Mit großen braunen Augen schaut Alperen auf die bunten Bälle und robbt sich dann zu ihnen heran. Neriman Bayrakdar schaut fasziniert auf ihren neun Monate alten Sohn: „Wenn er unter anderen Kindern ist, fühlt er sich total wohl und schaut sich ganz viel ab.“ Die 28 Jahre alte Mutter ist an diesem Morgen zum ersten Mal in der Gruppe „Griffbereit“, die sich jeden Donnerstag im Familienzentrum Mehringdamm trifft.
Seit drei Jahren gibt es die Gruppe, in der Eltern Anregungen zur Förderung ihrer Kinder bekommen und sich austauschen können. Zwischen ein und drei Jahren sind die meisten Kinder, der kleine Alperen ist hier der jüngste. Aber für Erna Spitzer ist das kein Problem. Sie ist eine der beiden Elternbegleiterinnen, die die Gruppe betreuen.
Eltern früh für die Förderung der Kinder sensibilisieren
„Bildung kann gar nicht früh genug anfangen, auf jeden Fall schon vor der Schule, auch schon vor der Kita“, sagt sie. Und ihre türkische Kollegin Semsiban Ünver ergänzt: „Wenn die Kinder schon früh mit anderen Kindern zusammenkommen und in ihrem Sozialverhalten gefördert werden, fällt ihnen später die Eingewöhnung in die Kita viel leichter.“
Im vergangenen Jahr haben Erna Spitzer und Semsiban Ünver eine Ausbildung zur Elternbegleiterin absolviert. Hinter der Ausbildung steht das Programm „Elternchance ist Kinderchance“, das vor zwei Jahren vom Bundesfamilienministerium ins Leben gerufen wurde.
Ziel des Programms ist es, vor allem Familien, die in ihren Bildungsmöglichkeiten benachteiligt sind, zu unterstützen, um Eltern früh für die Förderung ihrer Kinder zu sensibilisieren und sie auf mögliche Defizite hinzuweisen. Bundesweit wurden bislang etwa 2000 Erzieher, Sozialpädagogen und Psychologen zu Elternbegleitern ausgebildet. Es sind vor allem Fachkräfte, die in Kitas und Familienzentren arbeiten, und die für Eltern Vertrauenspersonen sein sollen.
Sechs Modellstandorte in Berlin
Die Elternbegleiter, deren Weiterbildung vom Bundesfamilienministerium finanziert wurde, arbeiten bundesweit in etwa 100 Einrichtungen, die zu Modellstandorten „Elternbegleitung plus“ ausgebaut wurden. In Berlin gibt es inzwischen sechs Standorte, einer davon ist das Familienzentrum Mehringdamm.
„Die Förderung von Kindern noch vor der Kita hat auch schon vorher unsere Arbeit geprägt“, sagt Gertrud Möller-Frommann, die seit 2007 das Familienzentrum leitet, aber jetzt hat sie mehr finanzielle Mittel, die entsprechende Eltern-Kind-Gruppen zu finanzieren. Für die Eltern ist der Besuch nämlich kostenlos. Wie wichtig es ist, in Bildungsfragen die Eltern mit ins Boot zu holen, weiß sie aus jahrelanger Erfahrung: „Ohne die Zusammenarbeit mit den Eltern verpufft jede Förderung.“
Zum Angebot im Familienzentrum Mehringdamm gehört die Eltern-Kind-Gruppe „Zusammen aufwachsen“ in der nahegelegenen Kita „Sonnenschein“ der Arbeiterwohlfahrt. Sie richtet sich vor allem an Eltern, die bereits Kinder in der Kita haben und nun die kleineren Geschwister auf das Kitaleben vorbereiten oder die noch auf einen Kitaplatz warten.
