Schule

Viele Berliner Lehrer überfordert das Thema Antisemitismus

Antisemitismus bei Schülern - Schon seit einigen Jahren ist dieses Phänomen bekannt, die Sorge darüber groß. Die Berliner SPD fordert eine verpflichtende Fortbildung für Pädagogen.

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

„Du Jude“ – das ist auf Berliner Schulhöfen längst zu einem gängigen Schimpfwort geworden. Schon seit einigen Jahren ist dieses Phänomen bekannt, die Sorge darüber groß. Schließlich ist Antisemitismus einer der schlimmsten Vorwürfe, die eine Person oder eine Institution treffen kann. Das wissen auch Jugendliche, die es lieben, Grenzen auszutesten, und die in Tabubrüchen die Möglichkeit zur größtmöglichen Provokation sehen. Das gilt für Brennpunktschulen genauso wie für gutbürgerliche Gymnasien. Auch Homosexuelle oder Behinderte kennen solche Beleidigungen.

Das eigentliche Problem ist ein ganz anderes, vielschichtigeres. Denn die antisemitischen Sprüche haben es bis in den Klassenraum geschafft. Experten führen das vor allem auf zwei Gründe zurück: Der Geschichtsunterricht hat in der Vermittlung des Holocaust zu sehr und zu lange auf Betroffenheit gesetzt. „Wenn man Juden nur als Opfer darstellt, ist das historisch erstens falsch. Und außerdem: Niemand liebt die ewigen Opfer. Das erzeugt eher Abwehr“, erklärt Isabel Enzenbach vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin.

Der zweite Grund ist ein Problem, das niemand so recht offen benennen will, das aber, hört man sich bei denen um, die im Alltag mit der Thematik zu tun haben, sehr wohl existiert: Antisemitismus unter Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Oder mit türkisch-arabischem oder palästinensischem.

Das Problem beginnt bei der Begrifflichkeit und endet bei den Lehrern, die vielfach überfordert sind. „Es geht ja nicht nur ganz allgemein und theoretisch um Antisemitismus, sondern es geht auch um einen realen Konflikt“, sagt Enzenbach. Sie meint den Konflikt im Nahen Osten: „Da fehlt es den Lehrern häufig an Fachinformationen.“ Oft seien die Schüler besser informiert als ihre Lehrer, weil sie sich in einem entsprechenden familiären Umfeld befänden.

Antrag der SPD

Es müssen also neue Konzepte her – um Wissen über das Judentum über den Holocaust hinaus zu vermitteln, und auch Antisemitismus in einem aktuellen Kontext betrachten zu können. Die Berliner SPD ist einen ersten Schritt in diese Richtung gegangen. Sie beschloss auf ihrem Landesparteitag Ende Mai einen Antrag mit dem Ziel, eine verpflichtende Fortbildung für Lehrer zum Thema Antisemitismus einzuführen, auch unter Einbeziehung des Nahostkonfliktes. Nun ist es am Senat, den Antrag umzusetzen.

Michael Groys von den Jusos Charlottenburg-Wilmersdorf gehört zu den Initiatoren des Antrags. „Antisemitismus ist ein Phänomen, das nicht irgendwo in einem leeren Raum steht und auch nicht irgendwo im Antisemitismus-Bericht der Bundesregierung. Antisemitismus ist real. Ein reales Problem auf den Straßen, ein reales Problem in der Gesellschaft und leider vor allem in den Schulen“, sagt der 22-Jährige. Und deswegen geht der Antrag noch weiter, als die Forderung nach verpflichtenden Fortbildungen. Die Partei will, dass Lehrer und Pädagogen bereits im Rahmen ihrer Ausbildung lernen, angemessen mit antisemitischen Äußerungen umzugehen. Denn hier liegt eines der größten Probleme.

Das weiß auch Robert B.. Der 27-Jährige hat während seines Lehramtstudiums mehrere Praktika an Berliner Schulen gemacht. Er erlebte Lehrer, die mit den antisemitischen Äußerungen ihrer Schüler nicht umgehen konnten und die deswegen schwiegen. Und er erlebte Schüler, die davon erzählten, wie sie gern Juden erschießen würden. Es waren Schüler mit einem Migrationshintergrund. Vielleicht ein Zufall. Der allerdings kein Einzelfall ist: „Ich glaube schon, dass es ein Problem bei türkischen und arabischen Migranten ist“, sagt Robert B.. Und das sagen auch die Reaktionen der Schulen. Angefragt für ein Interview, sagten alle ab. Manche nach einer Bedenkzeit, manche sofort. Man wolle mit so etwas nicht in der Zeitung erscheinen.

Ankommen in der Nachbarschaft

Auch das Jüdische Museum Berlin weiß um das Problem. Nur der geringste Anteil der Besucher machen Sekundarschulen aus. Die Museumspädagogen führen dies auch auf einen mitunter hohen Anteil von Schülern mit türkischem und arabischen Hintergrund zurück. „Es gibt Lehrer, die Angst haben, dass sich ihre Schüler antisemitisch äußern könnten. Und das passiert auch. Nicht häufig, aber es passiert“, erzählt Diana Dressel, Leiterin der Bildungsabteilung. Viele Schulen kämen auch deshalb nicht in das Museum an der Kreuzberger Lindenstraße, weil sie befürchteten, dass die meisten Schüler sowieso nicht erscheinen. „Und tatsächlich hatten wir immer wieder Klassen, in denen die Hälfte der Schüler Entschuldigungen der Eltern mitbringt, um nicht mit ins Museum zu müssen“, so Dressel.

Das Jüdische Museum versucht, dagegen zu arbeiten. Neben den Lehrerfortbildungen, die es anbietet, die aber häufig sehr schlecht besucht sind – was dem Beschluss der SPD nur Recht geben würde – hat es beispielsweise im letzten Jahr die Patenschaft für eine Sekundarschule in Kreuzberg übernommen. „Das Museum versucht auch in seiner Kreuzberger Nachbarschaft anzukommen, wo viele Menschen mit einem türkischem oder arabischen Hintergrund leben“, sagt Diana Dressel. Es geht dem Museum zum einen darum, in die Lebenswelt der Schüler einzudringen und zu vermitteln: Judentum ist Normalität in unserer Gesellschaft und es gibt viele Gemeinsamkeiten.

Der Beschluss der SPD zielt auch auf eine moderne Vermittlung des Judentums ab. „Wir müssen den Schülern zeigen, dass das jüdische Leben in Deutschland auch vor 1933 und nach 1945 stattgefunden hat, und dass das jüdische Leben in Berlin, in Deutschland, sehr stark verwurzelt ist“, sagt Groys. Es soll nicht nur um Schuld gehen, sondern auch um Interesse. Bis zur Umsetzung des Beschlusses wird es wohl dauern, meint er. Aber es sei wichtig, den Prozess ins Rollen zu bringen.