung ist ein Internetzugang. „Das ist ein Riesenvorteil. Die Vorlesung war immer so voll, dass es schwer war, überhaupt einen Platz zu finden“, sagt die Studentin Jenny Pötzsche.
Auch das Zusatzmaterial auf der Online-Plattform findet sie „sehr hilfreich“. Denn neben den 14 Lehrvideos gibt es dort Übungen, Präsentationsfolien, Literaturtipps und weiterführende Links. So können sich die Studenten besser in Themen wie Sozialisation, Erziehung, Bildung und Lernen einarbeiten und durch Kontrollfragen überprüfen, ob sie fit für die Abschlussklausur sind.
FU-Professor hofft auf bessere Klausurergebnisse
Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler mit dem Spezialgebiet Zukunftsforschung, setzt auch wegen solcher Zusatzangebote darauf, „dass die Erfolgsquote bei der Klausur steigen wird.“ Sein Institut Futur hat das didaktische Konzept des neuen interaktiven Studienangebotes zusammen mit dem Center für Digitale System (CeDiS) von Prof. Nicolas Apostolopoulos entwickelt – und dabei von Anfang an auch Studierende in die inhaltliche und technische Arbeit einbezogen.
Eine von ihnen ist Anne-Kathrin Horn, 26: „Wenn die Studenten das Material richtig nutzen, dann sind sie sehr gut auf die Klausur vorbereitet.“ Jenny Pötzsche ergänzt: „Das nimmt einem viel Arbeit ab, man lernt viel zielgerichteter.“ Die Studenten haben beispielsweise Leitfragen zu den Videos erstellt, haben an Folien mitgearbeitet und überlegt, wo sich bei der Aufzeichnung Schnitte setzen lassen. Und sie haben sich spielerische Zusatzmodule wie Puzzles ausgedacht, aber auch Selbsttests, erzählt Studentin Julia Rittner, 29. Mit den Elementen sollen verschiedene Lerntypen angesprochen werden – ein Online-Mehrwert.
Kritikern von Online-Vorlesungen, die sagen, dass auf dem digitalen Verbreitungsweg viel Atmosphäre verloren gehe, begegnet de Haan nachdenklich. Er verweist aber auf das erste positive Feedback der Studierenden. De Haan war es zudem wichtig, die Vorlesung nicht in einer Studio-Umgebung abzufilmen, sondern im Hörsaal – so wie sie im vergangenen Wintersemester stattgefunden hat: „Auch wenn ich jetzt nicht mehr persönlich vor meinen Studierenden stehe, möchte ich, dass sie die Interaktion, wie sie im Hörsaal stattfinden könnte, erleben. Das steigert die Motivation, am Ball zu bleiben.“
FU-Mitarbeiter beantworten Fragen im Internet
Zu persönlichen Kontakten zwischen Lehrenden und Lernenden kommt es bei großen Vorlesungen ohnehin kaum. Online gibt es immerhin Forumsangebote in einer geschützten Umgebung: Studentische Mitarbeiter beantworten Fragen zur Vorlesung innerhalb von zwei Tagen per Mail. Auch der Professor steht einmal pro Woche online für Fragen bereit, dazu gibt es die reguläre Sprechstunde. Außerdem wird das Online-Angebot durch drei Präsenzveranstaltungen ergänzt, bei denen es um die Klausur geht.
Nicht Zeitersparnis ist das Ziel der Online-Vorlesung, sondern eine Verbesserung der Lehrqualität, betont de Haan. Das sagt auch CeDiS-Leiter Apostolopoulos: „Die Studierenden können das Lernen flexibel gestalten, sich die Lehrvideos jederzeit anschauen – so lassen sich berufliche Tätigkeiten oder familiäre Verpflichtungen optimal mit dem Studium verbinden.“ Schließlich gibt es zahlreiche Studierende mit Kindern. Beide Varianten parallel laufen zu lassen, also die reale und die virtuelle Vorlesung, war für de Haan keine Option: „Wenn wir wissen wollen, ob das Online-Format funktioniert, müssen wir es so machen.“
Die Vorteile des E-Leraning-Konzepts
Bei aller Begeisterung für das videobasierte Angebot – eine rein virtuelle Uni können sich die Beteiligten nicht vorstellen. „Bei Seminaren finde ich den Kontakt zu den Kommilitonen wichtig“, meint Anne-Kathrin Horn, ihre Studienkolleginnen nicken. Bei Massenveranstaltungen überwiegen aber aus Sicht der Studierenden die Vorteile der Online-Alternative. „Bei der Einführung in die Erziehungswissenschaft saßen wir im Hörsaal und konnten aufgrund der Bedingungen oft nur halbherzig zuhören. Dann haben wir uns anhand der Notizen und Folien auf die Klausur vorbereitet. Da bietet das E-Learning-Konzept wesentlich mehr“, sagt Julia Rittner.
Das neue Angebot steht erst einmal nur FU-Studierenden offen, ebenso wie rund 3400 Online-Kurse, die über eine Lernplattform abrufbar sind. Über offene Angebote für andere Interessenten, so genannte „Massive Open Online Courses“ (Moocs), wie sie amerikanische Universitäten, aber etwa auch die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität anbieten, wird auch an der FU nachgedacht. Ob Moocs aufgenommen werden könnten, werde geprüft, sagt Prof. Michael Bongardt, Vize-Präsident für Lehre an der FU.