Zum einen schult Elternbegleiterin Zarife Yildiz den Blick der Eltern für die Fähigkeiten ihrer Kinder, zum anderen bekommt sie so auch einen leichteren Zugang zu den Eltern. Oft sei dies nämlich für die Erzieherinnen schwierig: Aufgrund sprachlicher Hemmungen oder schlechter Erfahrungen würden sich viele Eltern mit Migrationshintergrund zurückziehen.
Gesprochen wird auf deutsch und türkisch
Die Gruppe „Griffbereit“ hat ein ähnliches Ziel. Zwei Stunden treffen sich die Eltern am Donnerstagmorgen im Familienzentrum. Genaugenommen sind es Mütter, nur einmal, erinnert sich Elternbegleiterin Erna Spitzer, sei ein Mann dabei gewesen, aber der habe sich hier als Exot gefühlt, und die Frauen, überwiegend Migrantinnen, habe seine Anwesenheit verunsichert. „Griffbereit“ ist eine zweisprachige Gruppe, gesungen und gesprochen wird auf deutsch und türkisch.
Zunächst wird für die Kinder in einem hellen Raum auf weichen Matten eine Spiele- und Kletterlandschaft aufgebaut, die sie entdecken können. Danach gibt es im angrenzenden Familiencafé ein gemeinsames Frühstück, bei dem die Mütter sich kennenlernen und austauschen können. „Sie haben viele Fragen“, weiß Semsiban Ünver – zur Entwicklung, zur Erziehung, zur Ernährung, zum Einstieg in die Kita. Die beiden Elternbegleiterinnen beobachten bei vielen Müttern ein großes Interesse an ihren Kindern, aber auch Unsicherheit. „Manche leben recht isoliert in ihrer Familie, da fehlt einfach der Austausch“, erklärt Erna Spitzer.
Und noch etwas sagt sie: „In vielen Familien wird viel zu wenig gesprochen“. Es sei nicht wichtig, dass die Eltern mit ihren Kindern Deutsch sprechen, wenn das nicht die Muttersprache ist, aber sprechen überhaupt, das sollten sie schon. Erna Spitzer erklärt den Müttern, dass es viel besser sei, auch schon ganz kleinen Kindern Erklärungen zu geben, wieso sie etwas vielleicht nicht dürfen, statt ihnen nur ein kategorisches Nein entgegenzubringen.
Elternbegleitung soll weitergehen
Erna Spitzer lässt gerade einen Ball durch ein langes Teppichrohr kullern. Am anderen Ende klatscht Kaan begeistert in die Hände, als der Ball wieder herausrollt. Die Hauptaufgabe der Mütter dabei: Sich Ideen zu holen, was sie mit ihren Kindern machen können und sie einfach mal in Ruhe zu beobachten, um ihre Stärken und Interessen zu entdecken. Auch Neriman Bayrakdar lässt sich ganz auf die Beobachtung ein und entdeckt an ihrem kleinen Sohn ganz neue Fähigkeiten im Umgang mit dem Ball. Obwohl sie in Halensee wohnt, überlegt sie nun jeden Donnerstag einen kleinen Ausflug nach Kreuzberg in Familienzentrum zu machen.
Die Mütter aus der Gruppe nehmen nach der Spielstunden viele Anregungen für ihre Kinder mit nach Hause und sie machen positive Erfahrungen im Umgang mit den Elternbegleiterinnen. „Und die Kinder, die vorher die Gruppe ,Griffbereit‘ besucht haben, fällt die Eingewöhnung in die Kita später leichter“, sagt Semsiban Ünver. Aber mit der Kita soll der Kontakt zu den Eltern nicht abreißen.
Die Elternbegleitung, so der Wunsch von Gertrud Möller-Frommann soll auch dann weitergehen. Geplant ist im Familienzentrum für das kommenden Jahr eine neue Gruppe, die Eltern beim Übergang von der Kita in die Schule begleiten. Denn die Sozialpädagogin weiß: Es sind nicht die großen Sprünge, die Integration und Bildung voranbringen, sondern die kleinen Schritte im Alltag.





