Die Musikgruppe „Gebrüder Blattschuss“ entstand 1976 in Berlin. Gründungsmitglieder waren unter anderem Beppo Pohlmann, Jürgen von der Lippe und Hans Werner Olm. 1978 landeten die Gebrüder Blattschuss mit „Kreuzberger Nächte“ überraschend einen Hit und erlangten deutschlandweite Berühmtheit. Seit 1988 treten Beppo Pohlmann und der studierte Musiker Kalle Ricken als Duo mit eigenen Stücken auf. Am Sonnabend sind die Gebrüder Blattschuss bei einem ihrer seltenen Berlin-Auftritte im Rahmen einer Schlagerparty im Hotel Moa Berlin zu sehen.

Berliner Morgenpost: Sie wohnen seit vielen Jahren in der Nähe des Bundesplatzes. Ihr Kiez damals war aber Kreuzberg. Wie hat sich der Bezirk verändert in den letzten Jahren?

Kalle Ricken: Früher war Kreuzberg das Ende der Welt. Das war kurz vor der Mauer und heute kann man da durchfahren. Da ist natürlich jetzt eine andere Stimmung.

Beppo Pohlmann: Kreuzberg ist so richtig gutbürgerlich geworden, ich würde es als grün-konservativ bezeichnen. Als wir das letzte Mal in Kreuzberg gespielt haben, war das in der Kneipe, wo damals ,Kreuzberger Nächte’ entstanden ist. Jetzt ist da so ein Latte Macchiato...

Ricken: ... und nebenan steht ein Neubau, wo die Leute ihre Autos mit in die Wohnung nehmen können! Soviel zur Frage, ob sich Kreuzberg verändert hat.

Auch heute noch ist „Kreuzberger Nächte“ Ihr größter Hit. Wie ist der Song damals entstanden?

Pohlmann: Damals war Kalle gar nicht dabei, wir treten ja erst seit 1988 zusammen auf. Ich habe den Song geschrieben, weil man ihn immer noch singen konnte, wenn man schon fünf Bier getrunken hatte. Ins Repertoire gekommen ist er auf Umwegen.

Ricken: Auf der Schallplatte waren noch drei Minuten Platz. Und da haben sie gesagt: ,Beppo, du hast da doch ein Lied, das ist genau drei Minuten lang. Das brauchen wir.’ Es war eine Füllnummer.


Pohlmann: Im Radio haben sie dann immer diesen Song gespielt. Die Single hat sich dann schließlich in West-Berlin 20.000 Mal verkauft! Dann sollten wir in der ZDF-Hitparade auftreten. Wir wollten damals aber mit Schlager nichts zu tun haben, wir waren Studenten und hatten einen „linken“ Background. Dann haben wir unsere Freunde gefragt: ,Kann man das machen, ZDF-Hitparade?’ Und komischerweise war die Frage nicht nach irgendwelchen ideologischen Hintergründen, sondern die haben gefragt: ,Was kriegt ihr da für eine Gage?’ Wir waren damals zu dritt und sollten jeder 1000 Mark bekommen. Da haben sie gesagt: ,Ihr seid bekloppt, wenn ihr nicht hingeht!’ Und dann sind wir hingegangen, das war am 11.11.1978. Und das ging gleich los wie eine Rakete! Das Publikum hat so laut mitgeklatscht, dass ich das Playback nicht gehört habe und mich versungen habe. Ab da war es deutschlandweit ein Riesending. Auch in der DDR war „Kreuzberger Nächte“ ein Riesenhit, da wurde das auf Kassetten kopiert, da wurden die Platten rüber geschmuggelt... das habe ich alles erst später erfahren.

Haben Sie noch Kontakt zu den Bandkollegen von früher?

Pohlmann: Ich muss ab und an noch Tantiemen verteilen, für alte Aufnahmen. Es ist immer lustig, wenn es für vier Leute nur hundert Euro sind und dann überweise ich 25 Euro an Jürgen von der Lippe. Das ist ein bisschen absurd, bei dem, was der so verdient hat in den letzten Jahren... Aber es ist okay.

Seit 1988 arbeiten Sie als Duo zusammen. Wie haben Sie sich damals kennengelernt?

