Senatsbeschluss

Sparpläne - Berliner Schulen verlieren ihre Sozialarbeiter

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Florentine Anders und Andreas Abel

Foto: Amin Akhtar

Weil eine Million Euro im Haushalt fehlen, sollen von Januar an 20 Stellen an den Berliner Schulen gestrichen werden. Betroffen sind jene Standorte, die weniger Schüler nicht deutscher Herkunft haben.

Schulsozialarbeiter Dietmar Borck soll im Januar gehen. Noch kümmert sich der Pädagoge an der Albrecht-Haushofer-Sekundarschule in Heiligensee um Schüler im Praktikum, hilft ihnen bei Problemen mit den Eltern oder Streitereien untereinander. Der 47 Jahre alte Pädagoge vom freien Träger GJS hält Kontakt zu den Jugendämtern und vermittelt Schülern in Schwierigkeiten Hilfen. An der Schule hat er einen Raum mit Sofaecke, wo sich die Schüler aussprechen können. Das alles soll nun vorbei sein.

Im Doppelhaushalt 2014/15 reicht das eingeplante Geld nicht mehr aus, um alle 248 Stellen für Sozialarbeiter an Schulen weiter zu finanzieren. Es fehlt etwa eine Million Euro. Insgesamt 20 Stellen sollen deshalb kurzfristig gestrichen werden. Im Jahr darauf sollen weitere vier Stellen wegfallen.

Die Träger der betroffenen Sozialarbeiter haben am Mittwoch per Telefonanruf von der Senatsbildungsverwaltung erfahren, dass ab Januar Schluss mit ihrer Arbeit ist. Ausgewählt wurden jene Standorte, die weniger Schüler nicht deutscher Herkunft haben. Betroffen sind zunächst sieben Grundschulen, fünf Sekundarschulen, vier Förderschulen und zwei Oberstufenzentren in insgesamt sieben Bezirken. Weitere sollen hinzukommen.

Betroffene Schulen reagieren schockiert

Die ausgewählten Schulen reagieren schockiert auf die überraschende Nachricht. „Ich werde unseren Sozialarbeiter auf keinen Fall hergeben“, sagt Catherine Prahm, Leiterin der Haushofer-Sekundarschule. Zwar hätten an der Schule wenige Kinder einen Migrationshintergrund, dennoch würden viele aus sehr schwierigen sozialen Verhältnissen kommen. Bei der Fusion von Hauptschulen und Realschulen sei versprochen worden, dass jede Sekundarschule auch einen Sozialarbeiter bekommt. Schließlich müssten die Sekundarschulen nun auch viel mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf aufnehmen.

Die Senatsbildungsverwaltung führt die nötige Kürzung auf Streichungen von Bundesmitteln zurück, aus denen das Programm für Sozialarbeit mitfinanziert wird. Zudem würde die bevorstehende Tarifanpassung mehr Mittel verbrauchen als ursprünglich gedacht. Gesichert sei aber, dass alle Schulen, die die Kriterien der sozialpädagogischen Versorgung erfüllen, auch weiterhin im Förderprogramm bleiben, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung. Diese Kriterien sind: Mindestens 40 Prozent der Schüler müssen nicht deutscher Herkunft sein, und ebenfalls für mindestens 40 Prozent muss eine Lernmittelbefreiung vorliegen. Nun müssten die Schulen herausgenommen werden, die diesen Anforderungen nicht entsprechen.

Eine dieser Schulen auf der Streichliste soll auch die Richard-Keller-Förderschule in Hermsdorf sein. Hier werden lernbehinderte und verhaltensauffällige Kinder unterrichtet, die an der Regelschule gescheitert sind. „Die Kriterien sind mir neu. Es ist doch völliger Quatsch, bei der Verteilung der Sozialarbeiter nur nach der Quote von Migrantenkindern zu gehen“, sagt die Gesamtelternvertreterin Sabine Stütze.

Landeselternausschuss fordert Rücknahme der Kürzung

An der Schule seien Kinder aus zerrütteten Familien und aus Elternhäusern, die selbst schlechte Erfahrungen mit Schule gemacht haben. Die Sozialarbeiterin sei gerade für diese Eltern eine sehr wichtige Vertrauensperson. Zudem begleite sie die Schüler beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Gerade bei den Förderschülern könne man auf eine solche Unterstützung unmöglich verzichten. Ziel müsse es bleiben, dass alle Schulen einen Sozialarbeiter bekommen, so wie es früher auch formuliert wurde.

Der Landeselternausschuss fordert, die Kürzung zurückzunehmen. „Auf der einen Seite leistet sich Berlin zwei millionenschwere Brennpunktschulprogramme, auf der anderen Seite zerstört es mit dieser Stellenstreichung gewachsene Strukturen an Schulen, die dringend diese Hilfe brauchen“, sagt Lieselotte Stockhausen-Doering, Vorsitzende des Landeselternausschusses.

Berliner SPD hofft auf neue Bundesregierung

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband, Dachverband der freien Träger, fordert die Abgeordneten auf, die Haushaltsplanung sofort zu korrigieren und die bisherigen Standorte zu sichern. Zudem soll ein Stufenplan vereinbart werden, um alle Schulen spätestens bis 2017 mit Jugendsozialarbeit auszustatten. Die Linksfraktion im Abgeordnetenhaus verlangt vom Senat, alle Stellen für Jugendsozialarbeit finanziell abzusichern. Dies sei während der Haushaltsberatungen im Bildungsausschuss zugesichert worden, sagt die jugendpolitische Sprecherin der Fraktion, Katrin Möller.

Björn Eggert, jugendpolitischer Sprecher der SPD, sagt, Berlin hoffe, dass die neue Bundesregierung das Programm wieder aufstocke. Parallel würden die Haushaltsexperten der Fraktion prüfen, ob das fehlende Geld im Haushalt doch noch irgendwie eingeplant werden kann.