Bildung in Berlin

Warum Noten allein wenig über die Qualität einer Schule sagen

Seit Kurzem wird der Notenschnitt an Berliner Schulen veröffentlicht. Trotzdem liegt die Hauptstadt im Bildungsmonitor hinten. Schulleiter Eberhard Kreitmeyer erklärt, warum die Daten wenig aussagen.

Foto: Christian Kielmann

Welche Schule bringt die besten Abiturienten hervor? Der Notendurchschnitt der Schulabgänger ist seit Kurzem auf der Internetseite der Senatsschulverwaltung nachzulesen. Fast am Ende des Schulrankings ist das Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg-Nord gelandet. Während die Evangelische Schule Frohnau mit einem Schnitt von 1,72 ganz vorn liegt, ist das Ganztagsgymnasium im Mierendorff-Kiez mit 2,76 im hinteren Drittel zu finden. Doch diese Zahl allein sage noch nichts über die Schule aus, kritisiert Schulleiter Eberhard Kreitmeyer.

Berliner Morgenpost: Herr Kreitmeyer, die Veröffentlichung der Abiturnoten im Internet soll für mehr Transparenz sorgen. Die Gewerkschaft kritisiert die verschäfte Konkurrenz. Wie ist Ihre Einschätzung?

Eberhard Kreitmeyer: Grundsätzlich habe ich nichts gegen die Veröffentlichung von Daten. Die Schulen sollen sich mit ihren Ergebnissen darstellen können. Aber die reinen Daten sagen wenig über die Qualität des Lehrbetriebs aus.

Wie war es für Sie, Ihre Schule im unteren Drittel des Rankings wiederzufinden?

Ich fand das nicht so erstaunlich, dass das Gottfried-Keller-Gymnasium so abgeschnitten hat. Man muss immer auch die gesamte Schülerschaft betrachten. Wir haben etwa 40 Prozent Schüler nicht deutscher Herkunft und viele Kinder aus Hartz-IV-Familien.

Sind diese Kinder nicht so leistungsbereit?

Daran liegt es nicht, sie haben eine ganz andere Wegstrecke zu bewältigen als andere Kinder. Zu uns kommen weniger Kinder mit einer Gymnasialempfehlung und einem Notendurchschnitt von 2,3. Bei uns melden sich auch Kinder mit einer 3,0 an. Oft scheitern sie dann schon im Probejahr. Da es keinen Numerus clausus für das Gymnasium gibt, müssen wir alle Schüler nehmen, auch die, die es nur knapp schaffen.

Und daher dann der Notendurchschnitt?

Für diese Kinder geht es zunächst einmal gar nicht um den Notenschnitt, sondern um das gymnasiale Angebot und das Abitur. Diese Sonderbedingungen, die in unserem Einzugsbereich im Norden von Charlottenburg herrschen, müssen bei der Bewertung, Beurteilung und Platzvergabe berücksichtigt werden. Es gibt Fälle, in denen für einen Abi-Schnitt von 3,5 eine größere Leistung erbracht wird als für eine 2,5. Die reinen Zahlen können das gar nicht ausdrücken, und das macht den Vergleich mit sogenannten Eliteschulen, die im Ranking ganz oben stehen, hinfällig.

Wie sollte das Eingang in das Ranking finden?

Gymnasium ist nicht gleich Gymnasium. Es gibt auch Schulen mit 80 Prozent Schülern nicht deutscher Herkunft. Man müsste die Schulen nach der Zusammensetzung der Schülerschaft in verschiedene Gruppen aufteilen.

Und dann wäre für Sie die Einteilung in gute und schlechte Schulen in Ordnung?

