Test in Berlin

Neues System soll Schulen vor Amokläufern schützen

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Florentine Anders

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums wird am Max-Delbrück-Gymnasium Pankow erstmals ein neues Alarmsystem unter dem Namen „Orima“ getestet. Damit soll im Notfall schneller reagiert werden.

Bei Amokläufen an Schulen sind in den vergangenen 13 Jahren in Deutschland 39 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 50 wurden verletzt. Deutschland liegt in der weltweiten Statistik nach den USA auf Platz zwei. Und Forscher gehen davon aus, dass Fälle schwerer Schulgewalt zunehmen werden.

Deshalb soll ein neues System Schulen bei einem Amoklauf künftig besser schützen. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums haben das Fraunhofer-Institut und die Tevitel AG am Max-Delbrück-Gymnasium Pankow erstmals eine neue Alarmlösung unter dem Namen „Orima“ gestestet, die es ermöglicht, im Notfall schneller zu handeln.

Seit 1999 hat es bundesweit zwölf sogenannte School Shootings gegeben. In Berlin gab es bisher noch keinen solchen Ernstfall. Doch auch in der Bundeshauptstadt muss damit gerechnet werden. Die weltweite Vernetzung der Jugendlichen sei ein Grund für die steigende Bedrohungslage, sagen Experten. Schnell lasse sich auf diese Weise eine große Öffentlichkeit herstellen, nicht zuletzt darum gehe es den Tätern.

Schwierige Bedingungen an der Testschule

Ausgesucht wurde das Pankower Gymnasium für das bundesweite Pilotprojekt, weil die Bedingungen vor Ort besonders schwierig sind. Auf dem Schulgelände gibt es vier Gebäude, drei davon haben verschiedene Alarmanlagen, ein mobiler Unterrichtscontainer hat bisher noch gar kein Alarmsignal. Um hier die Auflagen der Bildungsverwaltung zu erfüllen, müssten aufwendig Kabel verlegt werden, um alle Gebäude und Lautsprecheranlagen zu verbinden.

Das neue System funktioniert ohne Kabel, ein zentraler Rechner kann die Lautsprecher über Funk ansteuern. Doch das neue System ist mehr als eine Notfallklingel, es setzt automatisch Abläufe in Gang, um vor Ort schnellstmöglich helfen zu können. „Niemand kann einen Amoklauf ausschließen, auch wenn so etwas sehr selten vorkommt. Deshalb wollen wir sicher sein, dass in diesem Ernstfall so gut wie möglich reagiert wird“, sagt Schulleiter Gerhard König.

„Bei den vergangenen Vorfällen in Winnenden und Erfurt hat sich vor allem gezeigt, dass es an Informationen für alle Betroffenen fehlte“, sagt Jonathan Mühlbach, Forscher vom Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin. Dieses Problem habe Lehrer, Schüler und Eltern, aber auch Polizei und Feuerwehr betroffen. Zudem hätten Polizei und Feuerwehr Schwierigkeiten gehabt, sich im Gebäude zu orientieren und schnell Verletzte zu finden.

Alarmknopf setzt Informationskette in Gang

Das nun in Berlin getestete Alarmsystem dient nicht nur dazu, die Schüler und Lehrer in den Klassenräumen zu warnen, sondern setzt auch eine automatische Informationskette in Gang. „Wenn der Alarmknopf, der mit dem Rechner verbunden ist, betätigt wird, erhalten alle Mitglieder des Krisenteams der Schule, in der Lehrer und Eltern vertreten sind, automatisch eine SMS. Zudem werden ihre Smartphones zu einer Telefonkonferenz verbunden“, erklärt Dietmar Bräuer von der Berliner Firma Tevitel, die die technische Lösung entwickelt hat. Gleichzeitig gehen Meldungen über eine Gewalttat an das Schulamt im Bezirk, an Polizei, Feuerwehr, Schulpsychologie und Elternvertreter.

In diesem Moment werden auch alle in der Schule ankommenden Rufe geblockt und an eine Stelle im Schulamt umgeleitet, wo sich Angehörige informieren können. So bleibt das Netz frei für die Rettungskräfte. Sollte der Schulleiter nicht ganz sicher sein mit seiner Einschätzung der Lage, kann er auch einen kleinen Vorgang auslösen und per Knopfdruck nur die Mitglieder des Krisenteams der Schule zusammenrufen.

Sind Rettungskräfte und Polizei vor Ort, können sie mit einem interaktiven Lageplan mithilfe eines Tablets durch das Gebäude navigiert werden. „Die Nachfrage nach einem solchen Orientierungssystem kam von der Berliner Polizei selbst“, sagt Sicherheitsforscher Mühlbach. Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe des Polizeipräsidenten sollen diese interaktiven Lagepläne auch für andere Einsätze auf unbekanntem Terrain in einem weiteren Forschungsprojekt weiterentwickelt werden.

Preiswerte Lösung für ein höheres Sicherheitsgefühl

Der Praxistest am Max-Delbrück-Gymnasium war erfolgreich. Doch ob die Schule das System auch bekommen kann, ist noch fraglich. Die Kosten würden nach Angaben der zuständigen Firma etwa 40 Prozent unter denen liegen, die nötig wären, um alle Räume per Kabel miteinander zu vernetzen. „Die Eltern wünschen sich ein Sicherheitsgefühl, ohne dabei das Gebäude zu verschanzen“, sagt der Schulleiter Gerhard König.

Das möchte auch das Bezirksamt. „Eine Verkabelung nach den herkömmlichen Richtlinien würde uns bei so großen Gebäudekomplexen wie dem Max-Delbrück-Gymnasium mehrere Hunderttausend Euro kosten“, sagt Pankows Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Das Geld müsse der Bezirk aus den Sanierungsmitteln nehmen, die dringend an anderen Stellen gebraucht würden, so die Stadträtin.

Noch immer gebe es einen hohen Sanierungsstau an den Schulen im Bezirk. „Schon allein deshalb wären wir froh, wenn diese kostengünstigere Variante möglich wäre“, sagt Lioba Zürn-Kasztantowicz. Die Tests seien gut verlaufen. Ein Einsatz sei aber nur möglich, wenn die Senatsverwaltung die vorgeschriebenen Standards verändere.

Standards werden „ein wenig modifiziert“

Allein 2012 mussten die Bezirke große Summen investieren, um die Vorgaben für die Amokalarmanlagen umzusetzen. In Spandau wurden dafür beispielsweise nur in diesem einen Jahr 236.000 Euro an verschiedenen Schulen ausgegeben. An der Alfred-Wegener-Oberschule in Steglitz-Zehlendorf waren 2012 für die Alarmanlage 200.000 Euro vorgesehen. Für das System an der Schinkel-Grundschule musste der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf 180.000 Euro aus dem Sanierungsetat 2012 abzapfen.

Bei der Senatsbildungsverwaltung hält man sich indes bedeckt. Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost hieß es lediglich, es sei nicht geplant, die im Jahr 2009 in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erarbeiteten Standards zu überarbeiten, sie würden jedoch derzeit „ein wenig modifiziert“. Was genau das zu bedeuten hat, war nicht zu erfahren.