Berliner Mauer

Mauerbau - Heute vor 52 Jahren wurde West-Berlin abgeriegelt

Am 13. August 1961 flohen Ost-Berliner an der Ebertstraße in die Freiheit. Die Stiftung Berliner Mauer will die Geschichten dieser Menschen in einem Buch festhalten und sucht Zeitzeugen.

Foto: Stiftung Berliner Mauer,Michael-Reiner Ernst

Günstige Gelegenheiten muss man sofort ergreifen, denn so bald kommen sie oft nicht wieder. Genau dieses Gefühl haben am Vormittag des 13. August 1961 unzählige Ost-Berliner.

Sie sind am Morgen dieses Sonntags von der Nachricht überrascht worden, dass die DDR-Regierung die bislang zwar kontrollierte, aber doch passierbare innerstädtische Demarkationslinie zwischen dem sowjetischen und den drei westlichen Teilen der Stadt geschlossen habe. Ungläubig strömen Zehntausende so schnell wie möglich zur Sektorengrenze, um sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen.

Mehrere hundert Ost-Berliner versammeln sich auf dem weiten Brachland südlich des Grenzübergangs Brandenburger Tor. Hier lagen bis 1945 die feudalen, aber strikt unzugänglichen Ministergärten. Doch nach der Enttrümmerung der zerstörten Wilhelmstraße sind nur einige Hektar Wiesen mit ein paar jungen Bäumen und Bruchstücken von Mauerwerk geblieben.

Ein Zaun durch die Stadt

Jetzt allerdings steht an der Westseite des Areals, ein neuer, ein Maschendrahtzaun an gut zwei Meter hohen Betonpfosten und darüber zwei Stränge Stacheldraht. Seit dem frühen Morgen haben Pioniere der DDR-Grenzpolizei auf dem östlichen Bürgersteig der Ebertstraße, wenige Meter vor der eigentlichen Sektorengrenze am Rinnstein, mit Presslufthämmern Löcher geschlagen und die Pfeiler darin verankert – geschützt von einer doppelten Postenkette. Als die Sonne aufgeht, ist ein Großteil des Zauns vom Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz fertig gestellt.

Zwischen Sektorengrenze und Zaun patrouillieren DDR-Grenzer mit Maschinenpistolen. Dass deren Magazine nicht geladen sind, wissen die Menschen auf der anderen Seite des Maschendrahts nicht. Bedrohlich wirken die Uniformierten, die meist ausgesprochen finster dreinblicken, auf jeden Fall. Die DDR-Wachen halten sich strikt hinter der Demarkationslinie und schreiten gegen West-Berliner nur ein, wenn jemand die „Staatsgrenze“ der DDR „verletzt“, wie es heißt. Dann kommt es zu Rangeleien, manchmal auch zum drohenden Einsatz von Bajonetten. Aber wer sich westlich der Sektorengrenze hält, also auf der Ebertstraße, hat von den Grenzern nichts zu befürchten.

West-Berliner hielt Flucht mit seiner Kamera fest

Auch der junge West-Berliner Michael-Reiner Ernst ist zum bisher offenen Areal südlich des Brandenburger Tors gekommen, und er hat seinen Fotoapparat dabei. Gegen 11 Uhr vormittags tut sich etwas: Auf West-Berliner Seite haben sich Dutzende konsternierte Augenzeugen der Grenzsperrung eingefunden, auf östlicher Seite des Zauns stehen wesentlich mehr oft junge Leute, die ihren Augen nicht trauen.

Dann geht alles sehr schnell. Als sich die nächsten Grenztruppen-Patrouillen sich zufällig beide gleichzeitig abwenden, laufen West-Berliner an den Zaun. Mit dabei und damit auf DDR-Territorium: Michael-Reiner Ernst. Er drückt mehrfach auf den Auflöser seiner Kamera und bannt so mehr als ein Dutzend Gesichter von Ost-Berlinern auf Film.

„Bilder sind voller Dramatik“

Ihnen ist Anspannung anzusehen. Offenbar in kurzer Zeit wird der Maschendrahtzaun zwischen zwei Pfeilern ausgeknipst, dann strömen Ost-Berliner auf die Ebertstraße und damit in die Freiheit. Meist sind es junge Leute, aber auch eine ältere Frau und – festgehalten von einem Fotografen des französischen Magazins „Paris Match“ – ein altes Ehepaar nutzen die Gunst des Augenblicks.

„Die Bilder dieser spontanen Flucht sind voller Dramatik“, sagt Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Seine Einrichtung hat die Bilder von Michael-Reiner Ernst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zum ersten Mal in einer kleinen Ausstellung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus 2011. „Man kann nur darüber spekulieren, was die einzelnen Menschen zu ihrem Ausbruch in eine ungewisse Zukunft bewegte“, fügt der gelernte Kunsthistoriker hinzu.

Motivation der Flucht

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, startet Klausmeier zusammen mit Uwe Neumärker, dem Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, einen Aufruf an Zeitzeugen der Flucht, sich zu melden. „Es sind die Geschichten der Menschen, die so unendlich viel über das Leben in der Diktatur und die Motivationen, Heimat, Freunde und Familien auf ungewisse Zeit zu verlassen, erzählen“, betont Klausmeier. Diese Geschichten seien für die Gedenkstätte von unschätzbarem Wert. Sie sollen in einem Buch veröffentlicht werden.

Neumärkers Institution, zuständig für einen anderen Teil der Berliner und deutschen Zeitgeschichte, beteiligt sich aus einem zusätzlichen Grund an dem Aufruf: „Es kann fast als Ironie der Geschichte aufgefasst werden, dass der Ort der Massenflucht am 13. August 1961 wenige Zeit nach dem Fall der Mauer zum Standort des nationalen Holocaust-Mahnmals eines wiedervereinigten Deutschland ausgesucht wurde.“

Was ging in Köpfen der Ost-Berliner vor?

Vielleicht sei das angesichts zweier, wenn auch sehr unterschiedlicher Diktaturen aber auch nur konsequent: „Wie einst die Mauer am Brandenburger Tor zum Programm eines jeden Berlin-Besuchs gehörte, ist es am Symbol der Deutschen Einheit seit 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.“

Nach wenigen Augenblicken entdeckt eine Streife von DDR-Grenzern, dass Ost-Berliner reihenweise flüchten. Im Eilschritt nähern sich rund zehn Uniformierte. Allein das schreckt sicher viele Menschen ab, die noch hinter dem Durchlass stehen. Doch was genau in diesem Moment in ihren Köpfen vorgeht, kann kein Foto der Welt festhalten. Wie fühlt es sich an, die Chance zur relativ risikolosen Flucht verpasst zu haben? Das ist eine der Fragen, auf die Klausmeier und Neumärker Antworten erhoffen.