Eine wahre Traumfrau, die Olga Peretyatko. Sie erzeugt dieses eigenartige Soggefühl – ein Gefühl, das alle anderen Dinge in den Hintergrund geraten lässt, wenn die Sängerin den Raum betritt. An Schönheit und Ausstrahlung reicht sie mühelos an die Netrebko heran. An Stimme sowieso.
Intelligent und sympathisch kommt Olga Peretyatko ins Gespräch. Spricht mit weichem russischen Akzent, der sich elegant wie dunkler Samt um ihre deutschen Worte hüllt. Dass die Sopranistin in den vergangenen zwei Nächten nur wenig geschlafen hat – man sieht es ihr nicht an. Und wenn doch, macht es sie nur noch attraktiver.
Olga Peretyatko kennt diese kurzen Nächte schon von anderen Produktionen. Ein paar Tage vor der Premiere beginnt es in ihr zu arbeiten, eine kreative Unruhe und Erregung packt sie. Rimsky-Korsakovs „Zarenbraut“ beschäftigt sie diesmal. Eine kostbare Opern-Rarität an der Staatsoper im Schiller Theater. Daniel Barenboim dirigiert, der renommierte Dmitri Tcherniakov führt Regie.
An diesem Donnerstag hat die Peretyatko erst mal frei, wird es sich gemütlich machen. Einen Tag lang schweigend ausspannen. Nicht singen, nicht sprechen, keine Freunde treffen. Im Pyjama einsam durch ihre Wohnung am Nollendorfplatz wandeln. Ein gutes Buch lesen, einen guten Film schauen.
Und danach: auf zum „Zarenbraut“-Endspurt. Sie singt die Titelrolle: Marfa, die Braut, die ein so tieftragisches Ende findet. Über die Inszenierung möchte sie nichts verraten. Nur so viel: „Es wird spannend. Und vor allem sehr sängerfreundlich. Wir sind alle ganz verliebt in den Regisseur.“
Auch die Met will sie haben
Es wird ihr erster Staatsopern-Auftritt seit 2007, als sie für eines der Blumenmädchen in Wagners „Parsifal“ einsprang. Und es wird das erste Mal, dass die russische Wahlberlinerin wirklich russische Oper singt. Rossini, Bellini, Donizetti, Mozart, Richard Strauss – das sind bis jetzt die Komponisten, auf denen die Karriere der Peretyatko fußt. Eine Karriere auf der Überholspur. Eine, in der sich mittlerweile ein großes Debüt an das nächste reiht. Im April 2014 wird sie erstmals an der Metropolitan Opera in New York singen. Den Vertrag hatte sie schon 2009 unterschrieben. Denn die großen Opernhäuser der Welt planen ja immer fünf Jahre im Voraus. Damals sollte es noch die Fiaker-Milli in Strauss‘ „Arabella“ sein. Die Peretyatko war „superglücklich“. Doch je mehr Zeit ins Land zog, desto unwohler fühlte sie sich.
Ihre Stimme veränderte sich, wurde reicher und reifer. Eine Stimme, die aus der mittelgroßen Strauss-Partie immer mehr herauswuchs. Doch das Glück war mit ihr. Im Juni 2012 entfachte die Sopranistin an der Deutschen Oper Berlin mit „Lucia di Lammermoor“ Begeisterungsstürme. Im Herbst bekam sie mit Charles Dutoit in Boston überragende Kritiken für Strawinskys „Rossignol“.
Der Gatte darf dirigieren
Die Agenten der Metropolitan Opera hatten beide Male im Publikum gesessen, sich eifrig Notizen gemacht. Beim umjubelten Silvesterkonzert in Baden-Baden glänzte Olga Peretyatko dann ebenfalls – diesmal an der Seite von Rolando Villazón. Auch hier waren die Met-Agenten äußerst angetan. Man schlug ihr einen „kleinen“ Wechsel vor – statt der Strauss-Nebenrolle die Hauptpartie in Bellinis „I puritani“. Die Sängerin dachte: Wow. Schwebte bereits im siebten Himmel, da erfuhr sie das Beste erst noch. Der Italiener Michele Marinotti, den sie im Sommer 2012 geheiratet hat – er wird den Taktstock schwingen. Man gönnt es Olga Peretyatko von ganzem Herzen, dieses Glück, diesen Erfolg.
