Nach Sperrung

Nicht alle Berliner freuen sich über Pendelende auf der U6

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T. Fülling und A. Gandzior

Foto: Sergej Glanze; Gandzior / Glanze

Für Fahrgäste hat das Umsteigen und Laufen ein Ende. Sie sind froh, dass die Berliner U6 wieder durchgängig zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf verkehrt. Andere sind weniger begeistert.

„Dieses freudige Ereignis konnten wir uns nicht entgehen lassen“, sagen Barbara und Jürgen Senst wenige Minuten nach 7 Uhr am Sonntagmorgen. „Wir mussten unbedingt mit der ersten U-Bahn nach der Streckeneröffnung fahren. Das ist für uns ein kleines persönliches Fest.“

Seit diesen Sonntag wird die Linie U6 nach fast eineinhalb Jahren Sperrung wieder durchgängig zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf befahren. Das Pendeln und Umsteigen zwischen „Hallesches Tor“ und „Französische Straße“ sowie „Schwartzkopffstraße“ und „Friedrichstraße“ haben nun ein Ende.

Das Ehepaar Senst wohnt nahe Bahnhof Hallesches Tor. Mindest dreimal in der Woche mussten sie zum S- und U-Bahnhof Friedrichstraße. „Wir sind ab heute je nach Tageszeit zwischen 15 und 20 Minuten schneller an der Friedrichstraße“, sagen sie. Man sei extra früh aufgestanden, wollte aber gleich im Anschluss an die U-Bahnfahrt sich noch einmal Zuhause ins Bett legen.

Erster Zug fuhr pünktlich

Pünktlich um 6.56 Uhr ist der erste Zug am Halleschen Tor abgefahren, hatte den neu gebauten Abschnitt zwischen Französischer Straße und Friedrichstraße passiert und ist planmäßig gegen 7.02 Uhr im Bahnhof Friedrichstraße eingefahren. Ungefähr 16 Monate lang mussten die Fahrgäste an der Station Französische Straße aussteigen und die ungefähr 500 Meter über die Kreuzung Unter den Linden und Friedrichstraße zu Fuß zurücklegen.

„Mein Chef wird sich wundern, dass ich heute viel zu früh auf Arbeit bin“, sagt Janina K. Sie habe nicht gewusst, dass die U-Bahn ab Sonntag wieder durchfahren würde und sich dem entsprechend früher auf den Weg gemacht. „Kann ja nichts schaden, dann habe ich einmal Verspäten gut.“

Wenige Stunden später rollen und rattern die Züge durch den Untergrund, als hätte es nie eine Sperrung gegeben. BVG-Mitarbeiterinnen verteilen Schokoladenherzen. Das Unternehmen bedankt sich für die Geduld bei seinen Fahrgästen. „Es ist eine wirkliche Zeitersparnis, dass die Züge wieder durchfahren“, sagen Karolina und Christoph Czarnota aus Reinickendorf. „Der Fußweg entlang der Baustelle in Mitte hat zum Teil bis zu 20 Minuten gedauert.“ Mitarbeiter entfernen Hinweisschilder und Infotafeln, die den Fußweg zwischen den Bahnhöfen und den Pendelverkehr erklärten.

Grund für die Unterbrechung waren Bauarbeiten für den künftigen Umsteigebahnhof „Unter den Linden“, wo sich die Linien 6 und 5 künftig kreuzen. Täglich werden bis zu 155.000 Fahrgäste erwartet. 2019 soll alles fertig sein.

Friedrichstraße soll im Dezember wieder geöffnet werden

Bereits Anfang Dezember – und damit Monate früher als bisher angekündigt – sollen Autos immerhin wieder entlang der Friedrichstraße die Straße Unter den Linden queren können. Das bestätigt die Sprecherin von Verkehrssenator Michael Müller (SPD), Daniela Augenstein.

