„Die Zarenbraut“

Der Zar als Avatar – Staunen und Jubel in der Staatsoper

Mit der Wahl der Oper „Die Zarenbraut“ von Nikolai Rimsky-Korsakow ging die Staatsoper ein Wagnis ein – doch mit Erfolg. Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili ist der herausragende Star der Premiere.

Foto: Monika Rittershaus / dpa

Die große Leinwand im Schiller-Theater wird plötzlich zum Computerbildschirm: In einem Chatroom von zynischen Geheimdienstleuten beginnt die Operntragödie. Das Volk brauche wieder einen Zaren, schreibt der eine, aber ein virtueller Herrscher genüge. Natürlich müsse der auch eine Braut haben. Die könne ja real sein. Das sei abgefahren, chattet der andere. Die müsse doch irgendwann durchdrehen. Und beim Nachwuchs, hahaha, könne man ja selber nachhelfen. Dann wird eine Datei mit den schönsten, in Frage kommenden Mädchen durchgeklickt, eine gewisse Marfa ausgewählt. Schließlich wird am Computer aus den Gesichtszügen großer Russen von Iwan dem Schrecklichen über Trotzki bis Stalin ein neuer Zar kreiert. Der Zar, ein Avatar. Das Publikum staunt.

Dem russischen Regisseur Dmitri Tcherniakov ist ein Coup gelungen, eigentlich hat der Zar in der Oper „Die Zarenbraut“ von Nikolai Rimsky-Korsakow keine eigene Rolle. Jetzt schon, und Tscherniakov kann eine ebenso hochmoderne wie archaische Geschichte erzählen. Es ist eine rundum gelungene Inszenierung. Der Regisseur sieht sich am Ende der Premiere, nach gut drei Stunden künstlerischer Hochspannung, ebenso bejubelt wie die Darsteller.

Um es nicht zu vergessen, ursprünglich wollte die Staatsoper an diesem Abend ihr saniertes Gebäude Unter den Linden wieder eröffnen. Aber die große Feier wurde schon mehrfach verschoben. Mittlerweile rechnen alle Beteiligten mit der Eröffnung 2016. In der Ausweichspielstätte Schiller-Theater ist jetzt die vierte Saison eröffnet worden. Und irgendwie man hat den Eindruck, die Staatsopern-Leute haben sich mit den Gegebenheiten aufs künstlerisch Beste arrangiert.

Die berüchtigte Brautwahl Iwan des Schrecklichen

Die Atmosphäre ist schillernd. Musikchef Daniel Barenboim selbst leitete die grandiose Premiere, die von der Stückwahl her durchaus ein Publikums-Wagnis darstellt. Der selten gespielte Rimski-Korsakow ist hierzulande eher als Märchenerzähler im Konzertsaal bekannt. Dabei ist er der russische Opernkomponist, keiner Denkschule verpflichtet, vielseitig, fantasievoll, kritisch. Und ein Melodiker von Herzen. Die 1899 in Moskau uraufgeführte „Zarenbraut“ war sein Lieblingskind unter insgesamt fünfzehn Opern.

Die Handlung nach dem Historiendrama von Lew Mej schildert die berüchtigte Brautwahl Iwan des Schrecklichen, der sich 1571 mit der Bürgerstochter Marfa Sobakina verheiratete. Zuvor mussten seine Untertanen im ganzen Land ihre jungfräulichen Töchter zur Begutachtung vorführen. In Rimsky-Korsakows Oper spielen die Opritschnina, eine Art Geheimdienst und Terrortruppe und wenn man so will Vorläufer des KGB, eine zerstörerisch vorantreibende Rolle. Als Staat im Staate wissen sie um die Macht der Bilder, glaubt Regisseur Tcherniakov. Zur Ouvertüre sind auf der Leinwand glückliche Bürger im alten Moskau zu sehen. Dann öffnet sich die Leinwand und die Schauspieler sind gerade fertig mit dem Dreh. Die heutigen Opritschnina herrschen über ein Fernsehstudio.

