Die Geräuschkulisse ist Science Fiction. Star Wars. Darth Vaders Atem. In schnellem, zischenden Rhythmus. Pfsch, pfosch, pfsch, pfosch. Luftzüge durch die Atemmaske. Regelmäßig, aber eindeutig unter Anstrengung. Pfsch, pfosch. Dazu ein dunkles Knirschen von Stiefeln auf grobem Schotter. Alle sechs Minuten rauscht ein Zug vorbei. Übertönt alles.

Die fünf Männer arbeiten im dichten Nebel. Der U-Bahn-Tunnel um sie herum ist düster. Die Lampen an ihren feuerfesten Anzügen erzeugen nur einen schmalen Lichtkegel. Wenige Meter von der Stelle entfernt, an der sich die Männer an einem dicken Schlauch zu schaffen machen, sind die Leuchten eines U-Bahn-Zuges verschwommen zu erkennen, der in noch dickerem Nebel liegt.

Der U-Bahn-Zug brennt. Er scheint jedenfalls so. Eine Nebelmaschine im Waggon simuliert den Rauch. Dass alles nur eine Übung ist, sieht man spätestens daran, dass der Nebel zunächst am Boden entlang durch den Tunnel kriecht. Heißer Rauch würde an die Decke aufsteigen.

„Der Nebel ist ein bisschen symbolisch“, sagt Karsten Göwecke, Vize-Chef der Berliner Feuerwehr. Göwecke steht in Uniform auf dem vernebelten Bahnsteig am Rande der Gleise, auf denen seine Kollegen mit den Atemschutzmasken und Feuerschutzanzügen ihren Einsatz üben. „Aber der Nebel ist wichtig, um zu verdeutlichen, wie es im Ernstfall wäre“, sagt Göwecke. Dann, wenn tatsächlich ein Feuer ausbricht in der U-Bahn.

Donnerstagvormittag im U-Bahnhof Jungfernheide im Norden von Charlottenburg. Die Berliner Feuerwehr und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben zur Vorführung einer wohl ziemlich einmaligen Einrichtung eingeladen. Direkt gegenüber des Gleises, auf dem im Minutentakt die U7 Richtung Rathaus Spandau einfährt, liegt ein von der BVG für den Fahrbetrieb ungenutzter Tunnel. Abgesperrt vom restlichen Bahnsteig mit einem rotem Gatter. „Notfall-Übungscenter! Kein Fahrtbetrieb!“, ist auf der Anzeigetafel am toten Gleis zu lesen.

Lange Wege zum Brandherd

Der Tunnel, in den 1970er-Jahren gebaut, sollte eigentlich eine Verlängerung der U5 Richtung Flughafen Tegel werden. Seit zehn Jahren übt hier nun die Feuerwehr, damit bei den Beamten jeder Handgriff sitzt, sollten tatsächlich unter der Erde einmal Feuer gelöscht, Menschen gerettet oder Wasser abgepumpt werden müssen. Ein Feuer im U-Bahn-Tunnel gehört zu den größten Einsatzszenarien, die in Berlin möglich sind, heißt es. Großalarm.

Im Ernstfall muss es vor allem schnell gehen. Doch das ist unter der Erde noch schwieriger als etwa bei einem Wohnhausbrand. „Zunächst einmal sind die Wege zum Brandherd sehr lang“, erklärt Göwecke. Drei, vier, vielleicht fünf Minuten haben die Feuerwehrmänner allein gebraucht, um den dicken weißen Schlauch vom Hydranten auf dem Platz vor dem Eingang zum U-Bahnhof bis hinunter auf den Bahnsteig zu verlegen. Weil die Wege so lang sind, tragen die Feuerwehrmänner gleich zwei Gasflaschen für den „Lungenautomaten“ auf dem Rücken, so können sie bis zu einer Stunde im Rauch arbeiten – müssen allerdings noch schwerer schleppen als sowieso schon in ihrer Feuerschutzausrüstung. Daher der schnelle Atem.

800 bis 1000 Liter Wasser in der Minute

Der „brennende“ Zug steht tiefer im Tunnel, also rollen die Beamten den Schlauch bis ans Ende des Bahnsteigs. Dort steigen die Männer mit den Atemmasken ins Gleisbett. Mit dabei: Ein Transportwagen, eine Art Lore auf den Schienen. In jedem U-Bahn-Tunnel stellt die BVG diese bereit. Die Feuerwehrleute können so die schweren Rollen mit den erforderlichen Metern Schlauch weiter in den Tunnel transportieren. Auch eine Rettungsbahre für Verletzte lässt sich auf der Lore sicher über den unebenen Gleisboden transportieren.

Der dicke weiße Schlauch auf dem Bahnsteig, ein sogenanntes B-Rohr, kann 800 bis 1000 Liter Wasser in der Minute speien. „Das können zwei Mann nicht halten“, sagt Göwecke. Also montieren die Männer in den Masken über einen Verteiler „C-Rohre“ an den Schlauch. Die speien 400 Liter die Minute.

Schritt für Schritt vortasten

Die nächste Schwierigkeit ist die ungewohnte Umgebung. Der U-Bahn-Tunnel im Gleisbett ist schmaler als erwartet, im Dunkeln und im Rauch müssen sich die Beamten über Bahnschwellen und Schotter teilweise Schritt für Schritt vortasten. Brennt es tatsächlich, schaltet die BVG die Stromschiene ab, die die Züge im Fahrtbetrieb sonst mit Elektrizität versorgt. 750 Volt Stromstärke fließen auf dem Gleisbett. Die Feuerwehrleute lernen zusätzlich, die Stromschiene manuell mit einem mobilen Gerät kurzzuschließen. Denn sollte noch Strom fließen, wäre ihre Arbeit gar nicht möglich.

Jede Woche trainieren Beamte hier. Nicht nur während der Ausbildung, sondern auch in Fortbildungen. Holger Notzke leitet die Übung. Er hat die Taktik für Einsätze im U-Bahn-Tunnel mitentwickelt. Früher arbeitete sich ein Trupp in Abschnitten im Tunnel vor, heute ist Arbeitsteilung angesagt. Ein Team baut auf, eines kümmert sich um die Wasserversorgung, eines um die Brandbekämpfung. „Das geht schneller und es entspricht mehr den Abläufen bei unseren anderen Einsätzen“, sagt Notzke. Echte Brände in der U-Bahn gab es bisher in Berlin selten, erzählt er. Zuletzt im Jahr 2000 im U-Bahnhof Deutsche Oper.

Der Feuerwehrübungstunnel ist in Fachkreisen weltweit bekannt. Kürzlich seien Feuerwehrleute aus Brasilien da gewesen, um eine Übung anzuschauen, sagt Göwecke, und lobt die Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben. BVG und Feuerwehr koordinieren nicht nur die Übungen, sondern auch Räumung, Information und Logistik im Ernstfall. Auch BVG-Mitarbeiter werden im Tunnel geschult, dazu Rotes Kreuz, THW oder Polizei. Als die Männer die Schläuche parat haben, beendet der Feuerwehrchef die Übung. Auf Wasser im Tunnel werde verzichtet, sagt Göwecke. „Wasser spritzen können die Kollegen.“