Berliner Kleingärten

Achtung, Laubenpieper – der Kampf ums Berliner Grün

Wo Laubenpieper sind, ist auch Protest – immer mehr Parzellen in Berlin müssen Neubauten weichen. Ein Besuch bei Wutgärtnern und Beete-Verstehern zwischen Pankow und Wilmersdorf.

Der Showdown beginnt um kurz vor elf. Es ist ein sonniger Julimorgen in Pankow, in den Bäumen der Kleingartenkolonie "Alte Baumschule" hängen bunte Wimpel und rotbackige Äpfel. Die Kolonie feiert an diesem Sonnabend ihr 100-jähriges Bestehen. Im Eingang des Festzelts macht sich der 1. Musikzug der Berliner Feuerwehr zum Einsatz bereit. Drinnen knallt die Sonne auf das Plastikdach. Die Bänke sind voll, auf den Tischen perlt Bier kühl in Plastikbechern, als die Kontrahenten aufeinandertreffen.

Auge in Auge, mit Schweißperlen auf der Stirn, stehen sich Jens Holger Kirchner und Wolfgang Wölfer gegenüber, der eine ist Baustadtrat, der andere Vorstand des Kleingärtnerverbandes im Bezirk Pankow.

Kirchner, 53 Jahre alt, kräftige Gestalt, meerblaues Polohemd, läuft wutrot an, als er über die Biertische ruft: "Herr Wölfer, hörnse uff, mich anzugreifen! Es reicht!" Wolfgang Wölfer, 75 Jahre alt, weißes Haar, wird noch etwas blasser als sein blassblaues Kurzarmhemd und wischt sich über die Stirn. Gerade hat er eine flammende Rede gehalten, hat eine neue Einstellung, ja, eine neue Philosophie des Kleingartenwesens gefordert und dann ziemlich unvermittelt versichert: Ein neuer Grundbesitzer sei für eine Kleingartenkolonie überhaupt kein Anlass zur Besorgnis. Solange nur die Politik dafür sorge, dass die Kolonie nicht zu Bauland würde.

Kleingartenanlagen sind nicht länger tabu

Konkret meint Wölfer die Versteigerung der "Alten Baumschule". Noch im Juni, kurz vor dem Fest zum 100. Jubiläum der Kolonie am 20. Juli, hatte das Areal den Besitzer gewechselt – 130.000 Quadratmeter Grünland in bester Lage direkt am Volkspark Schönholz. Wölfer unterstellt dem Stadtrat, nicht zu den bedrohten Kleingärtnern im Bezirk zu stehen. Der Stadtrat unterstellt dem Kleingärtnerchef, seine Mitglieder aufzuwiegeln. Vom Biertresen aus nuschelt jemand: "Was reden die da für'n Scheiß?"

Mit dem Schlagabtausch ist die Tragweite des Kampfs umrissen, der momentan in Berlin tobt. Die Stadt gilt als grüne, wenn nicht grünste Metropole Europas, allein drei Prozent der Stadtfläche nehmen die knapp 1000 Kleingartenanlagen ein – noch. Ihre Tradition als Gärten der kleinen Leute reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert, doch ihre Zukunft ist ungewiss.

Die Kampfansage hatte vergangenen Winter Berlins Bausenator Michael Müller (SPD) gemacht: Beim Bau neuer Wohnungen seien auch Kleingartenanlagen nicht länger tabu, sagte er der Berliner Morgenpost. Die Empörung war groß. Sogar die britische Zeitung "The Guardian" widmete sich am 8. August mit einer großen Reportage den Berliner Kleingärten und deren Bedrohung durch Neubau-Projekte. Darin schreibt die Autorin Kate Connolly: "Berlin muss gerade einen noch nie da gewesenen Immobilienboom erleben. Und die Kleingärtner der Stadt fühlen den Druck."

"Bauen, dass es kracht"

Berlins Bausenator Müller nahm etwas später zwar wieder ein Teil des Drucks zurück – 90 Prozent der landeseigenen Kleingärten seien bis 2020 gesichert, höchstens kleinere Anlagen kämen infrage. Aber: "Wir müssen bauen, dass es kracht", lautet Müllers Motto. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Gärten für den Bau von Autobahnen und Wohnhäusern planiert.

