Gina Buschle steht mit einem Stapel Fragebögen im Arm an der Torstraße in Berlin-Mitte. Menschen auf der Straße anzusprechen, um sich von ihnen Fragen beantworten zu lassen, ist normalerweise ein eher undankbarer Job. Die meisten habe keine Zeit oder vor allem keine Lust und machen einen großen Bogen um die Befrager.
Umso erstaunter ist Gina Buschle, wie positiv die Bewohner in Mitte auf sie reagieren. Doch das Thema ihrer Fragebögen trifft in Berlin einen Nerv: Es geht um Lärm, um Dreck und Streit – und um die Erfahrungen, die Anwohner mit Clubs in der Nachbarschaft gemacht haben.
„Die Umfrage war auf fünf Minuten angelegt, aber sie dauerte oft 20 Minuten“, sagt Gina Buschle. „Die meisten wollten uns genau ihre Geschichte erzählen.“ Und die handeln von den Anfangszeiten des „Schokoladen“, vom „Icon“ und vom „Knaack“ oder von den Pub Crawls, jenen Gruppen von Touristen, die regelmäßig durch die Bars von Mitte ziehen und meist mit großer Lautstärke auf sich aufmerksam machen. Jetzt, das fällt Gina Buschle auf, seien die Angesprochenen froh, dass sie auch einmal gehört werden.
Berlin Musicboard will Anwohner und Clubs zusammenbringen
Miteinander reden, das ist das Ziel des Projekts „Pop im Kiez“, das vom Berliner Musicboard angestoßen wurde. Mit Straßenumfragen und weiteren Konzepten soll versucht werden, eine Lösung für dieses schwierige Problem in Berlin zu finden. „Wir versuchen in unserem Projekt herauszufinden, was die Probleme zwischen Anwohnern, Clubs und Investoren sind“ sagt Initiatorin Katja Lucker vom Musicboard. „Und was wir in diesen Fällen tun können.“ Nach dem Motto: keine Gräben vertiefen, sondern Brücken bauen.
Mit dieser Idee hat sich Lucker auf die Suche nach wissenschaftlicher Unterstützung gemacht, die sie bei der Hochschule der populären Künste (HdpK) gefunden hat. Das Konzept der Wissenschaftler hatte die überzeugt: „Sie wollten nicht nur die Party-Experten befragen, sondern wirklich herausfinden, wie Menschen das wahrnehmen, wenn in ihrem Kiez viel Musik gespielt wird.“
Fast jeder Berliner Club hat mit Anwohner-Beschwerden zu tun
Es ist ein Konflikt zwischen Anwohnern und Clubbetreibern, der gerade in Berlin oft zu großen Problemen führt. Die Traditionsclubs Icon und Knaack mussten letztlich deshalb schließen, das SO36 konnte die Schließung gerade noch abwenden. Fast jeder Club, vom Duncker in Prenzlauer Berg über das Lido in Kreuzberg bis hin zu den Clubs an der Revaler Straße in Friedrichshain, hatten schon mit Anwohnern oder den Behörden zu tun.
Manchmal reicht ein Anwohner, der morgens um sieben arbeiten muss, damit ein Club regelmäßig mit den Behörden in Konflikt gerät. Die Lage ist eben schwierig in Wohnbezirken, in denen Clubs gerade schließen, wenn die ersten Kinder zum Kindergarten gebracht werden.
Hochschule der populären Künste untersucht Lärmproblematik
Ulrich Wünsch von der HdpK will diesem Konflikt nun auf den Grund gehen. Er hat einen Online-Fragebogen entworfen, der auf der Website der HdpK einsehbar ist. „Wir wollen mit wissenschaftlichen Methoden quantitative und qualitative Daten erheben“, sagt er, „und so versuchen, Lösungen für entstandene Probleme zwischen Clubs und Anwohnern zu finden.“ Er hat dafür fünf studentische Hilfskräfte und vier Mitarbeiter in das Projekt mit einbezogen, um diese Daten zu erheben – unter ihnen Gina Buschle. Zusätzlich wird Wünsch auf Kontakte im Ausland zurückgreifen. Er will sehen, wie derartige Probleme in Kopenhagen, Oslo, Rotterdam und New York gelöst werden.
Neben der Umfrage, deren Ergebnisse Mitte Dezember vorgestellt werden sollen, gibt es noch eine Gesprächsrunde mit dem Titel „Geht’s noch“, in der verschiedene Experten zum Thema Lärm in der Großstadt zu Wort kommen. So soll vor allem rechtliches und medizinisches Wissen über Lärm zusammengetragen werden. Mit der Club Commission hat das Musicboard zudem eine „Toolbox“ zusammengestellt, eine Art Hilfsanleitung für Clubbetreiber, die Probleme mit Anwohnern und Behörden haben. Darin geht es um Fragen wie: Wie rede ich mit Anwohnern? Welche Schutzmaßnahmen kann ich in den Räumen vornehmen? Was sind Rechte und Pflichten des Clubs?
Zudem soll es Ende der Woche noch einmal um die guten Seiten des Clublebens gehen – und den guten Ruf, den einst David Bowie und Iggy Pop nach Berlin brachten und der noch immer jedes Wochenende die Schlange vor dem Berghain länger werden lässt. Schließlich kommen laut Studien rund ein Drittel der Touristen allein wegen des Nachtlebens hierher. So wird im HAU in Kreuzberg am 11. und 12. Oktober alles im Zeichen des Wortes „Nachtleben“ stehen. Auf mehreren Podien will man sich dem Thema aus literarischem, politischem und historischem Blickwinkel nähern.
Der Zusammenhang zwischen Kiez und Lärm
Sicherlich werden an diesem Abend auch viele Umfrage-Zettel der HdpK ausgefüllt werden, auch wenn die eigentliche Zielgruppe der Umfrage eher jene Berliner sind, denen es lieber wäre, Berlin würde nicht so viele Musiker und Feiernde anziehen. Doch natürlich geht es auch darum, Künstler zu unterstützen und Platz für sie zu schaffen. „Diese Stadt entwickelt sich weiter“, sagt Katja Lucker, „und die Freiräume, für die Berlin einmal so bekannt war, werden immer weniger werden.“ Mit Nachbarn, die mit Lautstärke ein Problem haben, werde es also irgendwann eng für Musiker.
In Zukunft wird es deshalb auf alle Zwischentöne ankommen. Einer der ersten Punkte der Umfrage lautet darum auch: „Wenn ich das Wort ‚Kiez‘ höre, denke ich an Lärm. Bitte kreuzen Sie eine der Antwortmöglichkeiten an: Nicht, kaum, etwas und sehr.“