Die Baustelle bleibe zwar erhalten, der unmittelbare Kreuzungsbereich mit dem Boulevard werde aber zumindest auf einer Spur freigeräumt, so Augenstein. Damit wird eine entscheidende Blockade für den Nord-Süd-Verkehr in der Berliner Mitte aufgelöst. Seit eineinhalb Jahren ist die Friedrichstraße an diesem Knotenpunkt Sackgasse.

Während sich die Pendler freuen, sind die Einzelhändler an der Friedrichstraße weniger begeistert über das Ende der U-Bahn-Unterbrechung. Nach Angaben eines BVG-Sprechers hätten einige Geschäftsleute den Wunsch geäußert, die Baustelle über die Weihnachtszeit bestehen zu lassen.

„Jetzt fällt es mir auch auf, dass so wenig Leute unterwegs sind“, sagt die Verkäuferin eines Souvenirladens und schaut auf die große Kreuzung Friedrichstraße Unter den Linden. „Ich habe die Menschenmassen heute schon vermisst. Ich habe gedacht, es ist so wenig los, weil Sonntag ist.“

Die junge Frau hatte überhaupt nicht an die Freigabe der Strecke gedacht. „In den vergangenen eineinhalb Jahren lag unser Laden direkt an der Laufstrecke. Einen halben Meter nach rechts und die Leute wären durch unseren Laden gelaufen.“ Im Bahnhof Französische Straße sitzt ein junger Mann in seinem Zeitungskiosk. Er nickt zustimmend auf die Frage, ob er jetzt deutlich weniger Kunden habe.

Ab Freitag Sperrungen bei der S-Bahn

Die Verschnaufpause für Fahrgäste wird nur kurz ausfallen. Bereits am kommenden Freitagabend (22. November 2013) wird die S-Bahn den Nordsüd-Tunnel für 16 Tage komplett sperren. Bis zum 9. Dezember 2013, 1.30 Uhr, werden auf 7,5 Kilometer Länge verschlissene Schienen sowie eine defekte Weiche ausgetauscht. Auch eine Dauer-Signalstörung soll behoben werden.

In dieser Zeit wird der Zugverkehr auf den Linien S1 (Oranienburg–Potsdam) und S2 (Bernau–Blankenfelde) zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof unterbrochen. Die S25 (Hennigsdorf–Teltow) fährt im Süden nur zwischen Teltow und Südkreuz, im Norden nur bis Gesundbrunnen und dann weiter als S45 über den Ostring in Richtung Flughafen Schönefeld. Gleichzeitig wird am 22. November die aktuelle baubedingte Unterbrechung der S25 zwischen Schönholz und Tegel beendet sein. Betroffen von den Einschränkungen sind rund 80.000 Fahrgäste, die die wichtigen Nord-Süd-Linien im Innenstadtbereich nutzen. Die Bahn empfiehlt, den gesperrten Streckenabschnitt mit der Ringbahn oder den U-Bahn-Linien U6 und U8 zum umfahren. Um die Zwischenstationen zu erreichen, richtet die S-Bahn zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof zudem einen Ersatzverkehr mit Bussen ein, der allerdings erheblich mehr Zeit benötigen wird.

Die Sperrung des Nordsüd-Tunnels ist laut Deutscher Bahn dringend notwendig, weil 15.000 Meter abgenutzte Schienen komplett ausgetauscht werden müssen. Ein Pendelverkehr ist während der Bauarbeiten aus Sicherheitsgründen nicht möglich. „Dafür ist der Platz im Tunnel zu eng“, sagt Projektleiterin Gabriele Neumann von der zuständigen Bahntochter DB Netz. Das zweite Gleis wird zudem gebraucht, um per Zug Material zur Baustelle zu bringen.

Bei der U-Bahn-Linie 6 sind die Arbeiten ebenfalls noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Zugsicherungstechnik für den neuen Kreuzungsbahnhof muss noch installiert und angeschlossen werden. Voraussichtlich im Frühjahr 2014 wird es für mindestens zwei Wochen erneut Pendelverkehr auf der U6 geben.