Pop

Lady Gaga stellt „Artpop“ im Berliner Berghain vor

Am Donnerstag kommt Popstar Lady Gaga nach Berlin, um ihr neues Album vorzustellen. Im Vorfeld sprach sie über ihre Operation, die Erwartungen von Außenstehenden und das einfache Glück.

Foto: Dave J Hogan / Getty Images

Im vergangenen Jahr besuchte Lady Gaga Berlin. Sie gab ein Konzert in der Stadt, und es war ein unvergesslicher Auftritt, schaffte sie es doch eine warmherzige und euphorische Stimmung zu verbreiten, die man bei dem Konzert eines sogenannten Superstars in der O2-World nicht unbedingt vermutet hätte. Am 24. Oktober wird Lady Gaga wieder Berlin besuchen, wenngleich sie nur ein kleiner Kreis sehen kann. Dann wird sie ihr neues Album „Artpop“ im Berghain vorstellen; eine Räumlichkeit, die ihr aus früheren Besuchen wohl bekannt ist.

Berliner Morgenpost: Lady Gaga, Sie sind seit Ihrer Hüftoperation mehr als sechs Monate lang nicht mehr aufgetreten. Haben Sie sich vor dem Comeback-Auftritt gefühlt wie ein Rennpferd vor dem Start?

Lady Gaga: Exakt so war meine Gefühlslage. Ich habe sehr hart trainiert, ich habe alles gemacht, was ich konnte, um wieder richtig fit zu sein und weitermachen zu können. Aber die Pause, die ich einlegen musste, war wirklich das Beste, das mir passieren konnte. Ich hatte so einfach mehr Zeit, an den neuen Songs zu arbeiten und noch sicherer zu gehen, dass ich das, was ich veröffentliche, auch wirklich liebe.

Hatten Sie Angst, dass die Verletzung Ihre Karriere beendet?

Ja, sicher hatte ich Angst. Ich hatte keine Ahnung, wie die Heilung verlaufen würde, wie lange das dauert und ob ich wieder hundertprozentig wiederhergestellt werden würde. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, ob wieder alles gut wird mit meinem Körper.

Machen Sie bestimmte Übungen, um den Körper zu pflegen?

Klar, alles Mögliche. Ich schwimme, ich mache Yoga und Pilates. Dazu kommt noch das gute alte Training im Fitnessstudio, Cardio und Gewichte. Ich bin eigentlich wie Rocky (lacht).

Hören Sie auf dem Trimmrad Ihre eigene Musik an?

Oh ja. Ich höre zu jeder Gelegenheit meine Musik.

Möchten Sie mit den neuen Songs, dem künstlerischen Video und mit Ihren Kollaborateuren aus der Kunstwelt wie Jeff Koons, Marina Abramovic oder Robert Wilson das Verständnis der Menschen für Popmusik erweitern?

Ich will die Begrenzungen verschieben. Popmusik ist derzeit sehr eng definiert, diese Definition möchte ich erweitern. Popmusik war früher – und ist auch zum Teil heute noch – grandios und einzigartig und großartig. Was ich versuche, ist diese Einzigartigkeit in die ganz aktuelle und kommerziell erfolgreiche Popmusik zu übertragen.

Popmusik ist Eskapismus, es geht um Spaß, ums Tanzen. Ist es nicht sehr gewagt, solche Künstler in diese Welt einzubauen?

Nein, denn ich möchte, dass ein Austausch stattfindet. Ein Austausch zwischen dieser Welt und jener Welt. Diesen Austausch hat es sonst immer gegeben. Aber im Moment hat „Pop“ klar die Oberhand und gewinnt. Es gibt allgemein diesen von den Medien noch zusätzlich befeuerten Eindruck, dass Popmusik von ein paar unterhaltsamen Figuren dominiert wird. Deshalb will ich die Kunst stärker ins Geschehen rücken.

In einem Kunstvideo, das Sie mit Marina Abramovic gedreht haben, laufen Sie splitternackt durch den Wald. Fiel es ihnen leicht, sich so zu zeigen?

In meinen Augen ist das keine Performance als solche, sondern viel mehr ein öffentliches Training. Marina unterrichtet mich in darstellender Kunst, und in diesem Fall lief während einer Unterrichtsstunde eben die Kamera mit.

Sie sind auf künstlerische Weise nackt in der Abramovic-Installation. Miley Cyrus ist auf künstlerische Weise quasi nackt bei den MTV-Awards.

Nein! Überhaupt nicht. Die Menschen machen sich schon seit Ewigkeiten nackt, auch und speziell in der Kunst. Die Menschen ziehen sich seit vielen Jahrhunderten in Gemälden aus, seit mehr als 2000 Jahren gibt es Kunstwerke, die nackte Menschen darstellen. In vielen Teilen der Welt ist es keine große Sache, sich seiner Kleidung zu entledigen. Was den Westen angeht, machen eigentlich nur die Vereinigten Staaten so ein Theater um dieses Thema. In den USA denkt immer jeder gleich, du wolltest ein großes Statement abgeben, wenn du dich ausziehst.

