Kongresszentrum

Neue Chancen für das ICC - Weniger Asbest als befürchtet

Experten haben das Kongresszentrum untersucht. Ihr Fazit: Das ICC ist „voll funktionsfähig“ und die Asbestbelastung gering. Der Bau könnte sogar bei laufendem Betrieb saniert werden.

Foto: Michael Brunner

Sobald das neue Kongresszentrum „City Cube“ auf dem Gelände der ehemaligen Deutschlandhalle öffnet, soll das Internationale Congress Centrum (ICC) schließen. Noch immer ist nicht klar, wie es mit dem von Veranstaltern weltweit jedes Jahr aufs Neue ausgezeichnete ICC dann weitergeht. Experten haben jetzt in einer Studie die Schadstoffbelastung und den Zustand des Hauses untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das ICC weiter betrieben werden kann.

„Der Bauzustand ist so gut, dass man sanieren kann, auch abschnittsweise und bei laufendem Betrieb, ohne dass Besucher gefährdet werden“, sagte Rainer Tepasse. Er ist Diplom-Ingenieur, Inhaber der Firma Degas und öffentlich bestellter Sachverständiger für Gefahrstoffe am Bau. Die Größe des Hauses erlaube eine schrittweise Sanierung und Modernisierung der technischen Anlagen. Im Innern habe die Messe Berlin „hervorragend saniert“. Das Haus sei „hochgradig sauber und durchorganisiert“.

Zusammen mit Jürgen Nottmeyer, von 1969 bis zur Eröffnung des ICC 1979 leitender Baudirektor und in der Senatsverwaltung für Bau und Wohnungswesen damals für das Gebäude verantwortlich, hat Tepasse am Freitag die Untersuchungsergebnisse dem Arbeitskreis Stadtentwicklung bei der Industrie- und Handelskammer Berlin erläutert. Demnach ist das Gebäude „voll funktionsfähig“. Weiteres Ergebnis: Die Asbestbelastung sei gering.

Erste Veranstaltung im neuen Kongresscenter im Mai 2014

Als Ersatzstoff sei Cafco verwendet worden. Dabei handele es sich um eine künstliche mineralische Faser in Bauteilen, die ebenfalls laut EU-Vorschrift bis spätestens 2023 entsorgt werden müssten. In gebundener Form, insbesondere wenn es sich um einwandfreie Oberflächen oder durch Bleche geschützte Bereiche handele, bestehe keine Gesundheitsgefahr. „Der Baustoff, der auch heute noch eingesetzt wird, nur mit etwas anderen Verbindungen und Mischungen, kann im Zuge von technischen Modernisierungen mit saniert werden“, sagte Tepasse weiter.

Bei Asbest wisse man heute, dass es in der Gefährdungsklasse 1 einzustufen sei, Cafco habe andere Faserlängen und -breiten und andere Mischungsverhältnisse bei den Baustoffen. Durch neue Verfahren sei er ab 2000 wieder zugelassen worden. Cafco müsse man auch loswerden, dieser Baustoff sei aber in der Gefährlichkeit nicht unmittelbar vergleichbar mit Asbest.

Der jetzige Zeitplan für das ICC sieht vor, dass es schließt, wenn der „City Cube“ öffnet. Die erste Veranstaltung im neuen Kongresscenter am Messedamm Ecke Jafféstraße plant die Messe Berlin am 10. Mai 2014. Dann soll der Bundeskongress des deutschen Gewerkschaftsbundes dort tagen. Die Behörden haben die Laufzeit des ICC deshalb um drei Monate bis Ende Juni 2014 verlängert. Eigentlich sollte dort schon Ende März des kommenden Jahres Schluss sein. Jetzt ist geplant, dass die Hauptversammlung des Daimler-Konzerns am 9. April die wohl vorerst letzte Großveranstaltung im ICC ist.

Nur die Technik muss erneuert werden

Die Genehmigung der Betriebsverlängerung ist für Rainer Tepasse und Jürgen Nottmeyer ein Indiz dafür, dass der Arbeits- und Gesundheitsschutz im ICC gewährleistet ist. In ihrer gutachterlichen Untersuchung und Stellungnahme schlagen sie auch vor, die Schwachstellen des Gebäudes zu beseitigen.

Nottmeyer, der den Bau zehn Jahre lang bis zur Eröffnung 1979 betreute und auch die Endabrechnungen noch machte (es kostete 994,3 Millionen Mark), lobt das Bauwerk auch 34 Jahre nach seiner Eröffnung: „Es ist auch heute noch ein Maßanzug, auch konstruktiv mit den großen Sälen und dem Bühnenbereich, der vom Messe- und Kongressgeschäft bis hin zum Festspielbetrieb alles abdeckt. Das ICC ist auch heute noch voll funktionsfähig.“ Es sei „weder kaputt noch belastet. Es ist tipp topp in Ordnung, allerdings muss die Technik erneuert werden“.

Das Land Berlin sucht unterdessen für die Sanierung des Baus einen Investor, der sich an den Kosten beteiligt. Die Schätzungen schwanken zwischen 200 und 400 Millionen Euro. Ein Beratungsunternehmen sucht im Auftrag der Senatswirtschaftsverwaltung außerdem nach wirtschaftlichen, tragfähigen Konzepten für die Nachnutzung des Baus inklusive der Finanzierung der Sanierung.

„Fassade wurde total vernachlässigt“

In der neuen Studie wurde auch aufgelistet, welche Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten an dem Gebäude anstehen. So haben die Experten festgestellt, dass zum Beispiel die Fassade total vernachlässigt wurde und auch die Skulptur „Ecbatane“ vor dem Eingang immer noch abgebaut ist. Technische Ausrüstungen müssen modernisiert und erneuert werden. Dabei könnten die nicht unbeträchtlichen Betriebskosten – sie sollen jährlich 12 bis 16 Millionen Euro betragen – fast halbiert werden. Das hatten bereits Gutachter zuvor festgestellt.

Berechnungen allerdings, nach denen die Casco- und Asbest-Rest-Sanierung im Kernbereich fünf Millionen Euro und die Spritzstoffbeseitigung an der Stahlkonstruktion 52 Millionen Euro kosten soll, bezweifelt Tepasse. Erstens seien von rund 300 sanierungsbedürftigen Stellen bereits rund 150 erledigt. Zweitens sei er fest überzeugt davon, dass diese veranschlagten Kosten halbiert werden könnten. Das habe auch das Beispiel Steglitzer Kreisel gezeigt. Dort haben sich die Sanierungskosten des Hochhauses, in dem früher das Rathaus residierte, von ursprünglich 32 Millionen Euro auf 18,5 Millionen Euro reduziert.

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