Mediziner

Gute Aussichten für angehende Hausärzte in Berlin

Viele Allgemeinmediziner in Berlin und im Berliner Umland stehen kurz vor dem Ruhestand. Wer sich als Hausarzt niederlassen will, hat gute Chancen. Doch wo bleibt der qualifizierte Nachwuchs?

Foto: Volker Nies / dpa

Harald Kamps hat viele Jahre als Hausarzt in Norwegen gearbeitet. „Die Wertschätzung für Hausärzte ist dort hoch“, erzählt der Mediziner. Die Bezahlung sei ausgesprochen gut. Um bei seiner Partnerin in der deutschen Hauptstadt zu leben, kehrte der damals 54-Jährige jedoch in seine Heimat zurück. 2005 übernahm er eine Praxis in Berlin-Lichtenberg. Als sich die Chance bot, baute er diese zum Hausärztlichen Zentrum aus. Er kam zurück, obwohl ihm die Problematik des deutschen Systems bekannt war. Ein System, in dem unklar ist, welche Rolle Hausärzte in der medizinischen Versorgung spielen sollen und wie ihr Einsatz angemessen zu vergüten ist.

Sein Beruf macht Harald Kamps nach wie vor Spaß, die hausärztliche Versorgung sei der spannendste Bereich der Medizin. Dass die Honorierung der Leistungen trotz großer Herausforderungen und Beanspruchung aktuell eher mager ist und der geringe Anteil an Privatpatienten in einem Stadtteil wie Lichtenberg das Einkommen kaum aufbessert, nimmt der Mediziner in Kauf. „Wir verdienen unser Geld“, sagt er. Obwohl man sich in seiner Praxis Zeit für die Patienten nehme und auf das weit verbreitete Angebot von Zusatzleistungen verzichte. „Wie man arbeitet, bleibt eine Frage der Werte, ob man zufrieden ist, letztlich eine Frage der Ansprüche“, sagt Kamps.

Praxis im Team

Unverzichtbar findet der Arzt allerdings die Arbeit im Team. Um täglich vom Austausch mit Medizinern zu profitieren, holte sich Harald Kamps drei Kolleginnen ins Boot. Neben einer angehenden Fachärztin für Allgemeinmedizin arbeitet seit drei Jahren auch die promovierte Ärztin Stephanie Steinbeis in seiner Praxis. Die Medizinerin begann sich während des Studiums an der Ludwig-Maximilian-Universität in München für Allgemeinmedizin zu interessieren, fällte schließlich bewusst die Entscheidung für die – wie sie es nennt – „komplexen Herausforderungen“ der hausärztlichen Tätigkeit. Als angestellte Ärztin zu arbeiten, hält Stephanie Steinbeis für ideal, weil sie so Beruf und Familie gut vereinbaren kann. „Vor allem aber schätze ich die Teamarbeit“, betont die 42-Jährige. Die betriebswirtschaftliche Herausforderung, als niedergelassene Ärztin eine Einzelpraxis zu führen, wäre hingegen nicht ihr Fall.

In der Familie von Hans Martin Sobottka hat es dagegen immer schon niedergelassene Ärzte gegeben. Mit der Aufnahme seines Medizinstudiums an der Universität Aachen machte der Westfale nach der Schule den ersten Schritt, orientierte sich in Mönchengladbach und schließlich am Deutschen Herzzentrum in Berlin allerdings erst in Richtung Kardiologie. Doch dann musste Sobottka seine Mutter in ihrer Hausarztpraxis bei Dortmund vertreten. Die Mutter hatte sich ein Bein gebrochen.

„In diesen Wochen habe ich eine faszinierende Berufswelt kennengelernt“, erzählt der 39-Jährige, der mittlerweile Praxisinhaber ist. Damals entschied er sich für den Wechsel von der – wie er es ausdrückt – einseitigen Hightech-Medizin der Hauptstadt zur Rundumversorgung einer Hausarztpraxis in der 87.000 Einwohner zählenden Stadt Lünen: Erst als Fortbildungsassistent bei seiner Mutter, dann als so genannter Job-Sharing-Partner. „Es gibt als Mediziner nichts Spannenderes und Abwechslungsreicheres als den Beruf des Hausarztes“, sagt Hans Martin Sobottka heute. Wie ein Detektiv trage man Puzzleteile zusammen und erarbeite Diagnosen und Therapien. Man bekomme auch seltene Krankheiten zu Gesicht, die aufzuspüren einen besonderen Reiz darstelle. „Anders als in der anonymen und vorsortierten Krankenhausmedizin erhalte ich als Hausarzt ein unselektiertes Patientengut und einen tiefen Einblick in den Lebensalltag der Menschen“, erzählt Sobottka. „Ich lerne Sorgen und Nöte, oft ganze Familiengeschichten kennen und begleite Patienten über Jahre, manchmal Jahrzehnte.“

Zum Teil seien seine Patienten nicht nur bei ihm und seiner Mutter, sondern schon bei seinem Großvater in Behandlung gewesen. Viele Patienten seien mittlerweile hochbetagt, sagt Hans Martin Sobottka. So macht er bis zu 60 Hausbesuche im Monat. Finanziell lohnen sich diese Hausbesuche zwar nicht, doch sie gehören zu seiner Tätigkeit als Hausarzt dazu.