Auch wenn dadurch der Druck immer weiter steigt: Versagensängste hat die Sopranistin nicht. „Wenn Du ausreichend oft probst und eine gute Technik hast, dann ist alles möglich“, so lautet ihr Credo. Die Peretyatko hat sich diese Technik in Berlin erarbeitet. In langen Jahren an der „Hanns Eisler“-Musikhochschule. Bei der Engländerin Brenda Mitchell, die etwas später auch Anna Prohaska auf Erfolgskurs gebracht hat. „Brenda war genau die Richtige für mich“, erinnert sich Olga Peretyatko dankbar, „Sie hat mir das Fundament gegeben, den Enthusiasmus, die Selbstständigkeit. Sie hat mir Wege gezeigt, wie ich meine Stimme und meinen Körper kennenlernen und aufbauen kann.“ Noch heute besucht die Sängerin ihre ehemalige Lehrerin regelmäßig. Holt sich Tipps von ihr. Geht mit ihr Arien und Partien durch.
Nicht so sanft bei der Massage
Dass Olga Peretyatkos Stimme trotz der zahlreichen Verpflichtungen noch so frisch und unverbraucht klingt, liegt vor allem daran, dass sie sehr gut plant. Sich immer wieder Ruhetage zwischen den Proben und Auftritten gönnt. Immer wieder Abstand zum Opernalltag gewinnt. Sie treibt dann „ein bisschen Sport, aber nicht zu viel“, joggt im Park, macht Yoga, geht in die Sauna, liebt Rückenmassagen. „Aber nicht die ganz sanften, die bringen mir nichts. Ich mag es lieber sportlich “, lächelt sie. Auch ins Kino geht Olga Peretyatko oft. Ihr letzter Film: „Feuchtstellen“, am Potsdamer Platz. „Feuchtstellen“? Sie lacht laut. Korrigiert sich. Natürlich meint sie „Feuchtgebiete“, die gelungene Verfilmung des Charlotte-Roche-Bestsellers. Das Buch hatte sie sich vorher auf dem iPad zu Gemüte geführt – ihr bevorzugtes Lese-Medium, das sie auch auf all ihren Reisen mit sich führt.
Und das Singen, nur so zum Spaß? Gibt es zu Hause nicht. Olga Peretyatko übt im Theater, wenn sie sich mit Korrepetitoren trifft, wenn sie Unterricht nimmt. Daheim macht sie alles andere. Ob nun in Berlin, oder in Pesaro, der Heimatstadt ihres Ehemannes. Auch klassische Musik hört sie privat selten. Dann schon eher gute elektronische Musik, Drum’ n’Bass, Downtempo, Lounge Music.
Ohne Facebook kann sie nicht
Bands wie De-Phazz, die britischen Soundtüftler Massive Attack, die französische Gruppe „Air“. Um ihre Freundschaften zu pflegen und Kontakt zu ehemaligen Mitstudenten zu halten, schaut Olga Peretyatko häufig bei Facebook vorbei. „Wir sind alle da“, verrät sie und meint damit: die gesamte moderne Sängerwelt. Ihre Fans wissen das. Sie schreiben ihr, wenn sie Fragen haben. Olga Peretyatko antwortet dann direkt.
Und nicht nur deshalb ist für die Sängerin Facebook mittlerweile unverzichtbar. Auch wichtige Verträge laufen immer häufiger darüber. Erst kürzlich schrieb die Redaktion der russischen Vogue an ihre Facebook-Adresse. Ob sie Interesse habe an einem Fotoshooting, an einer Olga Peretyatko-Story. Zur Begeisterung ihrer Fans ging sie darauf ein. Man ahnt schon jetzt, dass die Bilder fantastisch werden. Denn die Peretyako sieht nicht nur blendend aus. Sie hat auch gerade einen Lauf wie kaum eine andere Sopranistin.
„Die Zarenbraut“ im Schiller Theater, Bismarckstr. 110 in Berlin, Premiere am 3. Oktober 2013, 18 Uhr