Ricken: Da gab es das berühmte „Go In“, das war das Folklore- und Liedermacher-Zentrum für Berlin in der Bleibtreustraße. Da hing die gesamte Akustik-Musikszene rum. Da kannte jeder jeden. Es gab jeden Abend Auftritte, jeder Künstler hatte nur zwanzig Minuten, dann war der nächste dran. Am Eingang war ein runder Tisch, da standen immer die Musiker, die gerade nicht auf der Bühne waren und haben über den geschimpft, der gerade aufgetreten ist. Und da haben wir uns kennengelernt. Und dann habe ich gesagt: ,Beppo, du hast doch so ne knarzende Stimme wie Kenny Rogers. Lass uns doch mal ne Country-Band aufmachen.’


Pohlmann: Wir haben aber keine Countryband gegründet, sondern meine Lieder gespielt. Und dann kam der Mauerfall.

Ricken: Da habe ich Beppo angerufen und gesagt: ,Im Fernsehen läuft gerade, wie die Mauer zusammengerissen wird und die Ossis rüberströmen.’

Pohlmann: Ich habe es nicht geglaubt. Ich dachte, er ist besoffen! Und dann kam plötzlich die große Nachfrage aus der ehemaligen DDR. Der erste Auftritt war bei der NARVA. Die Kantine von dem Glühbirnenwerk. Der zweite war im Kulturhaus der Eisenbahner in Jüterborg.

Ricken: Da gab es die Gage noch in Ostmark. Die habe ich verschenkt, weil ich nicht wusste, was ich damit machen sollte.

Pohlmann: Wir haben die ganze ehemalige DDR rauf und runter bereist, hatten dort über hundert Auftritte im Jahr. Das ist heute ähnlich. Komischerweise treten wir ganz wenig in Berlin auf.

Woran liegt das?

Pohlmann: ,Kreuzberger Nächte’ hatte in der DDR ein anderes Image. Es stand für die DDR-Bürger für einen Westen ohne Regeln, ohne Partei, ohne Stasi...

Ricken: Es kommt das Wort ,System’ darin vor...

Pohlmann: Das haben die auf ihr System bezogen. Dass das System krank ist. Und das haben sie für sich vereinnahmt. Das ist heute noch so, wenn wir auf einem Marktplatz in der ehemaligen DDR auftreten, dann sind da viele, die das Lied von vorne bis hinten mitsingen können. Das ist richtig drin bei denen. Das ist manchmal so, dass die Leute Tränen in den Augen haben und sagen: ,Ich habe das Lied damals gehört und jetzt seid ihr hier!’ Das ist schon berührend.


Ricken: Da hat man selbst auch schon ein Tränchen in den Augen...


Pohlmann: Das ist schon seltsam, als ,lebende Legende’ betitelt zu werden... also, wir sind ja nichts Besonderes. Ich habe einen Hit geschrieben und kann davon leben. Ich hatte halt Glück. Ich bin an der richtigen Stelle mal richtig abgebogen.

Wenn man so einen Hit geschrieben hat – hat man da für den Rest seines Lebens ausgesorgt?



Pohlmann: Ich habe ,Kreuzberger Nächte’ alleine geschrieben, Text und Musik...

Ricken: Sieht er verhungert aus?

Pohlmann: Also mir geht’s gut! Bei mir ist sicher eine Million oder noch mehr durchgeflossen, aber in 30 Jahren, das verspielt sich auch auf die Dauer. Ich hab hier mit meiner Frau eine Eigentumswohnung und das war’s.

Ricken: Komm, du hast dich vorhin massieren lassen! Das ist Luxus pur!

Werden Sie in Ihrem Kiez auf der Straße erkannt?

Pohlmann: Na ja, dass ,Kreuzberger Nächte’ ein richtiger Hit war, das ist 35 Jahre her. Ich lauf hier heutzutage normal rum und da passiert nichts, das ist in Berlin eh nicht so schlimm.

Ricken: Hier um die Ecke wohnt Marianne Rosenberg, die spricht auch keiner an.

Pohlmann: Jürgen von der Lippe hat hier eine Wohnung, der läuft hier auch ganz normal rum. Ich glaube, die Leute wissen schon, wer ich bin, aber das interessiert keinen.

Ricken: Mein Trick ist, auf der Bühne bin ich rasiert und privat bin ich unrasiert. Ich habe ja einen Bart. Wahrscheinlich macht Marianne Rosenberg das auch so.