Hotline

Mit dem „Heimwegtelefon“ sicher durch Berlins Straßen

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Franziska Birnbach

Foto: Jakob Hoff

Eine Berlinerin will mit einer Nummer für mehr Sicherheit sorgen: Verängstigte auf dem Heimweg sollen bei einer Hotline anrufen. Sie geben den Standort an – und das Plaudern soll Angreifer abschrecken.

Die Straßenlaterne wirft ein orange leuchtendes Licht auf den menschenleeren Gehweg. In jedem Hauseingang verbirgt sich ein dunkler Schatten. Wer nachts allein durch die Straßen läuft, fühlt sich nicht immer sicher. Ständige Blicke über die Schulter und ein schneller Schritt können das Gefühl der Unsicherheit nicht unterdrücken. Jede entgegenkommende Person, jedes Geräusch kann Panik auslösen. Vor allem Frauen sind davon betroffen.

Das Projekt „Heimwegtelefon“ möchte gegen dieses Problem ankämpfen. Frances Berger will zusammen mit ihrer Freundin Annabell Schuchhardt eine Telefonhotline einrichten, bei der Anrufer abends und nachts anrufen können.

Gleich zu Beginn des Gesprächs wird der Standort durchgegeben, dann folgt ein nettes Gespräch bis an die Haustür. Währenddessen wird immer wieder der Standort aktualisiert. Potenzielle Angreifer sollen durch das Telefonieren abgeschreckt werden.

In Holland entstand die Idee

„Ich bin selbst sehr ängstlich und rufe in solchen Situationen immer meinen Freund oder meine Mutter an. Oft sind die dann aber schon im Tiefschlaf“, sagt Frances Berger. Insbesondere nachts schrecken viele zurück, jemanden zu wecken. Nicht immer ist ein Freund oder eine Freundin erreichbar. Das Gefühl der Unsicherheit bleibt.

Die Hotline möchte in erster Linie bereits durch das Gespräch Sicherheit vermitteln und Angreifer abschrecken. Ein möglicher Täter müsse nun damit rechnen, dass sein Verhalten direkt an einen Dritten weitergegeben wird.

Die Idee kam Berger, als sie sich mit einer Freundin in den Niederlanden unterhielt und diese aus Versehen mit einer Taste auf ihrem Handy einen Anruf auslöste. Mithilfe dieser Taste kann der Handybesitzer einen „gefälschten“ Anruf selbst auslösen. Das Handy klingelt dann und es kann ein Telefonat vorgetäuscht werden – so soll Querulanten signalisiert werden, dass ein Dritter schnell Hilfe holen könnte.

Ähnliche Projekte in Schweden und den USA

Berger war von dieser Idee begeistert. Zwar hat sie selbst noch keine wirklich gefährliche Situation miterlebt, eine Freundin entging jedoch nur knapp einer Vergewaltigung auf dem Heimweg. „Das war nur ein kurzer Rückweg. Sie konnte sich glücklicherweise der Situation entziehen, aber es war knapp“, sagt Berger.

Die 31-Jährige begann zu recherchieren. Sie stieß auf ein Projekt in Schweden, das direkt von der Polizei betrieben wird. Dort können Menschen ebenfalls eine Hotline anrufen, wenn sie auf dem Heimweg sind und sich unwohl dabei fühlen. Die Polizei kann dann im Notfall direkt eingreifen. Das Angebot in Schweden wird regelmäßig genutzt. In den USA gibt es ein abgewandeltes Projekt. Dort gibt es Begleiter, die den Weg vom Wohnheim bis in den Hörsaal mitlaufen.

Beim „Heimwegtelefon“ sollen über die Organisation „Freizeithelden“ Freiwillige gefunden werden, die an der Hotline Anrufe entgegennehmen – und im Notfall die Polizei verständigen. „Manchmal hilft es schon, einfach ein wenig zu plaudern, und die Angst verfliegt. Dann strahlt man auch nicht so eine Nervosität aus“, sagt Berger.

Finanzierung über Spenden auf „Betterplace“

Die Umsetzung des Projekts scheiterte bislang an der Finanzierung. Zwar waren alle, denen sie von dem Projekt erzählte, immer sofort begeistert, es spendeten jedoch nur wenige. Die beiden hatten auf der Plattform „Betterplace“ einen Aufruf gestartet, bereits 1500 Euro würden für die Umsetzung ausreichen.

Bislang sind sechs Prozent der notwendigen Finanzierung erreicht. Spender, die auf „Betterplace“ ein Projekt unterstützen, treten in Vorkasse. Wenn sich genügend Unterstützer finden, kann das Vorhaben umgesetzt werden. Kommt es letztlich doch nicht zustande, weil zu wenige Menschen spenden, bekommen diejenigen, die das Projekt unterstützt haben, ihr Geld zurück.

Berger ist Unternehmensberaterin und versteht nicht, warum sich bisher so wenige für das „Heimwegtelefon“ tatsächlich eingesetzt haben. Sie habe sich auch nach Kooperationspartnern umgeschaut, die Polizei und BVG kontaktiert. Auf Resonanz stieß sie dort nicht. Bereits die Suche nach den richtigen Ansprechpartnern gestaltete sich schwierig.

Auch Männern könnte die Hotline weiterhelfen

Die Hotline könne also vielleicht helfen, sicherer nach Hause zu kommen. Sie habe aber auch den Nebeneffekt, dass Angehörige beruhigter sein könnten. „Mütter müssen sich nicht mehr nachts um ihre Teenagertöchter sorgen. Und junge Frauen können, ohne Angst zu haben, abends noch Freunde oder Clubs besuchen“, sagt Berger.

Eine einfache Umsetzung soll im Vordergrund stehen. Vor allem soll die Hotline für den Anrufer kostenfrei sein. Auf diese Weise kann auch wirklich jeder von dem Angebot profitieren. „Unsere Zielgruppe sind Frauen im Alter von 16 bis 40 Jahren. Das heißt aber nicht, dass Männer nicht bei uns anrufen sollen. Unsere Umfrage hat jedoch ergeben, dass Frauen häufiger auf dem Rückweg Angst haben“, erklärt Berger. Auch Männern, die nachts allein auf gewaltbereitete Personen stoßen, könne die Hotline weiterhelfen.

Weitere Informationen findet man im Internet unter www.heimwegtelefon.de und bei Facebook und Twitter. Die Möglichkeit zu spenden gibt es unter www.betterplace.org/de.