Im Song „Aura“ singen Sie die Zeile „Do you want to look what is underneath the cover”, beim Konzert haben Sie dazu einen Rollkragenpullover so hochgezogen, dass es wie eine Burka aussah. Ist „Aura“ als feministische Befreiungshymne für die unterdrückten Frauen im Islam zu verstehen?

Nein, nur eine Hymne und eine Aufforderung, zu uns zu kommen und mit uns abzuhängen. Der Song „Aura“ handelt von all den verschiedenen Dingen, mit denen wir uns umgeben und umhüllen, um das zu schützen, was unseren innersten Kern ausmacht. Ich habe sehr viele Fans im Mittleren Osten und ich habe auch Fans in Indonesien, die ich leider nicht sehen kann (ein Gaga-Konzert in Jakarta wurde 2012 wegen Sicherheitsbedenken nach Protesten religiöser Gruppen abgesagt, die Red.). Diese eine Zeile über eine Burka singe ich deshalb, weil ich alle Menschen einschließen will in meine Musik, niemand soll außen vor bleiben. Ich weiß, dass es bestimmte Leute gibt, die der Meinung sind, dass alles, was ich tue, kontrovers ist. Aber die Botschaft des Songs ist wirklich nicht kontrovers gemeint.

Wie denn?

Ich kann meine Fans in Indonesien noch nicht einmal sehen, weil es zu gefährlich für mich wäre, das Land zu betreten. Doch nur, weil sie mich nicht reinlassen, heißt es ja noch lange nicht, dass die Indonesier und ich keine Gemeinsamkeiten hätten. Mit dem Song will ich meine Anhänger in der islamischen Welt näher zu mir, zum Rest der Welt, heranführen. Ich will, dass sie sich mit mir verbunden fühlen. Warum sollte ich also nicht über ihre Mode oder ihre Kleidung sprechen? Ein gesellschaftlicher Kommentar ist es nicht. Ich sage nur „Hey, wäre schön, wenn wir jetzt zusammen sein könnten.“

In „Sex Dreams“ singen Sie „I touch myself, when I think of you“, auch „Manicure“ ist ziemlich offenherzig. Ist das ein bisschen eine neue Seite in Ihrer Musik? Der Sex?

Also, zunächst einmal denke ich nicht, dass diese Songs besonders explizit sind. Zumindest nicht, wenn du sie vergleichst mit anderen Songs, die aktuell so im Radio laufen. Ich finde, ich werde insgesamt erwachsener, und ich habe seit geraumer Zeit eine wirklich großartige Beziehung. Ich spüre durch diese Beziehung eine größere Harmonie mit mir selbst. Auch einfach mehr Glück. Tief in mir drin fühle ich mich wohler. Und ja, ich fühle mich auch endlich sexy. Viel sexier als früher. Und dieses neue Gefühl kommt in den Songtexten durch, weil ich das ja wirklich so fühle und auch darüber schreiben wollte. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob du in deiner Musik wirklich vermittelst oder nur vorgibst, dein Leben sei sexuell aufregend. Oder ob es das wirklich ist. Ich kann den Leuten gerade bei diesem Thema nichts vormachen. Und, ach, natürlich gibt es jetzt auch schon wieder Menschen, die der Ansicht sind, ich tue nur so, als sei ich sexy drauf. Aber das kann ich nicht.

Glauben Sie, Sie haben Schwierigkeiten, es den Leuten recht zu machen?

Vor Jahren wollte man von mir, dass ich sexy bin. Aber ich war nicht bereit dazu. Ich hatte Dinge erfahren und durchgemacht, die wirklich meine Seele zerstört hatten, und sexy zu sein bedeutete damals etwas anderes als heute. Sexy sein war für mich seinerzeit: Eben nicht typisch sexy sein, wenn das jetzt irgendwie Sinn ergibt. Ich wollte niemanden verführen, nicht mit meiner Musik, nicht mit meinem Körper. Dieser Gedanke ließ mich schaudern. Und jetzt? Jetzt empfinde ich endlich diese große Freiheit, was Sex angeht. Nicht, weil es mir heute Spaß macht, die Leute zu verführen, sondern weil ich erleichtert und froh bin, dass ich überhaupt in der Lage bin, auf der Bühne und in meinen Songs die Verführerin zu sein. Ich feiere in diesen Liedern die Lust, aber auch das beinhaltet nicht die große Botschaft nach dem Motto „Seht her, ich befreie den weiblichen Körper und den Sex.“ Vielmehr ist die Aussage, sich wohl zu fühlen in seinem Körper, sich zu akzeptieren, zu mögen, sich selbst zu lieben, glücklich darüber zu sein, wer man ist.