Gab es zu Zeiten der Wiedervereinigung noch 83.000 Parzellen in der Stadt, sind es heute noch 70.000. Bis 2030 soll Berlin laut Prognosen um eine Viertelmillion Menschen wachsen. Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, plant der Senat in den nächsten Jahren in Berlin rund 220.000 neue Wohnungen – auch auf bisherigen Grünflächen.

Möglich, dass dies den Investor beflügelt hat, der das Areal der "Alte Baumschule" ersteigerte. Noch ist sein Name nicht bekannt, wohl aber, was er bezahlt – fast das Doppelte des Mindestgebots. Am Rande des Sommerfests stellt Wölfer eine Frage: "Warum ersteigert ein Investor für 2,1 Millionen Euro ein Gartengelände, das im Jahr gerade mal 35.000 Euro Pacht abwirft?" Es klingt angriffslustig.

Keine Schusswaffen auf dem Acker

Auch Wölfers Familie hat ihre Parzelle in der "Alten Baumschule". Wölfers Urgroßvater, ein Schlosser, unterschrieb 1913 noch Klauseln wie: "von Schusswaffen auf dem Acker ist kein Gebrauch zu machen". Heute geht es friedlicher zu. Nach dem Wortwechsel beim politischen Frühschoppen werden Bratwürste aufgelegt und Kinder geschminkt. Im Festzelt stehen fröhliche Rentner und Prenzlauer-Berg-Eltern beieinander, ein schwules Paar mit Hosenträgern, Strohhut und Hund und auch tätowierte Eisern-Union-Fans.

Zwischendrin sitzen Frauen und Männer in T-Shirts, die von Weitem aussehen wie vom Ordnungsamt. Doch auf den grünen Hemden stehen lustige Wortschöpfungen wie "Heckeninspektorin", "Baumschüler" oder "Beetbesprecher". Anspielungen auf die zahlreichen Posten und Pöstchen in den Kleingartenvereinen.

Selbstironie gehörte bisher nicht zu den Eigenschaften von Kleingärtnern. Oder doch? "Wir hatten noch nie Gartenzwerge, wenn Sie das meinen", sagt Horst Schönenborn, der "Baumschüler". Die anderen lachen. Auch wenn in Pankow immer noch 60 Prozent der Kleingärtner älter als 65 Jahre sind – Schönenborn sagt: "In den vergangenen Jahren hat sich unsere Kolonie genauso geöffnet und verändert wie Berlin rundherum."

Die neue Sehnsucht nach Grün

Gärtnern ist schon lange nicht mehr nur etwas für "Spießer". Das hat auch Alexandra Stern erkannt, die an der Prenzlauer Allee im vergangenem Jahr "Laupi" eröffnete, Berlins erste Gartenvermittlung. Über dem Ladengeschäft steht: "Rein ins Grüne", als führe ihr Laden von den staubigen Straßen Berlins direkt ins eigene, grüne Paradies. So ähnlich ist es auch.

Die Idee der Gartenvermittlung kam ihr, als sie immer mehr Freunde nach ihrem eigenen Garten fragten, den sie mit ihrer Familie im Norden Berlins seit einigen Jahren hat. Ursprünglich stammt die 40-Jährige aus Detmold, sie hat Geografie und Touristik studiert und ist Mutter von fünfjährigen Zwillingen.

Die Menschen von Prenzlauer Berg haben ihre Naturliebe bisher vor allem in überfüllten Parks ausgelebt, in Bioläden und an den dörflich-karierten Tischdecken vieler Restaurants. Bei Alexandra Stern werden die Wünsche konkreter. "Bei vielen jungen Familien wächst die Sehnsucht nach einem eigenen Stück Natur in der Stadt, andere suchen einen abgeschiedenen Ort in Brandenburg, um einen Wohnwagen abzustellen und dort Party zu machen."

Selbstversorgung mit Obst und Gemüse

Manche Ältere seien auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, "weil vielleicht der Partner gestorben ist oder sie in Rente gehen". Viele wollten sich auch einfach gern selbst mit gesundem Obst und Gemüse versorgen. Umgekehrt melden sich auch immer mehr Anbieter von Grundstücken in Berlin und Brandenburg.

Angebot und Nachfrage sind so groß, dass "Laupi" seit April eine zweite Mitarbeiterin hat, sagt Alexandra Stern. Einige Gärten sind schon vermittelt, jedoch braucht es Zeit, bis jeder gefunden hat, was zu ihm passt. "Jeder tickt heute anders, was seine Vorstellung vom Grün betrifft", sagt Alexandra Stern und spricht damit aus, was für die gesamte Stadt gilt: Berlin ist dabei, seine Grünbedürfnisse neu zu sortieren.

