Am Anfang sieht man das Regierungsviertel von oben. Spree, Bundestag, Kanzleramt. Dynamische Musik, dazu ein paar Sätze: „Es ist Merkels ganz persönliche Trutzburg geworden: das Berliner Kanzleramt.“ Der ZDF-Film „Mensch Macht Merkel“ stellt die Frage: Wer ist Angela Merkel?
Bei ihren Vorgängern war diese Frage einfacher zu beantworten. Da war Willy Brandt, der Visionär. Helmut Schmidt, der Lotse und Weltökonom. Und Helmut Kohl, Vater der Einheit. Bei Gerhard Schröder wurde es schon schwieriger, erst war er Genosse der Bosse und Medienkanzler, schließlich Basta-Kanzler.
An Angela Merkel hingegen beißen sich die Beobachter seit acht Jahren die Zähne aus. Das erkennt man schon daran, wie viele Erklärungsansätze es gibt. Eine kleine Auswahl: Sie hat keine Grundsätze, schreiben die einen. Sie ist eine Schwarze Witwe, die ihre Koalitionspartner verspeist wie die weibliche Spinne das Männchen nach dem Liebesakt, schreiben die anderen. Einer der überzeugendsten Ansätze kommt von Nikolaus Blome, Hauptstadtbüroleiter der „Bild“-Zeitung, der Merkel als „Zauder-Künsterlin“ porträtiert.
Wie also tickt die Kanzlerin? Die ZDF-Journalisten Bettina Schausten und Mathis Feldhoff, die Merkel seit Jahren begleiten, skizzieren die Kanzlerin als Physikerin der Macht. Das ist nicht originell, aber es funktioniert zunächst ziemlich gut. Merkel, so erklärt es uns der Physiker Harald Lesch, zerlegt ein „großes, unlösbares Problem in kleine, besser lösbare Probleme“.
Ansonsten charakterisieren Politiker. Da gibt es verschiedene Gattungen. Erstens den Typus Fundamentalopposition. Sprechen dürfen Gregor Gysi und Katrin Göring-Eckardt. Zweitens die Gefallenen: Jörg Schönbohm, der sich wieder mal um die konservativen Werte in der CDU sorgt, und Roland Koch, der voller Hochachtung von Merkel spricht. Drittens die Unionspolitiker, die noch was zu sagen haben. Ursula von der Leyen lobt Merkels Streitkultur: „Niemals laut, immer sachorientiert, niemals verletzend.“ Und Wolfgang Schäuble tut sogar etwas, was so gar nicht zu ihm passt – und gesteht einen Fehler ein: „Ich hatte damals nicht recht.“
„Popstar der Politik“
Das ist unterhaltsam. Zudem ist der Film eine Geschichtsstunde, die einem bewusst macht, wie spannend die Ära Merkel eigentlich ist. Doch irgendwann merkt man: Dieses Porträt kratzt auch bloß an der Oberfläche. Da geht es kurz um die FDP und das Verhältnis der Kanzlerin zu ihrem Vizekanzler Philipp Rösler, dann schon wieder um Fukushima und die Energiewende.
Der Film ist ein Eintopf. Alles, was in den vergangenen vier Jahren geschehen ist, wird reingepackt. Der Film will zu viel. Und am Ende heißt es: „Angela Merkel hat noch nicht genug. Längst ist sie ein Popstar der Politik.“
Das ist keine These. Vielleicht hätten die ZDF-Journalisten besser nur eines gesagt: Diese Frau ist und bleibt eine Sphinx. Unnahbar und undurchschaubar.
Heute Abend (13. August 2013), 20.15 Uhr, ZDF, „Mensch Macht Merkel“


