Erziehung

Sprachdefizit bei Kindern - Ärzte kritisieren Berliner Kitas

20 Prozent der unter Sechsjährigen haben Probleme bei Sprache, Motorik und Sozialverhalten. Mediziner fordern eine bessere frühkindliche Förderung in kleineren Kita-Gruppen und Familienzentren.

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Deutschlands Kinderärzte fordern eine deutliche Verbesserung der frühkindlichen Förderung. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, warnt: „Etwa 20 Prozent der deutschen Kinder unter sechs Jahren haben gravierende Sprachdefizite.“ Hinzu kämen Mängel der allgemeinen kognitiven Entwicklung.

Das Sozialverhalten dieser Kinder sei problematisch, viele seien fehlernährt, ihre Motorik vollkommen unterentwickelt. An dieser Misere habe sich in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert, kritisiert Hartmann. Im Alter zwischen ein und drei Jahren würden die entscheidenden Weichen gestellt. Mit medizinischen Mitteln sei dem aber nicht beizukommen. „Der größte Teil der betroffenen Kinder wird zu Hause nicht ausreichend gefördert. Wir brauchen deshalb gut vernetzte pädagogische und heilpädagogische Angebote sowie Fachleute, die die Familien vor Ort unterstützen.“

Die Ärzte kritisieren, dass viele Kindertageseinrichtungen nicht in der Lage sind, die unzureichende Förderung der Kinder innerhalb der Familie auszugleichen. Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sagt, dass höchstens zehn Prozent der Kitas den Qualitätsanforderungen entsprechen. Das träfe auch auf Berlin zu.

Vorlesen, Nacherzählen oder Singen kommt zu kurz

So zeige etwa die jüngste Sprachstandserhebung bei den Vierjährigen, dass jedes sechste Kind Defizite hat, größtenteils trotz jahrelangen Kita-Besuchs. Dabei müssten vor allem Kinder nicht deutscher Herkunft, aber auch solche aus bildungsfernen Familien so früh wie möglich gefördert werden.

„Doch die Ausbildung der Erzieher lässt zu wünschen übrig, die Kita-Gruppen sind zu groß.“ Viel zu wenig werde mit den Kindern gesprochen. Auch das Vorlesen, Nacherzählen oder Singen – für den Spracherwerb von großer Bedeutung – käme zu kurz.

Fegeler fordert die Politiker auf, endlich zu handeln. Kinderärzte würden die genannten Defizite zwar feststellen, aber nicht wissen, wohin sie die Kinder überweisen sollen, sagt er. In ihrer Not würden die Ärzte Ergotherapie oder logopädische Behandlungen verschreiben. Gegenwärtig befänden sich beispielsweise 25 Prozent der fünf bis sechsjährigen Jungen in Ergotherapie. Bei den gleichaltrigen Mädchen seien es 20 Prozent. Tendenz steigend. „Medizinisch gerechtfertigt sind aber höchstens fünf Prozent dieser Behandlungen“, so Fegeler.

Laut Fegeler führt die fehlende Frühförderung dazu, dass deutschlandweit jährlich 70.000 bis 80.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. „Die anfänglichen Defizite können in der Schule nicht mehr ausgeglichen werden“, sagt er. Die Kinderärzte fordern eine Qualitätsoffensive an den Kitas sowie die flächendeckende Einrichtung von Familienzentren, in denen Pädagogen, Sozialarbeiter und Ärzte arbeiten.