So wie Jasmin Patok, Susi Gether und Birgit Koch, sie haben lange nach einem Kleingarten gesucht, doch das hat nie geklappt. So haben sich die drei Frauen entschlossen, gemeinsam einen Garten in Treptow zu pachten und ihn zu bewirtschaften. Aus dem Versuch ist schließlich ein Hobby geworden. Einziges Manko: Der Vertrag läuft jeweils nur für ein Jahr – eine langfristige Bestandsgarantie wie in vielen Kleingartenkolonien gibt es nicht.

Der Kampf der "Famos"-Kolonie

Das Ergebnis, wenn eine Bestandsgarantie endet und die Kleingärtner erst einmal weg sind, lässt sich derzeit im Pankower Flora-Kiez besichtigen. "Parzelle 8A" steht an einem grünen Gartentor an der Brehmestraße. Dahinter befindet sich – nichts. Genauer gesagt, ein tiefblaues Nichts aus sehr viel Pankower Himmel und die Erinnerung an 18 Lauben der Kleingartenkolonie "Famos". Die bunten Protestschilder auf der anderen Straßenseite sind die letzten Zeugen vom Kampf der Kleingärtner um ihre Scholle. Jetzt entstehen hier sechs Etagenwohnhäuser.

Der Kampf machte Schlagzeilen, das Ganze klang wie das Klischee der Gentrifizierung. Zuerst hatte die Deutsche Bahn das Gelände der 18 Parzellen verkauft, dann genehmigte der Bezirk eine Bauvoranfrage, quasi aus Versehen, so klingt es heute. Die neuen Bauherren auf dem Gelände sind nicht anonyme Investoren, sondern hippe Bewohner aus Prenzlauer Berg, die als "Baugruppe" ihren Wohntraum im Grünen realisieren wollen.

Ihr Projekt haben sie naturverliebt "Himmel und Erde" getauft, das hätte auch gut zu einer Gartenkolonie gepasst. Die Kleingartensparte wiederum trägt einen Namen, der sehr nach dem neuen Prenzlauer Berg klingt: "Famos", also "berühmt". Das wurden die Gärtner mit ihrem Kampf dann auch. Doch es half alles nichts. Mitte Juli rückten die Bagger an.

Kleingärtner auf bestem Bauland

Es ist ein Akt mit symbolischer Bedeutung. Pankow soll in den nächsten Jahren laut Prognosen um 60.000 Anwohner wachsen. Andererseits nehmen die Kleingärten hier 500 Hektar Fläche ein, mehr als in jedem anderen Bezirk – bestes Bauland, wie manche meinen. Weshalb sich die verbliebenen Gärtner von "Famos" Gedanken machen, auch wenn der Baustadtrat Kirchner versichert, weitere Kolonien in Pankow würden nicht zu Bauland umgewidmet.

Demnächst steht auch das verbliebene Areal von "Famos" zum Verkauf durch die Deutsche Bahn. Zwar hat die Kolonie Bestandsschutz, im Gegensatz zu den verlorenen Parzellen. André Hirsch packt dennoch die Wut, wenn er an die Zukunft denkt. Er ist 50 Jahre alt, gelernter Maschinist, hat nach der Wende noch Steuerfachberater gelernt, er ist Umbrüche gewohnt. Doch jetzt sitzt er im Garten und schwitzt, auch wenn im Schatten der alten Apfelbäume ein kühlerer Luftzug weht als in den heißen Straßen der Stadt.

Es ist ihm wichtig zu erklären, was Kleingärten bedeuten – für die Kolonisten wie überhaupt für die Stadt, der die Gärten als "grüne Lungen" frische Luft und ungeahnte Artenvielfalt bringen. Doch den Gärtnern bedeuten ihre Grünflächen viel mehr als nur Gemüseanbau und Kleintierzucht wie zu DDR-Zeiten. Mehr auch als nur Wochenendvergnügen. Für manche ist der Kleingarten eine Lebensform. Hirsch hat sein ganzes Leben im Garten verbracht.

