Immer wieder schildert Sophal L. dem Richter die Ereignisse. Wie sich der Gynäkologe Detlef T. an ihr vergangen haben soll. Peinigend müssen für die 40-Jährige die Nachfragen des Richters sein, zumal vor einem überwiegend männlich besetzten Gericht. Zumindest den Ausschluss der anwesenden Presse und Zuschauer hatte die Nebenklage beantragt. Aber das Gericht entschied sich im Interesse der Öffentlichkeit dagegen. So präsentierten sich am Kriminalgericht Moabit am Dienstag zwei vollkommen verschiedene Ereignisse. Die Anklage berichtet von einem sexuellen Missbrauch unter Ausnutzung des Behandlungsverhältnisses. Der beschuldigte Arzt erzählt die Geschichte eines bizarren Erpressungsversuches.

Einigkeit zwischen Angeklagten und Klägern besteht allein darin, dass Sophal L. und ihr Mann sich bei dem Spezialisten für Reproduktionsmedizin Detlef T. in Behandlung befand. Das Paar wünschte sich erfolglos seit mehreren Jahren ein Kind und fand sich dazu am 23. September 2009 für einen Termin in der Charlottenburger Praxis ein.

Arzt spricht von skuriller Situation

Detlef T. schildert, dass Sophal L. sein Behandlungszimmer alleine betrat. Ihr Mann habe noch die Toilette aufgesucht. Seiner Aufforderung sich an den Schreibtisch zu setzen sei Sophal L. nicht nachgekommen. Stattdessen habe sie sich unaufgefordert entkleidet und auf den gynäkologischen Behandlungsstuhl Platz genommen. Die Tür zum Wartesaal, sagt Detlef T., habe er zum Schutz vor unerwarteten Störungen eingeklinkt. Mit einem Schlüssel – wie es in der Anklage heißt – habe er die Tür aber nicht abgeschlossen. Die Patientin habe er anschließend im vaginalen Bereich untersucht, zunächst mit einer Ultraschall-Sonde, dann durch Abtasten mit den Fingern. Über die Ultraschall-Sonde habe er ein Medizinalkondom gestülpt.

Nach der Darstellung von Detlef T. habe Sophal L. während der Untersuchung gesagt: Nein, Nein. Worauf der Arzt entgegnet hätte: Einen Moment Geduld bitte. Da die aus Kambodscha kommende Sophal L. nur schlecht Deutsch spreche, habe sie ihn nicht verstanden. Sie habe versucht aufzustehen und dabei ein Bein auf seinen Oberschenkel abgesetzt. Der Arzt spricht von einer skurillen Situation.

Angeblicher Erpressungsversuch

Detlef T. gibt an, als Reaktion die Rückschalttaste des Stuhls betätigt und die Ultraschall-Sonde vom Kondom befreit zu haben. Noch halb entkleidet habe Sophal L. die Tür des Behandlungszimmers geöffnet und nach ihrem Ehemann gerufen. Vom Gespräch des Ehepaares auf Kambodschanisch habe er nichts verstanden. Daraufhin habe Sophal L. mehere Kondome aus dem Müllbehälter an sich genommen. In dieser Situation sagt Detlef T. bat er Herrn L. sich an den Schreibtisch zu setzen und Sophal L. sich anzukleiden.

Herr L. habe ihm Vorgeworfen, mit seiner Frau Geschlechtsverkehr gehabt zu haben und versucht haben ihn zu erpressen: Sollte er die teure Behandlung zur Befruchtung kostenlos ausführen und Schmerzensgeld zahlen, würde man darauf verzichten die Polizei zu rufen. Anschließend habe das Paar das Behandlungszimmer verlassen. Detlef T. gibt an während der anschließenden Durchschuchung seiner Praxis durch die Kriminalpolizei nicht anwesend gewesen zu sein, da er einen auswärtigen Termin einzuhalten gehabt habe.

Am Mittag betrat Sophal L. in Begleitung einer Dolmetscherin den Verhandlungsraum. Ihre Schilderung der Ereignisse in der Arztpraxis am 23. September hat mit der Version von Detlef T. nur wenig gemeinsam. Demnach habe sie sich alleine in das Behandlungszimmer begeben, sich entkleidet und auf den Untersuchungsstuhl begeben. Zunächst habe sie Detlef T. mit einer Ultraschall-Sonde und dann mit den Fingern untersucht. Aufgrund der Position des gynäkologischen Stuhles habe sie nicht alles sehen können. Aber an den Händen von Detlef T. auf ihrem Oberschenkel und ihrem Bauch, sowie seinen Bewegungen habe sie erkannt, dass er sich an ihr verging.

Abweichungen zu früheren Angaben

Sophal L. sagt, sie habe nach ihrem Mann gerufen, obwohl Detlef T. sie gebeten habe, dass zu unterlassen. Als sie versuchte sich aufzurichten, habe er sie runter gedrückt. Als sie sich das zweite Mal aufgerichtete, habe sie sein Geschlechtsteil und seine offene Hose gesehen. Dann sei sie vom Stuhl runtergesprungen, habe den im Türschloss befindlichen Schlüssel gedreht und die Tür geöffnet. Ihrem Mann und ihr habe Detlef T. im Folgenden angeboten, die Behandlung kostenlos fortzusetzen, wenn sie nicht die Polizei rufen würden. Sophal L. gibt an gemeinsam mit ihrem Mann die Praxis verlassen und die Polizei gerufen zu haben, die dann die Praxis durchsuchte und Aussage-Protokolle von anwesenden Personen anfertigte.

In den Aussagen von Sophal L. finden sich einige Abweichungen zu früheren Angaben, die sie gegenüber der Polizei zu Protokoll gab. So erwähnte sie beispielsweise 2009 nicht, dass sie das Glied von Detlef T. gesehen habe. Fraglich ist, ob diese Abweichung eine Aussagekraft besitzt. Denn nach Angabe von Sophal L. habe allein ihr Mann, und nicht sie selbst, Aussagen gegenüber der Polizei gemacht. Der Prozess wird fortgesetzt.