Die Fragestellung ist nicht zielführend, es geht nicht um gute oder schlechte, sondern unterschiedliche Schulen. Die Abi-Durchschnittsnote spiegelt nur einen kleinen Teil von dem wider, was in zwölf beziehungsweise sechs Jahren passiert ist. Es reicht nicht aus, nur eine Note mit Kommastelle abzudrucken. Dazu muss es immer auch Informationen über die Schulkonzeption und die Schwerpunkte geben. Und dann nützt es nichts, die Schulen in einen Konkurrenzkampf zu schicken, wenn die Schulverwaltung nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stellt. Gerade zur Förderung von Schülern mit sehr unterschiedlichen sozialen Herkünften braucht man nun einmal zusätzliches Personal, doch gerade daran wird gespart. Erst bei einer gezielten Förderung hat es einen Sinn, sich in Konkurrenz zu begeben.

Das Gottfried-Keller-Gymnasium ist seit 2010 ein Ganztagsgymnasium, wie hat sich der Schulalltag verändert?

Der Schultag endet um 16 Uhr. In der Mittagszeit können die Schüler am Förderunterricht in Mathematik, Deutsch und Englisch teilnehmen. Dazu gibt es vier Mal in der Woche Studienzeiten, in denen Unterrichtsstoff vertieft wird und man auch einen Ausgleich für Herkunftsunterschiede schaffen kann.

Hat sich das schon in den Leistungen niedergeschlagen?

Es ist bereits zu spüren, dass sich das Arbeitsverhalten der Schüler ändert. Eine entscheidende Rolle spielen dabei unsere Klassenteams, in denen unsere Sozialpädagogen die wichtige Aufgabe haben, die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit zu fördern. Hier geht es nicht um Notenschnitte, sondern die Entwicklung einer Arbeitshaltung, die durch viel persönliche Gespräche und Übungen verbessert wird. Aber erst am Abiturjahrgang 2016 wird sich der Erfolg messen lassen. Dann verlässt der erste Jahrgang, der von Anfang an im Ganztagsbetrieb unterrichtet wurde, die Schule. Erst in diesem Augenblick ist es sinnvoll, Vergleiche zu ziehen. Mehr Zeit, mehr Förderung, das ist eine langfristige Geschichte.

Wird die schlechte Abi-Note einen Einfluss auf die Anmeldezahlen haben?

Die Eltern interessieren sich weniger für den Notendurchschnitt. Der ist sekundär für sie. Vielmehr wollen sie sich über das Ganztagsangebot informieren, sie wollen wissen, welche Arbeitsgemeinschaften angeboten werden, was es mit den Studienzeiten auf sich hat und wie die Persönlichkeitsentwicklung gefördert wird.

Hat sich der Ganztagsbetrieb schon auf die Anmeldezahlen ausgewirkt?

Das mit Sicherheit. Vor sechs Jahren hatten wir für unsere vier Klassen pro Jahrgang 37 Anmeldungen. Der Rest wurde durch den Bezirk mit Schülern aufgefüllt, die an ihrer Wunschschule keinen Platz bekommen haben. Seit wir den gebundenen Ganztagsbetrieb fahren, haben wir zwischen 120 und 160 eigene Anmeldungen pro Schuljahr.

Welches Profil bieten Sie an?

Unsere Schüler können Spanisch als zweite Fremdsprache lernen. Kunst und Musik bieten wir als Leistungskurse an. Sehr gut nachgefragt sind unsere Kurse in Psychologie und Philosophie. Seit diesem Schuljahr haben wir eine Profilklasse Sport für Hand- und Basketball, die, von den Landesverbänden gestützt, mit sechs Stunden Sport in der Woche eine besondere Leistungsförderung erfährt.

Mit welchem Ziel?

Wie schon gesagt, zunächst geht es um die Entwicklung der Schülerpersönlichkeiten, für die unser gymnasiales Angebot in seiner Gesamtheit auch im Ausgleich von teilweise großen sozialen Unterschieden ein attraktives Angebot darstellt. Erst auf dieser Basis macht es Sinn, über andere Notendurchschnitte zu reden. Hier ist unser Konzept tragfähig, aber letztlich nur langfristig erfolgreich, wenn das nachweislich fehlende Personal einer gebundenen Ganztagsschule von der Bildungsverwaltung gestellt wird.

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