In Pankow leben 1200 Anwohner in "Datschen"

Sein Urgroßvater hatte um 1915 eine Parzelle bei "Famos" gepachtet, er kam wegen der Arbeit aus Bialystok im heutigen Polen nach Berlin. Im Zweiten Weltkrieg zog die ganze Familie in die Laube – und blieb. "Meine Großeltern haben fast bis an ihr Lebensende hier gewohnt", sagt Hirsch. In der DDR war das erlaubt, im Gegensatz zu Westdeutschland, wo das Kleingartengesetz das Wohnen in Lauben verbot. Heute gilt das überall, doch im Ostteil gibt es immer noch Ausnahmen. In Pankow leben 1200 Anwohner in "Datschen".

Auch deshalb, sagt Hirsch, verbinden viele Laubenpieper ihre Lebensgeschichte mit der Kolonie und wurden so zu Zeugen der Zeitgeschichte. Bei "Famos", an der Grenze zu Wedding, marschierten Tag und Nacht Grenzsoldaten zwischen den Gärten hindurch. Ihr Ziel war der meterhohe Zaun, der das Gartenparadies vom Todesstreifen abgrenzte. Er steht noch heute. "Das hatte auch sein Gutes, man musste ja in den Gärten damals nie was wegschließen", witzelt Hirsch, "außer den Leitern".

Dann wird er ernst. Er zeigt auf drei Beete neben dem rissigen Betonweg der Grenzer. Sie wirken ein bisschen wie Gräber. "Pflanzen aus den verlorenen Lauben", sagt Hirsch knapp. Lavendel und Ziersalbei wiegen sich einsam im Wind. Hirsch erzählt von dem 80-jährigen Ehepaar, das keine neuen Beete mehr anlegen wird. "Sie hatten ein Leben lang hier ihren Garten, nun liegen beide im Krankenhaus." Dann schaut er auf das Vereinshaus, dessen Fassade Jugendliche bunt besprüht haben. "Das hier ist unsere Heimat", sagt er.

Grund und Boden vor Spekulation bewahren

Wenn im August das "Famos"-Gelände zum Verkauf steht, sagt André Hirsch trotzig, dann wollen sie schlauer sein als beim ersten Mal. "Diesmal kaufen wir selbst." Über eine Stiftung soll das Geld aufgebracht werden. Ein Vertrag werde absichern, dass das Gelände auch künftig nur für Kleingärten genutzt werden darf. Auch einen Käufer gibt es schon, die Bürgerstiftung Trias aus Hattingen im Ruhrgebiet. Deren Ziel sei es, Grund und Boden vor Spekulation zu bewahren und gemeinschaftliche Projekte zu fördern, sagt Rolf Novy-Huy, Geschäftsführer der Stiftung.

Die Stiftung Trias hat in Berlin bisher elf Liegenschaften erworben, meist alte Schulen und Krankenhäuser, in denen Mehrgenerationenprojekte entstehen. Auch das ehemalige Rotaprint-Gelände in Wedding gehört dazu. Eine Kleingartenkolonie, sagt Novy-Huy, sei eine Premiere im Portfolio.

"Wenn dadurch die Umwandlung von Grünflächen verhindert werden kann, entspricht das unseren Grundsätzen." Er hat keine Bedenken, dass es Widerstand gibt. Auch André Hirsch ist überzeugt, dass der Coup gelingt. Denn ein solcher wäre es. Mehr noch: Es wäre eine kleine Revolution im Berliner Kleingartenwesen. Wenn auch eine, die nicht jedem gefällt.

Manche Gärtner vermarkten Anlagen als Bauland

Nicht zuletzt sind die organisierten Kleingärtner strikt dagegen, zumindest, wenn es so läuft wie beim Verein "Famos", der im Juni aus dem Pankower Bezirksverband der Kleingärtner ausgetreten ist. Günter Landgraf, Präsident der Kleingärtner in Berlin, sagt drohend: "Mit einem Verkauf an eine Stiftung wird das Kleingartenwesen ausgehebelt. Ohne uns ist ein Verkauf der falsche Weg. Solche Beispiele gab es ja schon genug." Landgraf, 65 Jahre alt, ist selbst Kolonist in Treptow. Auch dort, sagt er, hätten Gärtner ihre Anlagen selbst gekauft. Allerdings unter Regie des Bezirksverbandes.

Denn das Kleingartensterben haben manche Gärtner auch selbst verschuldet. Immer wieder kamen dem Verband ganze Kolonien abhanden, weil die Pächter sich nicht an das strenge Bundeskleingartengesetz halten wollten.

