Ein junger Mann streift durch den Wald. Die Hände tief in den Taschen seiner grauen Jogginghose vergraben, sein müdes Gesicht macht sich vorsichtig mit der Umgebung vertraut. Mit dem, was nun erst einmal sein Zuhause sein wird.
Im „Haus Hohengatow“ in Gatow (Berliner Bezirk Spandau), einem ehemaligen Pflegeheim der Vivantes-Kliniken, sind seit Freitag 160 Flüchtlinge aus Bosnien, dem Iran, Irak und aus Syrien untergebracht. Der letzte Patient ist vor gerade einer Woche ausgezogen, in dem Gebäudekomplex herrscht fast unheimliches Chaos.
Ausrangierte Holzbetten, die ohne Matratzen kreuz und quer auf den Gehwegen stehen, daneben die alten Hebevorrichtungen für die Patienten. In den braunen Gängen, in denen der beige Linoleumboden das gelbliche Licht widerspiegelt, hängen bunte Girlanden, Überbleibsel einer letzten Feier. Doch die neuen Bewohner erobern sich langsam etwas Platz. An den Zimmertüren hängen Zettel mit ihren Namen darauf.
Im Hof zwischen den Gebäuden liegt der Duft von Essen. „Manger, bon“, sagt ein Mann und lächelt. Gutes Essen. Er kommt aus Bosnien und ist mit seinen drei Kindern hier. Wie es von hier aus weitergehen soll, weiß er nicht. Im Hof hinter ihm spielen Kinder Fangen. Sie lachen und toben, und es klingt fast ein bisschen unbeschwert.
Es musste schnell gehen
Als es am Mittwochabend in Berlin keine Plätze für weitere Flüchtlinge mehr gab, entschied sich das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) spontan, ein Angebot von Vivantes anzunehmen. Das stand schon längere Zeit im Raum, kam aber zunächst nicht infrage, weil die Häuser nur für sechs Monate zur Verfügung stehen, dann soll das Grundstück verkauft werden. Doch in der Not müssen Kompromisse her. „Wir wussten, dass sich das Gebäude für eine sofortige Nutzung eignet. Innerhalb von ein paar Stunden wurde uns der Schlüssel übergeben“, berichtet Silvia Kostner vom Lageso. Am Donnerstagabend zogen die ersten Bewohner ein.
Der Arbeiter-Samariter-Bund kümmerte sich dann um eine erste provisorische Ausstattung der Räume mit Feldbetten und Decken, damit die nach und nach eintreffenden Bewohner zumindest ein Dach über dem Kopf haben. Die Menschen kamen mit dem Bus oder dem Taxi. Einige treffen gerade zu Fuß ein, wie ein Mann und eine Frau aus dem Iran. Sie ziehen ihre Rollkoffer hinter sich her, es sieht aus, als wollten sie hier Ferien machen. Ein Polizeiwagen patrouilliert zwischen den Gebäuden. Ein Gefühl der Sicherheit für die Menschen in der Nachbarschaft.
Die Flüchtlinge sind willkommen
Am Eingang des Geländes, wo ein Schild mit der Aufschrift „Registry – Registrierung“ den Weg für die Neuankömmlinge weist, steht Maria Carmen Urban, 64, mit ihrer Enkelin Antonia Perea. Sie finden es schön, dass die Menschen einen Platz gefunden haben. „Wir haben gestern schon Sachen für die Bewohner vorbeigebracht“, erzählt sie. Die Ankunft der Flüchtlinge hat sie zufällig mitbekommen, als sie abends mit dem Hund draußen war. Überrascht war sie jedoch nicht. Denn die Gerüchte, dass aus dem „Haus Hohengatow“ eine Notunterkunft werden könnte, gab es schon länger. Ob die Menschen hier willkommen seien, das wisse sie nicht. „Wir haben nichts dagegen. Aber da oben in der Siedlung, da müssen Sie mal hingehen.“
Dort in der Siedlung ist es ruhig. Die Straßen sind menschenleer. Man trifft nur auf die Gärtner, Haushälterinnen und Putzfrauen der Bewohner. Man lebt hier gut. Brigitte Schmidt-Ahlwert, 78, öffnet die Tür. Von der Ankunft der Flüchtlinge hat sie aus dem Fernsehen erfahren. „Ich finde das sehr gut. Wir sind selber mal geflüchtet und wissen, wie das ist“, sagt die 78-Jährige, die lange mit ihrem Mann in Bagdad gelebt hat und weiß, was es heißt, Ausländer zu sein. Nur eins wünscht sie sich: „Ausruhen sollen diese Menschen sich hier nicht. Sie sollten unterrichtet werden, damit sie nicht von Sozialleistungen abhängig werden.“
Abwarten, bevor man sich beschwert
In den Mietwohnungen unterhalb der Einfamilienhäuser steht Dana M. auf ihrem Balkon. Die 41-Jährige ist aufgebracht. „Ich hoffe, dass die hier möglichst schnell wieder weg sind. Die haben doch Länder, wo sie herkommen.“ Mit der Hausverwaltung will sie klären, ob das überhaupt rechtens ist, dass diese Menschen nun in ihrer Nachbarschaft wohnen.
Und trotzdem, die Flüchtlinge sind in Gatow willkommen. Zwar erinnern sich einige Anwohner, besonders die Alteingesessenen, an die Zustände vor einigen Jahren, als es ganz in der Nähe die sogenannte Blaue Lagune gab. Ein Asylbewerberheim, das viele Probleme mit sich brachte. Einbrüche und Diebstähle häuften sich. Doch das ist vergangen. Man will den Flüchtlingen eine Chance geben. Viele sagen, man müsse erst mal abwarten, bevor man sich beschwert. Am Eingang des neuen Flüchtlingsheims steht Brigitte Schirrmacher. Die 74-Jährige wartet auf eine Freundin, beide waren früher Seelsorgerinnen. „Wir kennen uns ein bisschen im Umgang mit Menschen aus und wollten die neuen Bewohner begrüßen“, erzählt sie. Die ehemalige Religionslehrerin und Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde will nicht nur über Theologie diskutieren, sondern sie auch leben: „Liebe deinen Nächsten.“





