Nur die Klimaanlage braust leise, sonst herrscht konzentrierte Stille. Aufsichtspersonen patrouillieren durch die Gänge. Eine große Projektion zeigt die aktuelle Uhrzeit. Um 13.20 Uhr, nach zwei Stunden und 80 Fragen mit Multiple-Choice-Auswahl bei den Antworten, ist Schluss. Dann müssen die etwa 150 jungen Menschen im Saal ihre ausgefüllten Fragebögen abgeben. In diesem und in zwei weiteren Sälen des Berliner Congress Centrums (BCC) am Alexanderplatz haben am Dienstag insgesamt etwa 600 Bewerber für einen Medizin- oder Zahnmedizin-Studienplatz an der Charité ihre Zulassungstests absolviert.
Es sind 600 von rund 5500, die gern zum Wintersemester 2013/2014, also in rund zwei Monaten, loslegen wollen. Aber nur 340 Studienplätze gibt es – die Auswahlkriterien sind hart. 20 Prozent dieser 340 Plätze werden unter den Abi-Besten mit einer Gesamtnote von 1,6 oder besser vergeben. Weitere 20 Prozent vergibt die Stiftung für Hochschulzulassung (ehemals ZVS) aufgrund der Wartezeit seit der ersten Bewerbung. Und 60 Prozent über den aktuellen Test im BCC, 1000 Bewerber mit wurden eingeladen, 600 sind erschienen.
Was ist mit den restlichen 400? Entweder haben sie schon zuvor einen Studienplatz an einem anderen Ort bekommen, oder sie sind krank – oder sie haben einfach die Einladungs-Mail übersehen. Dann können sie es in einem halben Jahr wieder probieren.
Prüfung nach demselben Modus parallel auch in Hamburg und Magdeburg
Abgefragt werden – weil das Medizinstudium nun mal naturwissenschaftlich ausgerichtet ist: Mathematik (zum Beispiel Dreisatz, Zehnerpotenzen, Berechnung von Konzentrationen), Physik (zum Beispiel Ohmsches Gesetz, Wellenoptik), Chemie (unter anderem chemische Bindungstheorie und Säurestärken) sowie Biologie (zum Beispiel die Mendelschen Regeln und Protein-Biosynthese). Der Test wurde gemeinsam mit dem Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf entwickelt. Dort sowie an der Uni Magdeburg wird mit ähnlichen Tests exakt zeitgleich geprüft. Die Prüfungsunterlagen werden wie Geheimmaterial behandelt und nicht herausgegeben. Denn in einem halben Jahr werden die Fragen leicht verändert wieder eingesetzt. Wer allerdings einen Eindruck vom Schweregrad der Prüfung bekommen will, kann vergleichbare Fragen beim Universitätsklinikum Eppendorf abrufen.
„Das ist heute die Berliner Premiere“, sagt Burkhard Danz, der Leiter des Referats für Studienangelegenheiten der Charité. Denn bislang gab es einen anderen Zulassungsmodus. Bisher wurden Punkte vergeben für die Teilnahme am naturwissenschaftlichen Unterricht in den letzten vier Halbjahren vor dem Abitur. Und es gab ein individuelles Bewerbungsgespräch mit einem Charité-Mediziner.
Doch beides war nicht mehr zu halten. Die Interviews boten viele juristische Angriffspunkte. Allzu leicht bekommen Fragen eine politische, ethische oder religiöse Wendung, und damit sind die juristisch angreifbar. Rund 2000 Mal pro Jahr versuchen Bewerber sich auf einen Medizinstudienplatz einzuklagen. Doch vor allem hatte die EU die Punktevergabe für die Teilnahme an naturwissenschaftlichen Fächern in der Oberstufe untersagt. Denn in Europa gibt es Abiturformen ohne Noten für Einzelfächer, etwa beim International Baccalaureate oder an Waldorfschulen. Wer ein solches Abitur absolviert hat, wird benachteiligt, sagte die EU-Kommission.
Strenges Protokoll mit Wachschutz und Handy-Ortung
Nun also der Wissenstest mit objektiv messbaren Ergebnissen. „In der Medizin gibt es sehr viel mehr Bewerber als Studienplätze. Durch das neue Auswahlverfahren für medizinische Studiengänge wollen wir diejenigen finden, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit das Studium erfolgreich abschließen werden“, sagt Burkhard Danz.
Der Prüfungsablauf ist streng. Im Saal kein Essen, keine Getränke, kein Wörterbuch oder Taschenrechner, schon gar kein Handy; auch ausgeschaltete Geräte könnten geortet werden. Nur jeweils eine Person darf zwischendurch zur Toilette. 21 Personen – Angestellte der Charité und Wachschutzpersonal – passen auf, dass nicht mit internetfähigem Smartphone oder klassisch mit Spickzettel geschummelt wird. Schon der Versuch führt zur Disqualifikation.
Die Bewerber arbeiten konzentriert, sie wollen zum Studium nach Berlin. Ende der Woche erfahren sie, ob es geklappt hat. „Der Run auf Berlin hält an“, sagt Burkhard Danz. Stadt und Charité haben einen guten Ruf.