Danach muss ein Drittel der Parzelle als Nutzgarten bebaut werden. Neue Lauben dürfen nicht größer sein als 24 Quadratmeter. Manche ehemaligen Anlagen firmieren deshalb heute als Einfamilienhaussiedlungen, andere haben die Gärtner selbst vermarktet – als Bauland.

Der oberste Kleingärtner

Wer den Funktionären der Kleingärtner zuhört, begreift schnell, dass es ihnen nicht allein um die dicksten Kürbisse geht. Es geht auch um Macht. Im Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. sind rund 70.000 Pächter organisiert. Rechnet man Familien und Freunde dazu, kommt man auf sechsstellige Zahlen. Die Gartenfreunde rechnen gern so. Ohne Kleingärtner, sagen sie, gewinne man in Berlin keine Wahlen.

Ohne Kleingärtner, so muss man es sagen, wäre Berlin weniger grün. In den 80er-Jahren zogen 35.000 wütende Kleingärtner zum Schöneberger Rathaus, wo damals der Senat regierte. Sie protestierten gegen die Baupläne des Senats und für ihre Gärten – erfolgreich. 1994 gab es sogar Pläne für eine eigene Kleingärtnerpartei. 1500 Laubenpieper trafen sich dafür im ICC.

Doch ausgerechnet Berlins oberster Kleingärtner, der damalige Verbandspräsident Jürgen Hurt, brachte die Aufrührer von ihrem Plan ab. Er riet stattdessen zu Bürgerinitiativen. Graswurzelbewegungen nennt man das heute – eine außerparlamentarische Opposition, in diesem Fall aus den Berliner Gärten, kann manchmal mehr bewegen als jede Partei.

Letzter Sommer in "Oeynhausen"

Jürgen Hurt, 76 Jahre alt, hat die Berliner Kleingärtner 32 Jahre lang als Präsident geführt, von 1975 bis 2007. Heute ist er Ehrenpräsident des Verbandes und hauptamtlich Kleingärtner. Sonnengebräunt sitzt er in seiner Laube in der Kolonie "Oeynhausen" in Wilmersdorf. Doch entspannt sieht er nicht aus. Die Kämpfe, die er im Großen geführt hat, wiederholen sich jetzt im Kleinen – in seiner eigenen Kolonie.

Auf dem Gelände sind Neubauten geplant. Das Gelände gehörte zuletzt der Telekom, die es an eine US-Firma verkaufte – mit Zustimmung des Bezirks. Jahrelang haben die 475 Pächter um ihre Parzellen gekämpft – vergeblich. Jetzt sieht es aus, als könnte es der letzte Sommer sein in "Oeynhausen". Wenn überhaupt, könnten 130 Parzellen erhalten bleiben, sagt Hurt, zu dem Preis, dass die geplanten Neubauten nebenan sechs Geschosse hoch würden.

Mit "Oeynhausen", so sieht es aus, verschwindet eine eigene Welt, von der die einen sagen: Ohne sie wäre Berlin nicht Berlin. Und die man dennoch von außen oft gar nicht wahrnimmt. Die Geschlossenheit hinter hohen Zäunen und Hecken stand lange symbolisch für das abgeschottete Leben vieler Kleingärtner – für Vereinsmeierei, Vorschriften und gegenseitige Überwachung. Heute sind die meisten Kolonien für die Öffentlichkeit zugänglich. Und auch untereinander sei der Umgang viel lockerer, sagt Jürgen Hurt. "Dafür haben die vielen jungen Familien gesorgt, die heute dazugehören."

Gärten als Orte der Gemeinschaft

Jürgen Hurt schaut nach seinen Tomaten, 30 Töpfe stehen im Garten verteilt. Eigentlich, sagt er stolz, gehören sie seinem Enkel. "Er ist viereinhalb und hat darauf bestanden, jeden Samen eigenhändig in die Erde zu legen." Hurt erzählt über seine eigene Jugend in Britz. Seine Eltern hatten keinen Garten. Doch er lernte das Kleingartenwesen bei seinen Jugendfreunden kennen. Was ihn faszinierte, war das Säen und Ernten im übertragenen Sinne – die Gärten als Orte, in denen Freundschaft und Gemeinschaft entsteht.

Als Jugendlicher trat er in die Schreberjugend ein, mit 17 in die SPD, die traditionell die Führungsriege der Berliner Kleingärtner stellte. Er wurde Sozialarbeiter und war im Hauptberuf lange Leiter das Jugendamtes und der Sportstätten in Wilmersdorf.

