3. Israelkongress

Ein deutsch-israelisches Labor im Berliner Congress Center

Bei dem Kongress versuchen 3000 Menschen aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft in Berlin, die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel zu vertiefen. Wir stellen Menschen, die etwas bewegen, vor.

Foto: (5) / Reto Klar

Der Andrang ist groß vor den Türen zum Berliner Congress Center (BCC) am Alexanderplatz. 3000 Menschen werden zum dritten Deutschen Israelkongress erwartet, sie alle müssen durch den Sicherheitscheck am Eingang. Einmal drin, tauchen Deutsche und Israelis in ein Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch und Hebräisch. Viele junge Leute sind gekommen, Politiker, Prominente, Künstler und Computer-Experten. Entspannt pendeln sie zwischen den Infotischen zu den Themen Wissenschaft, Politik und Tourismus. Deutschland und Israel, das ist eine komplizierte Beziehung. Aber sie ist vor allem eines – eine Freundschaft.

Diese besondere Beziehung ist geprägt vom Austausch auf wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Ebene. Ein Austausch, der nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von einer jungen, dynamischen Generation in Israel und Deutschland gestaltet wird. „Connecting for Tomorrow“, so das Motto des Kongresses. Zwei Staaten und ihre Bewohner für die Zukunft verbinden. Wir stellen einige vor:

Die Direktorin

Melody Sucharewicz ist schwer zu fassen an diesem Morgen, sie bereitet sich auf die Eröffnung vor, empfängt VIP-Gäste, plaudert mit Schirmherrin Friede Springer. Immer lächelnd und voller Energie. Dass sie im siebten Monat schwanger ist, kann die 33-Jährige nicht aufhalten. Sie hat den Israelkongress zu einem Thinktank für die deutsch-israelischen Beziehungen und zu einer Kontaktbörse gemacht. Nachdem sie 2011 den zweiten Kongress moderiert hatte, erhielt sie den Auftrag, die diesjährige Veranstaltung als Direktorin inhaltlich und fachlich neu zu strukturieren und Partner zu organisieren. Sie verlegte den Veranstaltungsort von Frankfurt in die Hauptstadt Berlin und gliederte die Arbeit in Themenbereiche, sogenannte „Labs“. Labore also, in denen Fachleute und Macher die mögliche Zusammenarbeit in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Religion diskutieren, Kooperationen entwickeln und Kontakte knüpfen können. Die Resonanz ist groß. Unter den Gästen und Unterstützern aus Israel, Deutschland und den USA sind Yakov Hadas-Handelsman, der israelische Botschafter, sein Vorgänger Avi Primor sowie der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Israels Staats- und Regierungschefs Schimon Peres und Benjamin Netanjahu schicken Grußworte.

„Wir konnten Hemmschwellen bei vielen Interessenten abbauen“, sagt Sucharewicz. So konnten neben großen Firmen auch parteiübergreifend die politischen Stiftungen als Unterstützer gewonnen werden. Die Tochter osteuropäischer Juden wuchs in München auf, zog nach dem Abitur nach Tel Aviv, um dort zu bleiben. Nach einem Studium und einem MBA arbeitet sie heute als Kommunikations- und Strategieberaterin und setzt sich mit Veranstaltungen und Moderationen für das deutsch-israelische Verständnis ein. „Israel wird in der Wahrnehmung vieler Deutscher oft auf den Holocaust und den Palästinenserkonflikt reduziert“, sagt Sucharewicz. „Wir spüren in Deutschland deshalb oft Ressentiments, darum ist es wichtig, sich kennenzulernen.“ Es gehe hier um gemeinsame Werte und Interessen. „Dass wir uns mit unseren Fähigkeiten sehr gut ergänzen können, wissen viele nicht. Der andauernde Flirt zwischen Tel Aviv und Berlin, ist nur ein Beispiel für das große Potenzial.“ Der dunkle Teil der Geschichte spiele bei der jungen Generation nur bei den ersten Gesprächen eine Rolle, „das ist wichtig, aber danach geht es unbeschwert weiter“.