Natürlich hat es seit dem Praxiseintritt des Juniors Veränderungen gegeben: „Ich habe Arbeitsabläufe verändert, ein Qualitätsmanagement eingeführt und zur Verbesserung der medizinischen Versorgung den Servicegedanken in der Praxis noch mehr in den Vordergrund gestellt“, sagt Sobottka.

Nachfolger gesucht

Damit zwei Mediziner voll arbeiten und abrechnen können, musste er den Praxisstandort eines Kollegens dazukaufen, der in den Ruhestand gegangen ist. Einige Jahre will seine Mutter noch als Ärztin tätig sein, dann wird Hans Martin Sobottka sich nach einem jungen Kollegen umschauen müssen. Die Chancen, in der Zukunft einen passenden Partner zu finden, sieht er mit gemischten Gefühlen. „Mehr als ein Drittel der in Lünen praktizierenden Hausärzte ist über 60 und bereitet sich auf den Ruhestand vor. Da Nachfolger rar sind, sinken die Übernahmepreise für Sitze in der Region rasant.“

In einer gefragten Metropole wie Berlin sieht die Situation anders aus. „Je nach Patientenstamm, Lage und Ausrichtung kosten Sitze in Berlin zwischen 30.000 und 70.000 Euro“, sagt Wolfgang Udo Kreischer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg (BDA). In manchen Fällen würden junge Allgemeinmediziner für eine Praxisübernahme sogar bis zu 100.000 Euro bezahlen.

„Die meisten Ärzte, die sich niederlassen wollen, haben kein Eigenkapital“, weiß Georg Heßbrügge, der bei der auf Ärzte- und Apothekerfinanzierung spezialisierten Apobank den Bereich Gesundheitsmärkte leitet. Wenn die Planung gut sei, der Businessplan stimmig und der Standort einen soliden Praxisbetrieb verspräche, stünde einer Finanzierung durch sein Institut nichts im Wege. „Da sich unsere Experten die Projekte genau anschauen und die Business-Planung mit dem Existenzgründer besprechen, klappt es später mit der Rückzahlung der gewährten Kredite aus dem Praxisbetrieb heraus fast immer reibungslos“, sagt Heßbrügge.

Mangel in Brandenburg

Noch gibt es in Berlin genügend Hausärzte, doch auch in der Hauptstadt stehen viele Allgemeinmediziner kurz vor dem Ruhestand. Die Zahl der Hausarztpraxen ist bereits rückläufig. „Wir machen uns über den Nachwuchs Gedanken“, vermeldet entsprechend der Hausärzteverband. Auch im Speckgürtel um Berlin arbeiten bislang genügend Hausärzte, doch in Brandenburg herrscht bereits in den meisten Regionen Mangel.

„Nur Potsdam und der Kreis Märkisch-Oderland sind ausreichend versorgt, ansonsten sind in allen Städten und Kreisen Hausarztsitze frei“, sagt Ralf Herre von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg. Insgesamt 120 Sitze seien aktuell ohne Übernahmekosten zu haben. „Die Berufsaussichten für junge Hausärzte waren jedenfalls noch nie so gut wie heute“, betont Wolfgang Udo Kreischer vom Hausärzteverband Berlin und Brandenburg.

Als sich Manuel Fassbender für eine Niederlassung in der Hauptstadt entschied, war Nachwuchsmangel noch kein Thema. Als Assistenzarzt arbeitete Fassbender zunächst acht Jahre im Krankenhaus, sechs Jahre in Berlin, anschließend zwei Jahre in Nordrhein-Westfalen. Nach seiner Facharztprüfung in Innerer Medizin entschied sich der damals 37-Jährige für die Niederlassung als hausärztlicher Internist in Zehlendorf. Als ein benachbarter Hausarzt in den Ruhestand ging, sah Fassbender die Gelegenheit, zukünftig wieder im Team zu arbeiten: Zusammen mit der Allgemeinmedizinerin Sylvia Grotjohann-Ernst, die in Rostock studierte, anschließend in London praktizierte und den freiwerdenden Sitz kaufte, gründete er eine Praxisgemeinschaft.

Gemeinsames Personal

„Wir teilen uns die Räumlichkeiten und das Personal und vertreten uns im Krankheitsfall, aber jeder hat seine eigenen Patienten“, erläutert Sylvia Grotjohann-Ernst die Organisationsstruktur der Praxis. Während die promovierte Ärztin Schulmedizin mit verschiedenen Elementen der Naturheilkunde kombiniert, behandelt ihr ebenfalls promovierter Kollege Manuel Fassbender rein schulmedizinisch. „Da meine Behandlung große Gesprächsanteile enthält, deckt die Abrechnung über die Kassen gerade meine Kosten“, sagt die 48-Jährige.

Möglich mache ihre Form der Arbeit die der Naturheilkunde gegenüber aufgeschlossene Zehlendorfer Klientel. Denn in die Gemeinschaftspraxis kommen relativ viele Privatpatienten. Verdient werde erst mit privaten Zuzahlungen, sagt die Allgemeinmedizinerin. Um ihren Idealen einer ganzheitlichen Medizin nachzugehen, verzichte sie unter dem Strich aber trotzdem auf einen guten Teil möglichen Einkommens. Dennoch sagt Sylvia Grotjohann-Ernst: „Ich kann mir keinen erfüllenderen Beruf vorstellen.“