Clubszene

Kater Holzig „macht rüber“ - auf die andere Spreeseite

Nach drei Jahren wechseln die Kater-Holzig-Betreiber noch einmal die Spreeseite, der Club zieht auf das alte Gelände der Bar 25. Noch drei Monate bleiben bis zum Schluss, es herrscht Abschiedsstimmung.

Foto: Massimo Rodari

Steffi-Lotta steht in einem Wohnwagen auf dem Gelände des Clubs „Kater Holzig“ und ruft so laut mit ihrer Steffi-Lotta-Stimme, dass es auch die Touristen auf den Spreebooten noch hören können: „Wer hat noch nicht geschossen heute?“ und „Wer will noch mal?“ Im Wohnwagen ist ein Schießstand aufgebaut und jeder darf mal. Drei Schuss, drei Euro. „Wer den wackelnden Katzenkopf ins rechte Auge trifft, bekommt eine Clubmarke!“ Steffi-Lotta hilft beim Nachladen, reicht das Luftgewehr und ein Fläschchen grüner „Zielflüssigkeit“ – sie schmeckt nach Minze. Auch egal, wenn dann alle drei Schüsse daneben gehen.

Die Clubmarke. Wer in den vergangenen drei Jahren diese kleine Plakette mit dem Katzenkopf am Schlüsselring hatte, musste nicht in der meist quälend langen Schlange vor dem „Kater Holzig“ warten. Wenn dieses begehrte Teil jetzt als Schießtrophäe weitergegeben wird, dann deutet es auf das nahende Ende hin. So, wie auch die Bar 25, der frühere Club der Kater-Betreiber rund um Juval Diezinger, Steffi-Lotta und Christoph Klenzendorf eines Tages für immer zumachte.

Abschiedsgedicht an Freunde

Tatsächlich hat gestern Steffi-Lotta ein Abschiedsgedicht an die Freunde des Clubs verschickt, in dem sie unmissverständlich das Ende des „Kater“ ankündigt. Nach drei Sommern an der Michaelkirchstraße 23 in Mitte wechseln die Betreiber wieder das Spreeufer und gehen zurück auf das alte Gelände der Bar 25. Dort soll bis zum Sommer der „Holzmarkt“ entstehen. Steffi-Lotta schreibt: „Wir machen rüber!“

Christoph Klenzendorf bestätigt den Umzug: „Ja, wir beginnen schon jetzt mit dem Abbau von einzelnen Gebäuden“, sagt er, „und versuchen diese auf der anderen Seite wieder aufzubauen.“ Die meisten Anbauten am Kater Holzig sind aus Holz. „Wir müssen das schon jetzt machen, weil im Januar sich einige Schrauben nicht mehr lösen lassen.“

Ankommende sahen immer erst den „Kiosk“

Als erstes soll die Terrasse des Restaurants umgebaut werden, dann das eigens aufgebaute Eckgebäude aus Holz, die sogenannte „Hütte“. Dann der „Kiosk“, jenes kleine Holzhäuschen am Eingang, der eine Art kleiner Zusatz-Club für alle war, die von den Türstehern abgewiesen wurden. Das passiert ja oft im Kater und es soll Abende gegeben haben, da war die Party dort besser, als im Club selbst.

Für ankommende Gäste war das zumindest das erste, was sie sehen: „Ich bin mit meinem Fahrrad an der Michaelkirchstraße entlang gefahren“, schreibt Eugene F. aus San Francisco in einem Internetforum. „Plötzlich hörte ich hinter einem Bretterzaun Bässe.“ Erst auf dem Heimweg fiel ihm auf, dass es hinter dem „Kiosk“ noch einen viel größeren Club gab. „Man kann den Ort jedem empfehlen“, schreibt er, „der einmal so feiern will, wie ein echter Berliner.“

Diskokugel in der Pappel und Wodkarutschen

Weil sich solche Empfehlungen im Internet schnell verbreiten, wurde der Club in drei Jahren so bekannt, wie es die Bar 25 war, als sie von Anfang 2004 bis Ende 2010 sieben Sommer lang für rauschende Feste an der Spree sorgte: Diskokugeln in alten Pappeln und Schaukeln und Zirkuszelte und Wodkarutschen, die zwar bei einigen Gästen zu Gedächtnislücken führten, sich aber dennoch bei vielen Berlinern und Besuchern einprägten.

Der Kater, so lässt es such Steffi-Lotta in ihrem Gedicht anklingen, konnte die hohen Nachfolge-Ansprüche nicht erfüllen. Das Projekt sei „ein Fass ohne Boden“ geworden, schreibt sie, „und plötzlich merkten wir, hier ist meistens Schatten … und alles war ganz anders.“

Tatsächlich gab es schwierige Zeiten im Kater Holzig, es gab Ärger mit den Nachbarn vom Club Lichtpark, ausgerechnet wegen Lärms. Auch das Haus war nicht nur alt und marode, sondern warf meist einen Schatten auf den Innenhof. „An manchen Stellen regnet es noch heute herein“, sagt Christoph Klenzendorf, „und in der Tat sind wir froh, wieder auf die Sonnenseite des Spreeufers zurückzukehren.“

Es ging immer um Wandel

Schließlich sei es bei den Projekten, die sein Team angefasst habe, immer um Wandel gegangen. Teile des Holz der Bar 25 findet sich im Kater wieder und es soll auch wieder im Holzmarkt verbaut werden. Das Gelände haben die Betreiber für 75 Jahre gepachtet, dort soll es im nächsten Sommer weitergehen.

„Weitergehen“ heißt, dass es weiter neu bleibt. Im Kater gab es Flirt-Partys für Menschen mit Behinderung, es gab Konfetti-Regen, der sich Tage später in wahrscheinlich ganz Europa verteilt hatte, weil das Publikum immer auch sehr international war. Es gab Holzhütten, die nur kurze Zeit standen, es gibt ein Restaurant mit gehobener Küche („Katerschmaus“) und viele Extra-Bars in immer mehr Winkeln des Hauses.

Zum 3. Oktober vor einem Jahr bauten die Kater-Betreiber gar die Berliner Mauer mit Umzugskisten wieder auf. Der Westteil war bunt und hatte Disco-Musik, der Ostteil hatte nur grauen Kunstnebel zu bieten. Die Ausreise war durch einen Tränenpalast (“Zwiebeln schneiden!“) möglich. Als nach einem Countdown ein Trabant die Mauer einriss, feierten alle gemeinsam, mit Freisekt.

Luxuswohnungen statt Party

Jetzt gibt es wieder einen Countdown. Aktuell sind es elf Wochen und vier Tage. Vielleicht wird am 1. Januar wieder Christoph Klenzendorf auf einem Podest stehen, als ob er eine Rede halten will. So hat er das beim Ende der Bar 25 im Jahr 2010 gemacht. Gesagt hat er dann als alle still waren nur einen Satz: „Danke für die schöne Zeit, Leute.“

Damals, bei der wirklich letzten Feier der Bar konnte niemand ahnen, dass sie nur die Seiten wechseln müssen. Nach dem Kater sollen in der ehemaligen Seifenfabrik Luxuswohnungen entstehen. Das Motto sei: „Ruhiges Wohnen an der Spree“. Das Motto auf der anderen Spreeseite beschreibt Steffi-Lotta in ihrem Brief: „Alle die von Freiheit träumen, sollten's Feiern nicht versäumen.“

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