Der Veranstalter

Als Sacha Stawski nach langjährigen Auslandsaufenthalten und seinem Wirtschaftsstudium in Boston und Chicago in seine Geburtsstadt Frankfurt am Main zurückkehrte, fühlte er sich unwohl. „Ständig wurde ich genötigt, als Jude die Politik Israels zu rechtfertigen“, erzählt der 43-jährige Vater von drei Kindern. „Ich habe mich dann entschieden, nicht darüber zu jammern, sondern zu handeln.“ Stawski gründete den Verein „Honestly concerned“, der sich für faire Medienberichte über Israel und gegen Antisemitismus einsetzt. Seit 2009 ist er zudem Vorsitzender des Vereins ILI (I love Israel), der unter anderem einen jährlichen Israeltag in 65 Städten organisiert und seit 2008 den Deutschen Israelkongress veranstaltet, der künftig alle zwei Jahre stattfinden soll. „Obwohl ich selbst kaum Familie in Israel habe, fühle ich mich dem Land verbunden“, sagt er. „Ich suche Wege, eine breitere Öffentlichkeit durch Austausch zu schaffen, will helfen, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und Missverständnisse beseitigen. Bei unserem Kongress geht es eindeutig um die Zukunft unserer Beziehung, denn der bisherige direkte Bezug stirbt mit den Holocaust-Überlebenden. Natürlich haben wir aus der Vergangenheit eine Verantwortung, aber es geht darum, wie es auch damit in den zukünftigen Generationen weitergeht.“ Gerade im wirtschaftlich und im kulturellen Bereich sei das Interesse sehr groß. Nicht von ungefähr sei ein Schwerpunkt des Kongresses, bis 2015 eine Start-up-Partnerschaft zwischen Berlin und Tel Aviv zu etablieren.

Die Business-Frau

Seit Hemdat Sagi in Berlin lebt, hat sie ständig Besuch aus Israel. Dabei hat sich die Enkelin ungarisch-rumänischer Holocaust-Überlebender vor zweieinhalb Jahren eher mit gemischten Gefühlen auf das Abenteuer Berlin eingelassen. Die 34-Jährige betrachtet sich als dritte Generation ihres Landes und ist in Berlin als Repräsentantin für das israelische Wirtschaftsministerium aktiv. Als Direktorin des Israel Trade Center Berlin ist sie Türöffner für israelische Firmen, die deutsche Partner suchen, sagt die studierte Juristin. „Aber auch wenn deutsche Entwickler bei mir anklopfen, kann ich oft Kontakte herstellen.“ Sie wirkt jugendlich und ist doch Expertin. „Die große wirtschaftliche Stärke Deutschlands und der Innovationsgeist in Israel können fantastische Synergien erzeugen“, schwärmt sie. Nicht umsonst werde Israel auch „Silicon Wadi“ genannt. Deshalb will sie auch im Business-Lab mit dafür sorgen, dass die Start-up-Partnerschaft gelingt. „Ich habe Glück mit meinem Geschäftsbereich“, sagt sie. „Er repräsentiert eher die Zukunft und läuft unverkrampft und unbelastet von der Vergangenheit ab – auf beiden Seiten.“ Persönlich spüre sie, dass die Vergangenheit in Berlin überall präsent sei. „Ich konnte von hier aus auch meinen Großeltern über bürokratische Hürden helfen und erzähle ihnen vom Leben hier – auch meine Eltern haben wegen mir zum ersten Mal Deutschland besucht.“ Das zeige ihr, dass sie hier auch eine Rolle für ihre Familie hat. Ins Berliner Leben ist sie eingetaucht und genießt es mit deutschen und israelischen Freunden.

Der kulinarische Botschafter

Tom Franz ist den umgekehrten Weg gegangen. Vor zehn Jahren beschloss der Rechtsanwalt, sein Leben radikal zu verändern, und zog nach Tel Aviv. Der hochgewachsene Kölner war seit seiner Teenagerzeit von Israel fasziniert und hat nach dem Abitur ein Jahr für die Aktion Sühnezeichen dort gearbeitet. Seitdem hatte ihn Israel nicht mehr losgelassen. In Tel Aviv konvertierte er zum Judentum und gründete eine Familie. „Ich wollte mich völlig in die Gesellschaft integrieren und sie von unten herauf verstehen“, sagt der 40-Jährige. 2008 gewann der Hobbykoch zu seiner Überraschung den in Israel beliebten TV-Kochwettbewerb „Masterchef“ und fand seine neue Rolle. Er wurde zur nationalen Berühmtheit, schrieb ein Buch über die israelische Küche. Seitdem arbeitet er als Koch und hält Vorträge. „In Israel werde ich als Botschafter deutscher Küche gesehen, in Deutschland als Botschafter israelischer Kulinarik“, sagt er und lacht. Dass er am Sonntag das Culture-Lab des Kongresses eröffnen durfte, gefällt Tom Franz. „Das Essen ist ein Kanal der interkulturellen Verständigung und vertrauensbildend“, sagt er. „Essen gehört zu einer Kultur wie Musik und Kunst.“ Wenn Menschen sich treffen und kennenlernen wollen, setzen sie sich hin und essen gemeinsam.