Der staatsmännische Zar erscheint auf Bildschirmen

Die Handlung enthält eine Reihe von Grausamkeiten, die durchaus aktuell sind. Beispielsweise wird neben einem Liebestrank auch ein Gift gefordert, das erst Marfas Schönheit zerstören und sie dann töten soll. Der Vorgang erinnert irgendwie an den Putin-Kritiker Litwinenko, der 2006 an einer heimtückischen Poloniumvergiftung in London verstarb. Er siechte buchstäblich im Fernsehen dahin, eine öffentliche Hinrichtung. Die britische Regierung beschuldigte Russlands Mächtige. Aber Opernregisseur Tcherniakov meidet geradezu konkrete Anspielungen.

In seiner Inszenierung gibt es keine blutigen Bilder, im Gegenteil, er zeigt die Manipulation durch Schönheit, durch Verdummung, durch eine Bildsprache des kleinsten gemeinsamen Nenners, der ein Riesenreich zusammen halten soll. Denn immer, wenn die Menschen mit sich alleine sind, stehen sie vor einer weißen Wand. Auf dieser Folie werden die russischen Bilder eingespielt, wozu auch der typische Birkenwald gehört. Und der staatsmännische Zar erscheint, wenn die Opritschina die Zaren-Hymne singen, auf den Bildschirmen. Im Studio werden die verschiedensten Frames erstellt, gezeigt wird der Avatar als in die Ferne schauender Herrscher, an der Wolga oder im Weizenfeld stehend.

Peretyatkos lyrischer Sopran bedient wunderbar Klischees

Später tauchen die Zaren-Bilder wieder auf: Im Fernseher in der Wohnung der bürgerlichen Familie Sobakin. Marfa, von Olga Peretyatko bezaubernd verkörpert, passt in die virtuelle Welt des schönen Schein, in die ganze Bigotterie der Gesellschaft. Die russische Sopranistin, die in Berlin ihr Studium absolvierte und ihre ersten Karriereschritte machte, wird inzwischen als eine Nachfolgerin von Anna Netrebko gehandelt.

Nun träumen viele Sängerinnen davon, die Netrebko zu sein. Habituell gibt es tatsächlich Ähnlichkeiten, wenn Olga Peretyatko im zweiten Akt ihre Liebe zum Bräutigam Lykow verklärend besingt. Wie die Netrebko zu Beginn ihrer Weltkarriere bedient die Peretyatko wunderbar das Klischee des unschuldigen, verträumten russischen Mädchens. Aber der über Jahre hinweg deutlich gewachsene Sopran der Peretyatko ist lyrischer, fließender, um kontrollierte Schönheit bemüht. Ihre Wahnsinnsszene am Ende ist so unheimlich lieb. Was irgendwie zur Inszenierung passt: Während sie im Studio dahinstirbt, werden strahlende Bilder von ihr übertragen.

Johannes Martin Kränzle in der Anzugrolle des Fieslings

Aber der Zarenbraut wird in dieser Premiere die große Show gestohlen. Die eifersüchtige, mordlüsterne und zugleich selbst missbrauchte Widersacherin Ljubascha hat mehr Charakter im Stück. Und die georgische Sängerin Anita Rachvelishvili, die bereits als Carmen das Publikum hinriss, setzt dafür ihren satten Mezzosopran voller Feuer ein. Eine Sängerin der Extreme, von fast beängstigender Leidenschaft. Das Publikum feiert sie, das Barenboim-Ziehkind, am Ende als herausragenden Star der Aufführung. Bejubelt wird auch ein Staatsopern-Altstar, Kammersängerin Anna Tomowa-Sintow, als Saburowa. Sie muss eine große Fangemeinde haben, die sich noch an alte Erfolge erinnern.

Johannes Martin Kränzle schlüpft in die Anzugrolle des Fieslings. Er verkörpert den Opritschnik Grjasnoj, den Studiochef, mit Format. Sein wandlungsfähiger Bariton windet sich geschickt durch die Gemeinheiten und eigenen Verzweiflungen. Anatoli Kotscherga verleiht Marfas Vater Sobakin seinen sonoren Bass, der leider schon Brüchigkeiten aufweist. Die Solistenriege ist insgesamt erlebenswert. Wie auch der Chor und die Staatskapelle, die unter Barenboims Leitung eine lebendige, sehr farbenreiche Nummernoper auch mit schneidigen Tönen vorführt. „Die Zarenbraut“ ist eine der Berliner Produktionen, deren Besuch nur zu empfehlen ist.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 20354555, Termine: 8., 13., 19., 25.10., 1.11.2013

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.