Mit so viel Begeisterung haben die Schüler des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums in Berlin-Prenzlauer Berg wohl noch nie einen Vertretungslehrer begrüßt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag das Schulgelände des altsprachlichen Gymnasiums betrat, um die erste Unterrichtsstunde ihres Lebens zu geben, standen die Schüler Spalier, um ihr die Hand zu schütteln und ein Foto mit dem Smartphone zu erhaschen.
Die Kanzlerin übernahm in der zwölften Klasse, Grundkurs Geschichte, eine Lehrstunde zum Mauerbau, der sich am Dienstag auf den Tag genau zum 52. Mal jährte.
Am 13. August 1961 hatte die DDR-Führung unter Walter Ulbricht begonnen, Sperranlagen um die Westsektoren zu bauen. Ziel sollte es sein, die Abwanderung der Fachkräfte aus dem Osten zu stoppen. Die 155 Kilometer lange Mauer, quer durch die Stadt gezogen, besiegelte die deutsche Teilung, die erst am 9. November 1989 zu Ende ging. Mindestens 136 Menschen starben an der Mauer.
Was die Kanzlerin genau vor den Oberschülern über den Tag des Mauerbaus referierte, blieb geheim. Fotos waren zwar zugelassen, doch bei der Unterrichtsstunde sollten Journalisten draußen bleiben.
Antworten auf Interviews waren den Schülern verboten
Vorbereitet jedenfalls hatte sich die Bundeskanzlerin für ihre erste Unterrichtsstunde. „Ich habe mich mal ein bisschen geschichtlich sattelfest gemacht“, sagte sie. 1961 – im Jahr des Mauerbaus – sei sie selbst schließlich gerade erst eingeschult worden.
Mit dem Unterrichtsthema wollte die Kanzlerin das Bewusstsein der Schüler für freiheitliche und demokratische Traditionen in der deutschen Geschichte stärken, ließ ihr Sprecher Georg Streiter verlauten.
Die Vertretungsstunde ging auf eine Initiative der Schüler selbst zurück. In einer Aktion des Jugendmagazins „Spiesser“ hatten sich die Schüler die Bundeskanzlerin als Vertretungslehrerin gewünscht. Und deshalb war auch nur ein Vertreter des Magazins im Klassenzimmer zugelassen.
Vielleicht wurde die Kanzlerin von den Schülern gefragt, wie sie selbst die Mauer in Erinnerung hat, und möglicherweise wird sie erzählt haben, wie sie damals am 9. November 1989 ganz in der Nähe der Schule in der Sauna im Thälmann-Park in Prenzlauer Berg saß, als die Mauer fiel. Was die Schüler in dieser einen Vertretungsstunde gelernt haben, durften sie auch im Anschluss nicht erzählen. Antworten auf Interviews waren den Schülern verboten. Sicher ist, dass sie diese Stunde nicht so schnell vergessen werden und so wohl auch das Datum des 13. August 1961 in ihrem Gedächtnis eingebrannt bleiben wird.
Die zentrale Gedenkfeier fand am Dienstag an der Mauer-Gedenkstätte statt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) haben für die Opfer der deutschen Teilung in Berlin Kränze niedergelegt. Beide Politiker mahnten zum Gedenktag, die Toten nicht zu vergessen. Gerade jungen Menschen müsse verdeutlicht werden, wie die DDR-Führung die Freiheitsrechte ihrer Bürger mit Füßen getreten habe, sagte Neumann.
Erinnerung an Peter Fechter an der Zimmerstraße
Zu einem stillen Gedenken versammelten sich zahlreiche Menschen genau 12 Uhr an der Peter-Fechter-Gedenkstele an der Zimmerstraße in Mitte. Ein Jahr nach der Errichtung der Mauer versuchte der 18-jährige Peter Fechter gemeinsam mit einem Freund über die Mauer an der Zimmerstraße zu fliehen.
Sein Freund schaffte es, die Mauer zu überwinden. Fechter dagegen wurde im Grenzstreifen von einer Kugel der DDR-Grenzer getroffen. Fast 50 Minuten blieb der angeschossene Mann im Grenzstreifen liegen und verblutete. Das Foto, wie Soldaten den Sterbenden schließlich wegschleppen, wurde zum Symbol für die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes. Auch Gisela Geue, die Schwester des erschossenen Peter Fechter, gedachte an der Stele ihres Bruders.
Bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung waren auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses Ralf Wieland (beide SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU) vertreten. Vom Medienunternehmen Axel Springer, das die Stele an diesem Ort errichten ließ, nahmen unter anderem Mehrheitsaktionärin Friede Springer und Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner teil.
Den Antrag, die Zimmerstraße in Peter-Fechter-Straße umzubenennen, hatte die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte im Juni 2013 abgelehnt. Stattdessen wurde beschlossen, einen kleinen gepflasterten Platz zur Ehrung des Mauer-Opfers zu schaffen.
Das reiche nicht aus, sagte CDU-Generalsekretär Kai Wegener. Er will sich weiter mit Nachdruck beim Bezirk für die Umbenennung der Straße einsetzen. Und auch die Senatskanzlei sehe er hier in der Pflicht, denn das Thema betreffe nicht nur den Bezirk.
In einem Brief hatte sich Wegener deshalb an die Senatskanzlei gewandt. Bisher ohne Ergebnis.