Doch der wichtigere Posten, sagt er, war immer der als Verbandspräsident. Mit gerade mal 38 Jahren übernahm er 1975 das Amt. Eine eigene Parzelle bekam er erst Jahre später. Er lacht. "Damals musste man dafür noch verheiratet sein und ein Kind haben."

Wiedervereinigung von Berlins Laubenpiepern

Es war die Zeit, als die Stadt geteilt war. Manchmal, erzählt er, habe er beim Rückflug aus Westdeutschland aus der Vogelperspektive auf Berlin geschaut, auf die riesigen Kleingartenkolonien im Ostteil. "Und dann träumte ich davon, wie es wäre, wenn wir wieder alle zusammengehören." Die Wiedervereinigung von Berlins Laubenpiepern wurde, wenn man so will, sein größter gärtnerischer Erfolg.

Hurt schaut über seinen Gartenzaun auf die Protestschilder an den Gartentoren. "Lieber Schnecken als Heuschrecken" steht da, und: "Oeynhausen muss bleiben". Es hat nichts geholfen. So schlecht wie heute, sagt Hurt, habe es um Berlins Kleingärten noch nie gestanden.

Dass ihnen ausgerechnet ein SPD-Mann den Kampf angesagt hat, macht ihn wütend. Dann lächelt er und schließt das Gartentor hinter sich. Der Wind raschelt im Laub der Apfelbäume. Gärten sind Orte der Gegenwart. Sie vermögen es, dass selbst große Probleme für einen Moment klein erscheinen.

Gemeinschaftliche Biogärten

Längst gibt es andere Modelle, die Sehnsucht nach Natur in der Stadt auszuleben: Gemeinschaftsgärten, die nichts mehr zu tun haben mit eigener "Scholle". Die Biogärten auf dem Tempelhofer Feld sind ein Beispiel, in denen Nachbarn gemeinsam Beete bestellen. Sie haben es zu weltweitem Ruhm gebracht, ebenso wie die mobilen "Prinzessinnengärten" am Kreuzberger Moritzplatz.

Die Idee ist dabei ganz ähnlich wie jene im 19. Jahrhundert. Die Stadtbewohner sollten an die frische Luft, sollten lernen, sich selbst gesund zu ernähren – und begreifen, was Natur bedeutet. Oft entstanden die Kolonien zwischen Bahnlinien und in Einflugschneisen, auf "Unland" eben, wo die Stadt nicht Stadt sein wollte.

Auch die Prinzessinnengärten sind 2009 auf einer Brache entstanden, an der einstigen Grenze zwischen Ost und West. Inzwischen steht gegenüber der moderne Betonbau des Aufbau-Hauses, mit dem das kreative Mitte-Berlin nach Kreuzberg kam. Wer den Garten betritt, erlebt dieselbe Überraschung wie auch in den Kleingartenanlagen: Es ist schattig, kühl – und die Stadt-Welt tritt plötzlich einen Schritt zurück.

Manche Freiwilligen kommen täglich

Auch hier reifen Kartoffeln, Tomaten und Bohnen neben Kräutern und Obst. Nur dass die Beete hier nicht in ordentlichen Reihen verlaufen, sondern die Pflanzen in Säcken und Kisten gedeihen. Die Prinzessinnengärten sind ein "mobiler" Garten, selbst das Gras wächst in Kisten, als sei Natur hier bereit, jederzeit umzuziehen, sobald die gefräßige Stadt das Land für sich will.

Doch so ist es nicht. Inzwischen haben rund 6000 Freiwillige in dem Garten Hand angelegt. Manche kommen täglich, sagt Florian Raffel, der als Softwareentwickler ein Sabbatjahr in den Prinzessinnengärten macht. Manche helfen ab und zu und essen im Café Salat aus eigenem Anbau. Andere haben ihre Begeisterung für die Prinzessinnengärten in die Welt getragen. Zwischen Schülergruppen aus Kreuzberg stehen Touristen und internationale Studenten, die die "aufregendsten Alternativgärten der Welt" studieren.

Inzwischen kämpfen die Prinzessinnengärtner denselben Kampf wie die Kleingarten-Kolonisten. Sie wehren sich gegen den Verkauf. 30.000 Menschen haben im Internet dafür 2012 unterschrieben. Sie trieb die Erkenntnis, dass Menschen und ihre Gärten auch im übertragenen Sinne Wurzeln schlagen können. Und dass diese tiefer reichen als manches, was in Beeten wächst.

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